Novizin im Dürener Karmel: „Geheimnis zwischen Mensch und Gott“

Von: Stephan Johnen
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Ein Leben für das Gebet: Inese Moškarina ist ihrer Berufung gefolgt und lebt als Schwester Nathanaela seit 2011 im Dürener Kloster der Karmelitinnen. Foto: Stephan Johnen

Düren. Selbstverständlich wurde Weihnachten gefeiert. Auch wenn sich niemand in der Familie von Inese Moškarina als gläubig bezeichnet hätte. Die Mutter war zwar katholisch, der Vater russisch-orthodox, doch über Gott wurde nicht gesprochen.

Gott wurde auch nicht verleugnet. Die Religion spielte schlicht keine Rolle im Leben der Familie. „Statt Gott gab es Marx und Lenin. Ich bin in einem kommunistischen Umfeld aufgewachsen“, blickt die 34 Jahre alte Inese Moškarina auf ihre Jugend in Lettland zurück. Seit ihrer Einkleidung und ersten Profess trägt sie den Ordensnamen Schwester Nathanaela und lebt im Dürener Karmel. Ihren Entschluss, im Jahr 2011 dem Orden der Allerseligsten Jungfrau Maria vom Berge Karmel beizutreten, könnten ihre Eltern bis heute nicht verstehen. „Es fällt ihnen nicht leicht“, sagt die Novizin. Und sie selbst hat sich die Entscheidung auch nicht gerade leicht gemacht. Das Ziel sei klar gewesen, der Weg dorthin jedoch hatte viele Abzweigungen.

„Berufung ist ein Geheimnis zwischen Mensch und Gott“, sagt die Novizin. Das Verständnis vollziehe sich im Innersten, dem Berufenen selbst verborgen. Mit zehn Jahren habe sie eine russische Verfilmung der „Drei Musketiere“ gesehen. „Russische Filme haben mehr Tiefgang“, findet sie. Im Film jedenfalls versteckt sich eine Frau im Kloster – und Inese Moškarina sah zum ersten Mal eine Nonne, eine Frau im Habit, die Gott um Hilfe bat.

„Ich habe mich von diesem Lebensentwurf angezogen gefühlt“, sagt sie. Ob es romantische Sentimentalität eines Mädchens war? „Diese Stelle hat meine Seele berührt“, antwortet Schwester Na-thanaela ohne lange nachdenken zu müssen. Mit 16 begann sie, regelmäßig in die Kirche zu gehen.

Der Fall der Berliner Mauer und der anschließende Zusammenbruch der Sowjetunion offenbarte neue Möglichkeiten: Inese Moškarina musste nicht Mitglied der kommunistischen Jugendorganisation werden, nach der Unabhängigkeit Lettlands praktizierten viele Menschen ihren Glauben offener. „Mit meiner Berufung ist es wie mit meinem Glauben. Bei einem Kirchbesuch hatte ich Gewissheit: Ich glaube“, sagt sie rückblickend. Solche Augenblicke könnten nicht erzwungen, erbettelt, erkauft oder von frommen Übungen ausgelöst werden. „Es sind Geschenke“, sagt Nathanaela. Unerwartet, unerhofft, intensiv – und vielleicht auch unverdient. „Am Anfang war diese Stimme da, obwohl ich nicht wusste, wem sie gehört.“ Sie habe sich aufgemacht, den Rufer zu finden.

Doch der Weg führte zunächst nicht ins Kloster. Nach dem Abitur 1999 arbeitete sie mehrere Jahre in Irland in einem Hotel, sammelte Berufserfahrung. 2003 kam sie nach Düren. „Ich verspürte weiter den Ruf, in ein Kloster zu gehen“, sagt sie. Sie lebte einige Zeit als sogenannte Kandidatin im Dürener Karmel, lernte das Leben in der Gemeinschaft kennen, die Spiritualität. Das Leben im Karmel ist ein Leben im Verborgenen, ein Leben in Stille. Die Schwestern folgen einer kontemplativen Berufung. Sieben Gebetszeiten sieht der streng reglementierte Tagesablauf vor, doch die Berufung zum Beten erschöpft sich nicht auf die Teilnahme an den Gebeten. Das Leben der Karmelitinnen, ihr ganzes Tun und Sein, soll zu einem Gebet für die Kirche, die Welt und die Menschen werden. Grundlage ist das Vertrauen in das Gebet, die Fürbitte vor Gott. „Wir sind aber nicht aus der Welt“, sagt Schwester Benedicta, Priorin des Karmel. Von Weltfremdheit oder Flucht könne nicht die Rede sein. „Wer vor der Welt flüchten möchte, wird bei uns nicht glücklich“, sagt sie.

„Gerade diese Lebensweise hat mich angezogen“, sagt Schwester Nathanaela. Das Leben im Karmel sei ein Sich-Zurücknehmen. Durch die Gebete könne jeder Mensch an jedem Ort erreicht werden. Doch sie verließ das Kloster wieder, obwohl die Gemeinschaft bereit war, sie als Postulantin aufzunehmen. „Mein Leben hat verschiedene Wendepunkte gehabt. Es gab Zeiten, in denen ich diesem Ruf nicht folgen wollte“, erklärt Schwester Nathanaela. War es Zweifel? Angst? Eine Suche nach Alternativen? „Ich habe den Ruf zwar vernommen, aber mit dem ‚Ja‘ gerungen.“ Oder anders formuliert: Sie habe Angst bekommen. Angst, für diesen Schritt nicht würdig zu sein, nicht bereit zu sein.

Ihr Weg führte stattdessen nach Norwegen, dann wieder nach Lettland. Mehrere Jahre arbeitete sie als Stewardess. „Ich habe viel gearbeitet, aber keine wichtigen Sachen gemacht“, fasst sie zusammen. „Aber Gottes Ruf ist treu. Der weltliche Lärm lenkt uns von seiner leisen Stimme ab, kann sie aber nie zum Schweigen bringen“, berichtet sie davon, wie sie sich dazu entschlossen hat, im August 2011 um Aufnahme im Dürener Karmel zu bitten. Den Kontakt zu den Schwestern hat sie nie abgebrochen. „Und so bin ich, wo ich heute bin“, sagt Schwester Nathanaela. Seit 2012 trägt sie als Novizin das Ordenskleid, in zwei bis drei Jahren wird sie vor der Entscheidung stehen, das ewige Gelübde abzulegen und bis zum Tod Teil der Gemeinschaft im Dürener Karmel zu werden.

„Wir fallen nicht als Nonnen vom Himmel. Wir wissen, worauf wir verzichten“, sagt Schwester Benedicta. Die Priorin selbst war vor ihrem Eintritt Lehrerin, viele Schwestern haben eine abgeschlossene Ausbildung, ein Studium, standen mitten im Berufsleben. Nicht umsonst gebe es eine Probezeit, fügt Schwester Josua Maria als Novizenmeisterin hinzu. Auf keinen Fall sollte die Entscheidung überstürzt getroffen werden, sollten alle Zelte abgebrochen werden.

„Manchmal kommt das Heimweh erst nach Monaten, gibt es starke Bedenken, es kann Krisen geben“, weiß Schwester Benedicta. Den endgültigen Entschluss, ob eine Kandidatin aufgenommen wird, trifft die Gemeinschaft. Es ist gut möglich, dass ein solcher Entschluss in naher Zukunft wieder ansteht. Ab Januar 2014 lebt eine junge Norwegerin als Postulantin im Dürener Karmel. Der Weg einer Berufung muss nicht immer der direkte sein.

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