Notfalls gibt es am letzten Lebensabend Schnaps

Von: Amien Idries
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Weihwasser, Rosenkranz und Kruzifix: Im Altenheim St. Severin in Aachen-Eilendorf gibt es die sogenannte Palliativ-Kiste, die auch von Palliativ-Schwester Tezcan Sakik in der finalen Sterbephase von Bewohnern eingesetzt wird. Foto: Andreas Steindl
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„Es geht um Haltung“: Ewald Heup, Leiter des Altenheims St. Severin, möchte die Palliative Care nicht von oben verordnen, sondern seine Mitarbeiter überzeugen. Foto: Amien Idries

Aachen. Die Geburtstagsblumen in der Vase sehen noch ganz frisch aus, doch Gertrud Wimmers (Name von der Redaktion geändert) will nicht mehr. Ihr 100. liegt gerade ein paar Tage zurück. Der Bürgermeister war da und hat gratuliert. Das war das Ziel, auf das sie noch hingelebt hat, aber jetzt muss es gut sein.

Sie will nichts mehr essen und nicht mehr trinken. Nur einen Wunsch hat die alte Dame noch: einen Schnaps an ihrem letzten Lebensabend. Und so macht sich eine Schwester des Seniorenzentrums St. Severin in Aachen-Eilendorf auf den Weg zur Tankstelle und kauft einen Kurzen für Frau Wimmers. „Fünf Tage nach ihrem 100. Geburtstag ist sie dann zufrieden gestorben“, erzählt Ewald Heup.

Die Geschichte vom Ende eines langen, erfüllten Lebens dient dem Leiter des Altenheims St. Severin als Beispiel für etwas, das man neudeutsch „Palliative Care“ nennt. Das stammt aus dem Lateinischen (palliare = „mit einem Mantel bedecken“) sowie dem Englischen (care = „Pflege“) und bedeutet so viel wie „lindernde Fürsorge“. Die richtet sich vor allem an unheilbar Kranke und Sterbende, bei denen es nicht um Heilung ihrer Erkrankung, sondern um Linderung ihrer Beschwerden geht. Eine Sicht auf Krankheit und Tod, die vor allem durch die Hospizbewegung populär geworden ist, und die auch in einem Altenheim zum Alltagsgeschäft gehört, sollte man meinen. Wo sonst kommt man dem Tod und dem Sterben näher als hier.

Verweildauer im Heim sinkt

Stimmt, und stimmt auch wieder nicht. „Altenheime leisten natürlich per se Sterbebegleitung“, erklärt Jürgen Spicher, Referent für Altenhilfe bei der Caritas Aachen. Unter Palliative Care verstehe man aber einen ganzheitlichen Umgang mit dem Sterbenden, in dessen Zentrum der Wunsch und das Wohlbefinden des Patienten stehen. Wie geht es dem Patienten? Hat er Schmerzen? Hat er den Lebenswillen verloren? Möchte er reden oder lieber alleine sein? Ergibt es Sinn, ihm spirituelle Angebote zu machen?

„Dazu gehört eine Kultur der Wachsamkeit, die eigentlich zu den Grundlagen der Altenpflege gehört, in jüngster Zeit aber in den Hintergrund getreten ist“, erläutert Spicher. Den Grund dafür sehen Spicher und sein Vorgesetzter Andreas Wittrahm, Leiter des Bereichs Facharbeit und Sozialpolitik bei der Caritas, auch in politischen Weichenstellungen. Seit 2009 werden die von Pflegeheimen erbrachten Leistungen vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) auf ihre Qualität hin überprüft. Die Ergebnisse werden in Noten transportiert, die im Internet einzusehen sind. „Das Problem ist, dass der Fokus der MDK-Prüfung derzeit auf der aktivierenden Pflege und auf dem Risikomanagement liegt“, erläutert Wittrahm. Dazu gehöre beispielsweise die Wundversorgung, die Sturzprophylaxe oder die Verhinderung von Dekubitalgeschwüren. Aspekte wie eine ganzheitliche Sterbebegleitung spielten kaum eine Rolle. „Heime konzentrieren sich natürlich auf die Komplexe, die für eine gute Benotung ausschlaggebend sind“, sagt Wittrahm.

Hinzu komme, dass sich die stationäre Pflege seit der Einführung der Pflegeversicherung 1995 stark verändert habe. „Durch den dort verankerten Grundsatz ‚ambulant vor stationär‘ kommen die Bewohner deutlich später in die Heime und sind viel kranker“, so Wittrahm. Die Folge sei, dass die durchschnittliche Verweildauer von Heimbewohnern inzwischen unterhalb eines Jahres liege. Tendenz abnehmend. „Das Thema würdevolles Sterben in Altenheimen wird uns in Zukunft also noch mehr beschäftigen“, sagt Spicher.

Es fehlen Konzepte

Deshalb hat der Caritasverband für das Bistum Aachen in Kooperation mit der Servicestelle Hospiz der Städteregion Aachen 2010 ein Modellprojekt zur palliativen Versorgung in Altenheimen initiiert, an dem auch das Eilendorfer Seniorenzentrum teilgenommen hat. Am Anfang stand eine Bestandsaufnahme, die ergab, dass die Altenheime sich mit den Themen Sterben und Tod auseinandersetzen, dies aber meist nicht konzeptionell geschieht und die Sterbebegleitung sich auf die finale Lebensphase konzentriert.

