Notfallvorsorge: Damit kulturelles Erbgut nicht verwässert

Von: Nicola Gottfroh
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Wertvolle historische Dokumente lagern im Kreisarchiv Heinsberg auf 1,5 Kilometern. Es wäre ein unschätzbarer Verlust, wenn sie zerstört würden. Deshalb ist es wichtig, im Notfall schnell handeln zu können. Die Notfallsets helfen den Archivaren des Rheinlands dabei. Foto: Gottfroh

Heinsberg. Das kulturelle Gedächtnis der Regionen lagert meist im Keller. Auch das des Kreises Heinsberg. „Und gerade dort ist es sehr verwundbar“, sagt Anja Mülders, Leiterin des Heinsberger Kreisarchivs. Wie verwundbar die Archive der Republik wirklich sind, ist spätestens seit dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs den meisten klar.

Und weil die Notfallvorsorge als Präventivmaßnahme zur Sicherung und Erhaltung des kulturellen Erbes zu den bislang vernachlässigten Aufgaben in den Archiven gehörte, greift ihnen nun der LVR unter die Arme.

Es muss nicht der Gau sein

Es muss nicht einmal ein Super-Gau wie in Köln sein, der das kulturelle Erbgut in Form historischer Dokumente schwer beschädigt oder gar zerstört“, sagt Markus Vieten, Mitarbeiter der Werkstatt für Papierrestaurierung im LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrum. Weil die meisten Archivalien aus Papier bestehen, können Brände oder Wasser sie innerhalb weniger Augenblicke zerstören. Deshalb lagern die meisten Archive die historischen Dokumente hinter feuerfeste Türen. Doch obwohl es das Feuer ist, das ein Dokument sekundenschnell zerstören kann, bereitet Wasser den Archiven doch größeren Probleme. „Hochwasser oder ein kleiner Wasserrohrbruch können katastrophale Folgen haben“, sagt Anja Mülders. Denn nasse Dokumente müssten langwierigen Rettungsaktionen unterzogen werden, zunächst schnellstmöglichst Gefriergetrocknet und später restauriert werden.

„Im Ernstfall muss man daher sehr schnell handeln und die Dokumente in Sicherheit bringen, um den Schaden zu begrenzen“, erklärt die Leiterin des Heinsberger Archivs.

Wenn dann aber die nötige Ausrüstung zur Sicherung der Dokumente in einem Archiv nicht vorhanden ist, vergeht kostbare Zeit, in der das Gedächtnis einer Region, einfach „verwässert“ wird.

Damit das nicht geschieht, verteilt das Das LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrum derzeit Notfallboxen an die Archive im Rheinland. „So sind Materialen zur Erstversorgung direkt vor Ort und müssen nicht noch umständlich besorgt werden, während die Dokumente immer noch dem Wasser ausgesetzt sind“, erklärt Claudia Kauertz, Leiterin der Archivberatungsstelle im LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrum, bei der Übergabe der Boxen.„Immerhin lagern in den Kreisarchiven viele Dokumente, die nur noch ein einziges Mal existieren.“

Durch die „Erste-Hilfe-Kästen“ könnten zudem auch Folgeschäden, etwa durch Schimmelbefall, vermindert werden.

Das Notfallset besteht aus vier Boxen, die zwei Komponenten haben. Die eine umfasst die Schutzausrüstungen für jeweils zwei Personen, darunter Handschuhe, Helme, Mundschutz und Gummistiefel.

Rettung der Dokumente

Beinahe noch wichtiger als die Schutzausrüstung für den Menschen, sind die Materialien zur Rettung der historischen Unterlagen und die Hilfsmittel zur „Erstversorgung“ der geschädigten Unterlagen. Zu finden sind Schutzfolien und Saugbarrieren, Beutel, Klebebänder und vieles mehr.

Die Notfallboxen haben einen Wert von rund 1000 Euro und nur eine Grundausrüstung, um im Ernstfall direkt handeln zu können. „Die Boxen sind vergleichbar mit dem Erste Hilfe Koffer im Auto“, sagt Claudia Kauertz. Mit dem Unterschied, dass erste Hilfe Kästen zwar in jedem Auto Pflicht sind, nicht aber in jedem Archiv. „Das Notfallboxenset wird zwar im Kreisarchiv bleiben, steht aber im Notfall für alle anderen Archive des Kreises bereit“, erklärt sie.

Aachen erhält Box im Mai

Das Heinsberger Archiv ist das erste Archiv der drei Landkreise der Region, das die Boxen erhalten hat und das inzwischen 20. rheinische Archiv, das vom LVR eine Notfallbox erhält. In den vergangenen drei Jahren der LVR dafür gesorgt, dass im Rheinland flächendeckend die Notfallvorsorgestationen aufgebaut wurden und die 26 Mitgliedskörperschaften des LVR jeweils eine Erste Hilfe Box erhielten. Weil das Aachener Stadtarchiv erst kürzlich in ein neues Gebäude gezogen ist, erhält es seine Notfallbox erst am 2. Mai. In wenigen Wochen wird die Aktion abgeschlossen sein.

Archivleiterin Anja Mülders und Dezernent Helmut Preuß freuen sich über die Hilfe des LVR. „Es gibt ein wenig Sicherheit. Immerhin wachen wir über Tausende Archivalien, auf 1,5 Kilometern“, sagt Mülders.

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