Notwehr in der Notaufnahme

Von: Sarah Sillius
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Schmerzen, Ängste, Emotionen:
Schmerzen, Ängste, Emotionen: In Aachen lernen Ärzte und Pfleger, wie man aufgebrachten Patienten in der Notaufnahme begegnet. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Als Peter-Friedrich Petersen, Leiter der Notaufnahme am Aachener Klinikum, und seine Mitarbeiter in den Vorbereitungen für die 5. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft Interdisziplinäre Notfallaufnahme (DGINA) stecken, ahnen sie noch nicht, wie aktuell eines ihrer Themen bald werden wird.

Vergangenen Dienstag lief ein geistig verwirrter Mann mit blutverschmierten Messern durch die Aachener Pontstraße, eine Polizistin schoss ihm ins Bein, um Schlimmeres zu verhindern. Danach wurden der verletzte Täter und die geschockte Polizistin zu Petersen ins Klinikum gebracht.

Und ein Thema des Kongresses lautet: „Die Deeskalation in der Notfallaufnahme”.

Solche Situationen können große Gefahren mit sich bringen und stellen Notfallmediziner jedes Mal wieder vor neue Herausforderungen. Von Mittwoch bis einschließlich heute war und ist das Uniklinikum Treffpunkt für rund 460 Ärzte und Pfleger aus ganz Deutschland.

Anästhesist Martin von der Heyden und Thomas Nickl-Jockschat, Psychiater und Psychotherapeut aus Aachen, sind zwei von ihnen. Zusammen mit dem Juristen Christopher Nadolny aus Rostock vermitteln sie Pflegern und Ärzten im Deeskalationstraining Techniken der Eigensicherung und juristische Grundlagen, die im Extremfall helfen.

„In der Notfallaufnahme hat man häufig mit Ausnahmesituationen zu tun”, sagt Nickl-Jockschat. Die Situation könne sich schnell hochschaukeln, wenn der Patient starke Schmerzen hat, die Angehörigen große Angst haben oder der Patient unter Alkohol- oder Drogeneinfluss steht. Hinzu komme der angestiegene Adrenalinspiegel des Notfallmediziners. Wenn es emotional wird, kann es zu irrationalen Handlungen kommen. Dazu können im schlimmsten Fall Übergriffe des Patienten auf den Notfallmediziner gehören. „In den letzten Jahren passiert das immer häufiger”, sagt von der Heyden.

Es gibt nicht nur körperliche, sondern auch kommunikative Deeskalationstechniken. Die empfindet Sylvia Berger, Krankenschwester aus Bielefeld, als besonders wichtig: „Man wird häufig verbal bedroht, da sind Strategien wichtig, um zu wissen: Wie entschärfe ich eine Situation?”

Niemals den Rücken zudrehen

Nadolny demonstriert, wie der Arzt dem Patienten gegenüberstehen sollte: „Die Hände niemals hinter dem Rücken verstecken, niemals dem Patienten den Rücken zudrehen.” Was, wenn sich der Patient nicht durch verbale Mittel beruhigen lässt, gar gewalttätig wird? Nadolny klärt über die rechtlichen Hintergründe auf. „Im Rahmen der Notwehr gibt es keine Verhältnismäßigkeit.” Der Notfallmediziner ist rechtlich geschützt, wenn er den Patienten zum Beispiel aufgrund einer akuten Eigen- oder Fremdgefährdung am Bett mit Gurten fixiert.

Für alle Entscheidungen, wie auch für die Fixierung des Patienten, gilt laut Nickl-Jockschat: „Es muss eine gemeinsame Philosophie geben. Das Risiko sollte möglichst auf alle Berufsgruppen verteilt werden, damit es keine Spaltungen im Team gibt.”
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