Nikolaus bei der Selfkantbahn: Und die Augen leuchten

Von: Katrin Fuhrmann
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Ein besonderer Mann zu Gast: An den Adventswochenenden fährt der Nikolaus bei der Selfkantbahn mit. Foto: Markus Bienwald

Selfkant. Helmut Kommans lässt den Speiseplan der vergangenen Wochen Revue passieren. In das lange weiße Kleid und den roten Mantel, der mit goldenen Ornamenten verziert ist, konnte er noch ganz bequem hineinschlüpfen, die weißen Handschuhe passten auch.

Doch als die schwarze Hose an der Reihe ist, will es nicht mehr so klappen, wie er es gerne hätte – der Reißverschluss klemmt und lässt sich nicht schließen. „Zugenommen habe ich eigentlich nicht, und auf Plätzchen und Schokolade habe ich in den vergangen Wochen auch verzichtet.“ Kommans ist sich keiner Schuld bewusst.

Etwas hektisch blickt er auf die Uhr. Ihm bleiben nur noch ein paar Minuten. Er zieht ein weiteres Mal mit viel Kraft an dem Reißverschluss – und dann ist er zu. Sein Gesicht bedeckt zur Hälfte der weiße lange Bart, auf den Kopf setzt er die rot-goldene Mitra. Mit dem goldenen Buch und dem Bischofsstab in den Händen lächelt Kommans den Mann an, der ihm aus dem Spiegel entgegenblickt. Auch der trägt ein breites Grinsen auf seinem Gesicht und lässt ein tiefes „Ho, ho, ho“ hören. Ab diesem Zeitpunkt ist Helmut Kommans nicht mehr Helmut Kommans. Er ist nun der Nikolaus bei der historischen Selfkantbahn in Gangelt-Schierwaldenrath.

69 Jahre ist Kommans alt, lange Zeit war er als Angestellter in der Forschung am Aachener Klinikum tätig, und seit mehr als 40 Jahren tritt er in der Adventszeit bei den Fahrten der Selfkantbahn als Nikolaus auf. So lange bleibt man wahrscheinlich nur dabei, wenn die Routine nicht zu sehr Überhand gewinnt. „Ein klein wenig nervös“, verrät Kommans, „bin ich immer noch jedes Jahr aufs Neue.“ Jedes Jahr schlüpft er in der Vorweihnachtszeit in die Rolle des bärtigen, uralten, weisen Mannes, der den Kindern nicht nur Geschenke bringt, sondern auch ein offenes Ohr für sie hat.

„Ich wurde damals sozusagen ins kalte Wasser geschmissen. Der alte Nikolaus konnte aus Altersgründen nicht mehr, also musste ein Neuer her“, erzählt Kommans. Damit hatte er sein lebenslanges Hobby gefunden, denn ziemlich schnell war ihm klar, dass er von nun an, solange er lebt, der Nikolaus der Dampfbahn sein wird. Die einzige Voraussetzung: Die Gesundheit muss mitspielen.

Sohn ist Lokführer

Kommans ist verheiratet und hat zwei Kinder – eine Tochter und einen Sohn. Seinem Sohn hat er seine Leidenschaft für Lokomotiven sozusagen in die Wiege gelegt. Dieser arbeitet als Lokführer bei der Selfkantbahn. Das Gute daran ist, dass es keiner großen Worte bedarf, wenn es um die Selfkantbahn oder um die Nikolausfahrten geht. Zumal Sohn und Tochter ja selbst schon als kleine Kinder dabei waren, wenn der Vater wieder in die Rolle des Nikolaus schlüpfte. Sie wussten natürlich früh Bescheid, beschenkt wurden sie aber trotzdem. „Sie sind mit den Nikolausfahrten groß geworden. Und auch sonst war die Selfkantbahn immer ein Teil von uns“, sagt Kommans.

Der Nikolaus sein – das klingt zunächst nicht nach einer sehr komplizierten Aufgabe. Doch der Schwierigkeitsgrad ist auch hier eine Frage des eigenen Anspruchs. Bei Kommans muss alles perfekt sein, nicht weniger. „Ich will Kinderaugen zum Leuchten bringen“, sagt er. Die Besucher der Nikolausfahrten wissen seit 40 Jahren, was er meint.

