Niederländischer Plan für den kühlen Kopf

Von: Tobias Müller
Letzte Aktualisierung:
10392761.jpg
Hauptsache viel trinken: In den Niederlanden legt ein Nationaler Hitzeplan älteren Menschen, Übergewichtigen und chronisch Kranken nahe, genug zu trinken. Foto: dpa

Amsterdam. In den Niederlanden werden in diesen Tagen Maßnahmen getroffen, um das Leben an die ungewohnt warmen Temperaturen anzupassen: In der grenznahen Provinz Noord-Brabant etwa sollen Schulkinder ab 35 Grad Celsius hitzefrei bekommen.

Der frischgebackene Champion der Ehrendivision, der PSV Eindhoven, hat das gerade erst wieder aufgenommene Training vorverlegt. Selbst im eigentlich frischen Friesland werden für ein Festival am Wochenende zusätzliche Schattenplätze geschaffen. Und dann ist da noch der Start der Tour de France am Samstag in Utrecht bei erwarteten 38 Grad. Entlang des Parcours erwarten die Besucher nun 36 statt der geplanten 21 Wasser-Abgabestellen.

Neben solch punktueller Linderung aber gibt es einen strukturierten Ansatz: Bereits seit Dienstag gilt im Land der Nationale Hitzeplan, aufgestellt vom Reichsinstitut für Volksgesundheit und Umwelt (RIVM). Der Plan greift immer dann, wenn die Temperaturen an mindestens vier aufeinanderfolgenden Tagen über 27 Grad liegen. Entstanden ist er 2007 als Reaktion auf den warmen Sommer 2006. Grund ist nach Angaben eines RIVM-Sprechers, dass als Folge einer Hitzewelle die Zahl der Todesfälle statistisch messbar zunimmt. Letztmals wurde der Plan im Juli 2013 wirksam.

Inhalt des Plans ist ein Katalog von Tipps, der sich ausdrücklich an die besonders hitzeempfindliche Zielgruppen richtet: ältere Menschen, Bewohner von Pflegeeinrichtungen, chronisch Kranke und Übergewichtige. Ihnen wird nahegelegt, vor allem auf genügend Wasserzufuhr (mindestens zwei Liter täglich) zu achten, Anstrengungen zwischen 12 und 16 Uhr zu vermeiden und für Abkühlung zu sorgen, etwa durch ein nasses Handtuch im Nacken, Duschen, Jalousien zu schließen und frühmorgens zu lüften. Auch der Hinweis an nicht Betroffene, auf potenziell Hitzeempfindliche zu achten, ihnen zu helfen oder sie zu informieren, zählt dazu.

Es geht um sehr grundlegende Dinge, und längst nicht jeder kann die Besorgnis nachvollziehen. „Ich muss über so einen Nationalen Hitzeplan eigentlich lachen. Echt übertrieben für die paar Tage extremer Hitze“, sagte die Schriftstellerin Christine Otten dieser Tage dem „Volkskrant“. „Und wieder echt niederländisch, wieder alles zu kontrollieren und zu regulieren. Dieser Zwang, alles in Regeln und Prozeduren zu stecken.“

Auf der Webseite des „NRC Handelsblad“ spottet eine Leserin – nach eigener Aussage an einem wirklich heißen Ort lebend: „Ich frage mich, wie viele Beamte eine ganze Menge Versammlungsstunden in diesen Hitzeplan gesteckt haben. Was für eine geistige Armut, ein paar Tage ‚lekkere‘ Temperaturen, und die Regierung sagt uns wieder, was wir tun müssen.“

Nun ist das theatralische Klagen über Wärme tatsächlich eine Spezialität, zumal in den schattigen nördlichen Niederlanden. Schon 28 Grad Celsius bringen nach spätestens drei Tagen den populären Kommentar „ik heb het benauwd“ hervor, was sich mit „ich fühle mich beengt“ übersetzen lässt.

Hinzu kommt etwas, das man meteorologische Kultur nennen könnte. Die Amsterdamer Tageszeitung Het Parool schreibt etwa, die Stadt sei “eine große Hitze- Insel”. Zugezogene beschweren sich mitunter über den beständigen Wind an den Grachten. Wer hier geboren ist, nimmt diesen dagegen kaum wahr. Ab 20 Grad sieht man Menschen, die ohne T- Shirts im Park liegen oder auf ihrem Boot einen Ausflug unternehmen. Auf Deutschland übertragen: Hamburgern und Bremern liegt das Stöhnen über die Hitze in diesen Tagen wohl auch näher als Freiburgern oder Münchnern.

Nicht von der Hand zu weisen ist freilich der niederländische Hang, mit großer Geste und deutlichen Worten eine Aktion zur Lösung von Problemen anzukündigen. Der Hitzeplan spiegelt dies zweifellos wider. Übertrieben ist er deswegen nicht. Harald Wychgel, Sprecher des verantwortlichen Reichsinstituts für Volksgesundheit und Umwelt, sagte auf Anfrage: „Der Hitzeplan hat nichts mit Betüttelung zu tun, sondern mit Risikogruppen.“

Auch Frankreich und Belgien hätten Hitzepläne. In der südlichen Provinz Limburg nahe Heinsberg und Aachen sind die Bewohner etwas mehr Wärme gewöhnt als in Amsterdam oder Friesland. Freilich werden auch hier Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, denn laut „Dagblad de Limburger“ steht möglicherweise der heißeste Tag in der Geschichte Limburgs bevor.

Der Regionalsender „L1“ besuchte bereits zu Wochenbeginn eine Grundschule in Heel nahe der belgischen Grenze, wo die Klassenräume mit Ventilatoren ausgestattet waren und extra Wasser für die Kinder bereit stand. Den Bewohnern eines Altenheims im nahen Thorn wurde geraten, nicht in der Sonne zu sitzen und Fenster und Türen geschlossen zu halten. „Dann“, heißt es, „überleben wir diese Woche, und das Protokoll kann wieder in den Schrank.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert