Nitratbelastung: Neue Düngeverordnung soll beschlossen werden

Von: Ines Kubat
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Seit jeher düngen Landwirte ihre Böden, um das Pflanzenwachstum zu fördern. Dabei gelangt aber häufig zu viel Nitrat in die Erde und kann bis ins Grundwasser sickern. Deshalb gibt es heutzutage strenge Regeln, die durch die neue Düngeverordnung noch einmal verschärft werden sollen. Foto: dpa
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Die aktuellsten Zahlen für NRW stammen noch aus dem Messzeitraum von 2010 bis 2013. Grafik: ZVA/Quelle: Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz

Aachen/Berlin. Wie ein Wecker im Snooze-Modus ploppt das Thema Nitrat seit Monaten immer mal wieder in der Öffentlichkeit auf – häufig mit einem neuen Bericht, der unserem Grundwasser einen besorgniserregenden Zustand attestiert.

Dann stehen die Bauern am Pranger, die mit ihrer Gülle und dem Dünger das meiste Nitrat in den Boden bringen. Und immer werden in diesem Zusammenhang Forderungen laut, härter bei den Landwirten durchzugreifen und strengere Düngeregelungen zu beschließen.

Zuletzt war das so vor knapp zwei Wochen, nachdem das Bundesministerien für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit sowie das Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft den Nitratbericht 2016 veröffentlicht haben: „Keine Entwarnung bei Gewässerbelastung“ titelten darin die Autoren. Besonders schlimm sei die Lage in NRW und Niedersachsen, hier werde der vorgeschriebene Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter Grundwasser an vielen Stellen überschritten. Verbesserungen zu den Jahren davor seien kaum zu beobachten.

Es droht eine hohe Geldstrafe

Der Bericht erschien knapp zwei Monate, nachdem die EU-Kommission die Bundesregierung vor dem Europäischen Gerichtshof wegen Verletzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie verklagt hat. Deutschland schütze das eigene Grundwasser nicht genug, lautet der Vorwurf. Sollten die EU-Forderungen bis 2027 nicht erfüllt sein, droht Deutschland eine empfindliche Geldstrafe. Die Klage brachte Bewegung in die Thematik: Erst erschien der besagte Nitratbericht der Bundesministerien, nun soll noch im Januar der Bundestag nach langem Hin und Her über eine neue Düngeverordnung abstimmen. Damit verbunden ist die Hoffnung, dass sich unser Wasser schnell regeneriert – am besten bis zur EU-Deadline 2027.

Doch ganz so einfach wird es wohl nicht. Denn das Thema Nitrat ist komplex, und je tiefer man bohrt, desto schwieriger wird es – im wahrsten Sinne des Wortes.

Aber wie genau ist die Grundwasser-Situation in NRW eigentlich? Eine Recherche unserer Zeitung ergab, dass die Nitrat-Werte aus dem aktuellen Bundesbericht – zumindest für NRW – bereits seit zwei Jahren vorliegen, wie eine Sprecherin des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (Lanuv) bestätigt. Denn die einzelnen Länder lieferten ihre jüngsten Messergebnisse dem Bund zu, der daraus den aktuellen Gesamtbericht verfasste. Neue Erkenntnisse für die Kreise Heinsberg, Düren und die Städteregion Aachen liefert der Bundesbericht also nicht.

Die aktuellsten Zahlen für NRW stammen noch aus dem Messzeitraum von 2010 bis 2013: In der Städteregion wiesen in diesem Zeitraum 70 Prozent der Messstellen sehr gute Nitratwerte auf. In den Kreisen Düren und Heinsberg, wo mehr Landwirtschaft betrieben wird, sah die Lage anders aus: Dort überschritten ein gutes Drittel (Heinsberg) beziehungsweise knapp 40 Prozent (Kreis Düren) der geprüften Messstellen den kritischen Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter.