„Pflegerischer Spagat“

„Wir haben im Rahmen des Projekts in unseren beiden Heimen ein Palliative-Care-Konzept entwickelt“, erläutert Heup, der neben dem Standort in Eilendorf auch das ebenfalls zur Katholischen Stiftung des Marienhospitals gehörende Marienheim in Stolberg-Büsbach leitet. Sterbebegleitung beginne nun bereits beim Heimeinzug mit der Dokumentation einer eventuell vorliegenden Patientenverfügung oder einer Vorsorgevollmacht.

Nach einer Eingewöhnungsphase versuchen Bezugspflegekräfte im Rahmen eines Integrationsgesprächs, zu erfragen, wie die Bewohner sich das Lebensende vorstellen. Welche Ängste und Wünsche sie haben. Was sich nach einem hochbürokratischen Akt anhört, dürfe aber nicht als solcher wahrgenommen werden. „Es geht nicht darum, einfach ein Konzept durchzuziehen“, erklärt Heup. Vielmehr sollten alle Mitarbeiter einen offenen Umgang mit dem Thema Lebensende pflegen und es mit „Mut und Einfühlungsvermögen“ ansprechen.

„Es geht um eine Haltung, die man nicht mit Konzepten verordnen kann, sondern von der alle überzeugt sein müssen“, sagt Heup. Deshalb erhielten alle 50 Mitarbeiter, egal ob aus der Pflege, dem Sozialdienst oder der Hauswirtschaft, eine Basisfortbildung zur Palliative Care. Altenpflegerin Tezcan Sakik, seit acht Jahren in St. Severin, hat darüber hinaus eine einjährige berufsbegleitende Fortbildung zur Palliativ-Schwester absolviert und ist Ansprechpartnerin bei Fragen.

Die entstehen vor allem in der finalen Sterbephase und führen zu manch „pflegerischem Spagat“, wie Sakik es ausdrückt. Muss man einen sterbenden Bewohner noch wechselnd lagern, um ein Druckgeschwür zu vermeiden? Respektiert man den Wunsch eines Bewohners, nicht mehr gewaschen zu werden, oder versucht man ihn davon zu überzeugen, dass hygienische Standards wichtig sind? Will der Bewohner nur nicht aufstehen, weil er verstimmt ist, oder hat bei ihm der Sterbeprozess begonnen? Fragen, die sich nicht grundsätzlich beantworten lassen, sondern von Fall zu Fall entschieden werden müssen.

Eine anderes Ergebnis des Projekts ist viel handfester: die Palliativ-Kiste. Eine unscheinbare Box, in der – flapsig formuliert – alles ist, was man zum Sterben so braucht. Samtdecken, Kruzifixe, Gebetsbücher, Weihwasser, Rosenkränze und klassische Musik. „Das hatten wir vorher natürlich auch alles, aber es war im ganzen Haus verstreut“, erzählt Heup. Das sei ein grundsätzlicher Effekt der intensiveren Beschäftigung mit dem Thema. Alle wüssten jetzt was zu tun ist. Egal ob es um die Kooperation mit der Pfarre geht, um am Sonntag noch eine Krankensalbung zu ermöglichen, oder um die mit Palliativ-Ärzten, um mit Hilfe von Medikamenten ein schmerz- und angstarmes Sterben zu ermöglichen.

„Drehtüreffekt“ verringert

Und was kostet es, Palliative Care sinnvoll in den Altenheim-Alltag zu integrieren? Eine Frage, die man pietätvoll vermeiden will, aber aufgrund der knapp finanzierten Pflegeversicherung stellen muss. Das lasse sich schwer quantifizieren, sagt Andreas Wittrahm von der Caritas. Am einfachsten sei das noch bei den Fortbildungs- und Schulungskosten, die sich pro Heim im vierstelligen Bereich bewegen. Vermutlich sei der Zeit- und Personalaufwand ein wenig höher, prinzipiell gehe es aber um eine offene Haltung. „Zurück zu den Wurzeln der Altenpflege“, nennt Fachreferent Spicher das.

Eine Zahl, die Aufhorchen lässt, gibt es dann aber doch noch. Dabei handelt es sich um die Abwesenheitstage im Eilendorfer Altenheim. Die zeigen an, wie lange Bewohner sich wegen einer schweren Erkrankung nicht im Heim, sondern im Krankenhaus befunden haben. 2011 lagen die Abwesenheitstage der 66 Bewohner bei 359. Im Jahr 2012 – seit dem ist das Konzept zur Palliative Care etabliert – nur noch bei 252. Diese Reduktion deutet auf eine Verringerung des „Drehtüreffekts“ hin. Der entsteht, wenn es im Pflegeheim Unsicherheit über das angemessene Verhalten im Falle einer Erkrankung besteht. Die Bewohner werden beispielsweise wegen einer Lungenentzündung ins Krankenhaus überwiesen, dort behandelt und wieder zurückverlegt. So kann das einige Male hin- und hergehen, bis der Bewohner schließlich doch stirbt. Vor allem durch die Anerkennung von Patientenverfügungen, konnten diese unnötigen Krankenhauseinweisungen verringert werden.

„Der Tod ist Teil des Lebens“, formuliert Spicher eine vermeintliche Binsenweisheit. Das Projekt habe dazu geführt, das noch stärker in den Heimen zu vermitteln. „So blöd das klingt: Die Menschen dürfen jetzt sterben.“

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