Der 69-Jährige zupft noch einmal an seinem Kostüm, bevor er in die extra für ihn angefertigte Holzkutsche steigt. Mit dieser fährt er ganz langsam neben der Selfkantbahn her, die in Geilenkirchen-Gillrath losfährt und in der Hunderte von Kindern und ihre Eltern zu diesem Zeitpunkt schon Platz genommen haben. Im Vorbeifahren winkt er den Kindern zu, die ihm hinter den Fenstern schon ganz gespannt zuschauen. Als die Dampflok in der Nähe von Stahe, einem Ortsteil von Gangelt, endlich hält, geht alles ganz schnell. Der Duft von Glühwein mischt sich mit dem etwas süßlichen Geruch des Rauches, den die Dampflok ausstößt. Der Nikolaus steigt aus seiner Kutsche, im Schlepptau hat er Knecht Ruprecht. Dreimal wird an die hölzerne Waggontür geklopft, dann steigt Kommans in den Zug.

Spätestens jetzt steht er im Mittelpunkt des Geschehens. Es wird laut, hektisch und emotional, die Kinder drängen sich ganz nah an ihn heran. Es gibt Umarmungen für den großen, alten Besucher, manche ziehen ihn an seinem weißen Bart. Alle Kinder wollen ihn anfassen, alle wollen mit ihm sprechen. Ein bisschen Ungeduld ist auch im Spiel, schließlich ist nun Zeit für Geschenke: Aus einem großen Sack nimmt Kommans nacheinander kleine Päckchen. Mandarinen, Lebkuchen, Süßigkeiten und Weckmänner sind darin. Die Selfkantbahn nimmt derweil schon wieder Fahrt auf.

Rund 150 Tüten verteilt Kommans pro Fahrt an die Kinder zwischen zwei und 15 Jahren. Nicht nur die Augen der Kinder leuchten jetzt, sondern auch seine eigenen. Manche Kinder setzen sich auf seinen Schoß tragen ein Gedicht vor oder singen ein Weihnachtslied für ihn. Aber natürlich werden auch Fragen gestellt. So nah ist man selten dem „echten“ Nikolaus, also nutzen die Kinder die Gelegenheit: Wie alt bist Du? Hast Du Freunde? Wie lange schläfst Du morgens? Was machst Du eigentlich im Sommer? Das alles sind Fragen, die Kommans jedes Jahr aufs Neue beantworten muss. Und natürlich der Klassiker: Wo wohnst Du?

Kommans findet es schön, dass seine kleinen Fans so neugierig sind. Gerade aus diesem Grund verrät er aber nicht zu viel, Geheimnisse sind nur so lange interessant, wie sie Geheimnisse bleiben. „Ich bin uralt und wohne an einem ganz schönen, aber weit entfernten Ort“, verrät er nur, und das macht natürlich alles irgendwie sogar noch ein bisschen geheimnisvoller.

Doch eine Sache war und ist in all den Jahren für Kommans ein absolutes Tabu. „Ich spiele nicht den Moralprediger. Ich sage den Kindern weder, dass sie mehr für die Schule tun müssen, noch schimpfe ich mit ihnen oder sage ihnen, dass sie ihre Geschwister nicht ärgern sollen oder häufiger ihr Zimmer aufräumen.“ Immer wieder kämen Eltern und Großeltern zu ihm und würden ihn genau darum bitten. Das lehnt Kommans aber entschieden ab: „Das ist nicht meine Aufgabe“, sagt er dazu nur.

3000 Modellautos

Wenn Kommans nicht gerade in die Rolle des Nikolaus schlüpft, verbringt er seine Zeit am liebsten auf dem Gelände der Selfkantbahn in Schierwaldenrath – schließlich ist er auch deren 2. Vorsitzender. Aber auch andere Lokomotiven in der Region haben für den 69-Jährigen ihren Reiz. Wann immer es ihm möglich ist, setzt er sich ins Auto oder in den Zug und schaut sich alte Dampfwagen an, die irgendwo entweder noch fahrtüchtig oder in einem Museum zu sehen sind. Seine andere Leidenschaft gilt den Modellautos in Miniaturformat – rund 3000 Stück hat er mit den Jahren schon gesammelt.

Wenn die Fahrten Ende Dezember vorbei sind und Kommans die Nikolaus-Klamotten wieder für ein Jahr im Schrank verschwinden lässt, ist er gemischter Stimmung. Auf der einen Seite weiß er dann, dass er dem echten Nikolaus, der schließlich nicht überall sein kann, viel Arbeit abgenommen hat. Auf der anderen Seite ist er aber froh, wenn sein Alltag dann wieder etwas ruhiger wird.

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