Niemand kontrollierte den Klinik-Chef

Von: Elke Silberer, dpa
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Wegberg/Aachen. Die ungewöhnliche Machtfülle des Klinikleiters in Wegberg hat nach Expertenmeinung den Skandal mit sechs toten Patienten durch schwere Behandlungsfehler möglich gemacht. Der unter Verdacht der fahrlässigen Tötung stehende Chefarzt sei Leiter, Inhaber und ärztlicher Direktor gewesen. Durch diese Personalunion sei der sonst übliche Kontrollmechanismus zumindest in Teilbereichen vermutlich unterbrochen worden.

Diese Ansicht vertrat der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Prof. Hartwig Bauer, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa.

„Besitzer, Chefarzt und ärztlicher Direktor, da ist gezwungenermaßen der Spagat vorgegeben zwischen der wirtschaftlichen Betreibung des Hauses und der ärztlichen Verantwortung.”

In Wegberg habe es keine Gewaltenteilung gegeben. Da fehlten einfach gewisse Kontrollmechanismen, sagte Bauer. „Ich wehre mich heftig dagegen, aufgrund der Vorgänge in Wegberg darauf zu schließen, das sei in deutschen Kliniken so üblich.” Das habe mit der deutschen Klinikszene nichts zu tun. „Das ist eine unangenehme Ausreißersituation.”

Nach seinem Kenntnisstand habe es in Wegberg kein funktionierendes Qualitätsmanagement-System gegeben, erklärte Bauer. Das sei in deutschen Kliniken heute aber weitgehend Standard. Dazu gehörten Mitarbeiter- und Patientenbefragungen. „Sehr viele Kliniken haben mittlerweile auch Fehlermeldesysteme.”

Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie habe dieses System speziell für ihre Mitglieder eingerichtet. Sie erfasse die Hinweise, kommentiere die Ursachen und gebe Hinweise, wie die Situation zu verändern sei. „Das haben viele Kliniken mittlerweile auch klinikintern.” So könnten Ärzte Fehler ohne Angst vor Sanktionen melden.

In Wegberg stehen zehn Ärzte wegen Tatbeteiligung beziehungsweise unterlassener Hilfeleistung unter Verdacht. Sie sollen geschwiegen haben, als insgesamt 19 Patienten falsch und unnötig operiert und mit Zitronensaft desinfiziert wurden.

Nach seiner Kenntnis habe es beim Verkauf der Klinik an den 51- jährigen Leiter genug Warnungen gegeben, sagte Bauer. Die Stadt Wegberg und das Antoniusstift hatten ihre Anteile an der damals vor der Insolvenz stehenden Klinik zum Februar 2006 verkauft.

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