Bernhard Rüb, Sprecher der Landwirtschaftskammer NRW, sagt im Gespräch mit unserer Zeitung, er wolle die Verantwortung für die Nitratbelastung nicht von der Landwirtschaft weisen, allerdings fehle ihm in der gesamten Debatte die Differenzierung: Beispielsweise tauche in keinem Bericht auf, dass neben der Agrarwirtschaft auch die Industrie und defekte Kanalisationen ihren Teil zu dem Nitrat-Problem beitrügen.

Kritisch sieht er vor allem das deutsche Messsystem. „Wir haben mehrere Messnetze in Deutschland. Und die meisten kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen“, behauptet Rüb.

Zum Teil handele es sich zudem um sogenannte Risikomessnetze. Rüb erklärt, dass darin sensible Orte auf Nitrat hin überwacht werden – also genau dort genau hingeschaut wird, wo beispielsweise sehr viel Ackerbau betrieben wird. Dementsprechend höher seien die Nitrat-Werte in solchen Messnetzen.

Auch Frank Wendland, der beim Forschungszentrum Jülich arbeitet, kennt das Problem und erklärt es am Beispiel des deutschen Belastungsmessnetzes für die Überwachung der Nitratgehalte im Grundwasser. Hierbei handelt es sich um ein Sondermessnetz, für in den 1990er Jahren knapp 160 gezielte Grundwassermessstellen mit hohen Nitrateinträgen aus der Landwirtschaft ausgewählt wurden. Mit diesem Messnetz wurde bis 2014 untersucht, inwiefern landwirtschaftliche Maßnahmen zur Nitratreduzierung im Grundwasser Wirkung zeigen.

Von der EU wurden die Werte aus diesem selektiven Belastungsmessnetz für eine Beschreibung der allgemeinen Nitratsituation im Grundwasser Deutschlands verwendet und dann Ergebnissen aus anderen EU-Mitgliedsstaaten verglichen. So entstand ein verzerrtes Bild. Die Konsequenz: Deutschland landete im EU-Vergleich auf dem vorletzten Platz vor Malta. Als Reaktion auf entsprechende Kritik sei das deutsche Messnetz zur Überwachung der Nitratgehalte im Grundwasser angepasst und auf knapp 730 Messstellen – viele auch außerhalb von Ackergebiet – erweitert worden. Damit allein rückte die Qualität des deutschen Grundwassers innerhalb der EU vom vorletzten Platz ins Mittelfeld vor.

Was bedeutet diese Messnetz-Diskussion für die Zahlen in NRW? Auf Nachfrage erklärt das Lanuv, dass es hier mit 3700 sehr viele eigene Messstellen gebe – die Ergebnisse des Berichts seien deshalb auch repräsentativ für den Zustand des Grundwassers.

Kritik an Landwirtschaft

Hoffnungen auf Verbesserungen der Nitratwerte setzen Verbände wie der BUND, der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), aber auch die Grünen vor allem auf die neue Düngeverordnung. Oliver Krischer, Bundestagsabgeordneter der Grünen aus Düren, sagt beispielsweise: „Die industrielle Landwirtschaft führt zu massiven Belastungen des Grundwassers durch viel zu hohe Mengen an Gülle und Dünger.“

Das große Problem der hohen Nitratbelastung sieht der Grünen-Politiker vor allem darin, dass das Grundwasser für den Verbraucher aufwendig und damit teuer aufbereitet werden muss, damit man es trinken kann.

Dass die Düngeverordnung so lange auf sich warten ließ, begründet er folgendermaßen: „Die Lobby der industriellen Landwirtschaft verhindert den Schutz des Grundwassers. […] Wir brauchen strenge Regeln zum Grundwasserschutz und zur Düngung.“

Doch wie Bernhard Rüb versichert, heißen auch die Bauern die neue Verordnung willkommen: „Wir wären froh, wir hätten sie endlich.“ Die Landwirte erhoffen sich seiner Aussage zufolge vor allem „endlich Transparenz und Dokumentation“. Rüb redet nicht um den heißen Brei herum: „Es ist klar, dass wir heute etwas tun müssen. Aber dafür brauchen wir mehr Regeln. Vielleicht auch etwas strengere.“

Auf dem Gebiet des Umwelt- und Gewässerschutzes habe sich bei den Landwirten allerdings in den vergangenen 20 bis 30 Jahren viel getan, ergänzt eine Sprecherin des Rheinischen Landwirtschaftsverbands (RLV). Zunächst einmal gebe es klare Regeln zum Aufbringen von Düngemitteln. Sowohl Menge als auch Düngezeiten seien heutzutage vorgegeben. Die Bauern selbst hätten auch gar kein Interesse daran, diese Regeln zu brechen und zu viel zu düngen. Warum? Weil zu viel Nitrat den Pflanzen schade und damit letztlich ertragsmindernd sei. Zweitens kosten Kunstdünger und Gülle Geld.

Deshalb setzten die Bauern mittlerweile auf verschiedene Techniken, um gezielter zu düngen: Überschüssiger Stickstoff werde zum Beispiel durch das Pflanzen sogenannter Zwischenfrüchte aufgenommen. Durch Bodenproben und moderne Maschinen habe man außerdem genauere Kenntnis über die jeweiligen Nährstoff-Bedürfnisse als früher.

In schützenswerten Gebieten, wo beispielsweise Trinkwasser gewonnen wird, gibt es außerdem Kooperationen zwischen Wasserwerken und den Landwirten – so auch in der Eifel zwischen dem Wasserwerk Perlenbach und Monschauer Landwirten. „Das funktioniert eigentlich sehr gut“, sagt Bernhard Rüb.

Die Landwirtschaftskammer übernimmt zwei Aufgaben, um die Nitratwerte zu senken. Einerseits beraten, andererseits kontrollieren sie. Stichprobenartig werden Höfe herausgepickt, die dann sämtliche Daten offenlegen müssen: zur Größe und Lage ihrer Äcker, zu ihrer Bepflanzung, aber auch zum Düngen. Auch der Import von Gülle spielt dabei eine Rolle: Die Niederlande beispielsweise exportieren seit Jahren überschüssige Gülle – besonders in grenznahen Gebieten wie dem Heinsberger Land und dem Eifeler Raum ist der Gülle-Import seit Langem ein Thema. Auch hier schaue die Landwirtschaftskammer genauer hin, um vor allem illegale Transporte zu verhindern, sagt Rüb.

Doch Schwarze Schafe gibt es überall. Deshalb wurde die Behörde vom Land NRW noch einmal beauftragt, ihre Kontrollen zu erhöhen – mittlerweile arbeiten 20 Menschen daran, die Gülle- und Dünge-Sünder zu entlarven. In 2015 stellten sie so Bußgeld-Bescheide in Höhe von insgesamt 600.000 Euro aus. Bei besonders schwerem Vergehen droht den Landwirten sogar der Verlust der Fördermittel.

Abbau kann lange dauern

Dass trotz all der Maßnahmen bislang kaum Verbesserungen in den Nitratberichten zu lesen sind, liegt auch an den Eigenschaften des Nitrats selbst: Je nach Bodenbeschaffenheit, Wetterlagen und der Topographie kann es bis zu zehn Jahre dauern, bis der Nährstoff im Grundwasser angekommen ist. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass wir bei Messungen aus dem Jahr 2013 möglicherweise von einem Vergehen im Jahr 2003 sprechen. Auch das darf man bei der heutigen Diskussion nicht außer Acht lassen.

Wie lang es nun dauern wird, die Geister der Vergangenheit loszuwerden, ist von Region zu Region unterschiedlich, erklärt Geowissenschaftler Frank Wendland vom Jülicher Forschungszentrum: Denn wie lange Nitrat im Grundwasser verweilt, hängt ebenfalls von verschiedenen Faktoren ab: es können ein paar Monate aber auch bis zu 50 Jahre sein. Deshalb ist selbst nach Verabschiedung der Düngeverordnung vor allem eins angebracht: Geduld.

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