Nicht mehr „Basteltante”: Erzieher wollen Anerkennung

Von: Dorothea Hülsmeier, dpa
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Ein kleines Mädchen steht in Kiel vor seiner geschlossenen Kindertagesstätte. Foto: dpa

Düsseldorf. Ohrensausen, Rückenschmerzen, Stress - für das Wohl der Kleinsten riskieren Erzieher und Erzieherinnen ihre Gesundheit. Sie passen auf das wertvollste Gut der Gesellschaft auf, übernehmen eine immense Verantwortung für das Wohlergehen der Kleinsten. Doch das gesellschaftliche Ansehen ihres Berufes ist gering.

Mit ihren bundesweiten Streiks fordern die Erzieher öffentlicher Kindertageseinrichtungen zwar in erster Linie einen besseren Gesundheitsschutz. Doch dahinter steht der Kampf um die Aufwertung des Berufes und um mehr Geld.

Die Streiks der Erziehungs- und Sozialdienste sind heute und morgen laut ver.di in folgenden Städten geplant: Aachen, Stolberg, Eschweiler, Bielefeld, Gütersloh, Bochum, Herne, Dortmund, Schwerte, Lünen, Castrop-Rauxel, Düsseldorf, Hilden, Duisburg, Marl, Gelsenkirchen, Essen, Köln, Mönchengladbach, Oberhausen, Mülheim, Ahlen, Remscheid, Solingen, Kreuztal, Siegen, Siegen-Wittgenstein, Hagen, Lüdenscheid, Wuppertal und Troisdorf.

Zwischen 2300 und 2700 Euro brutto im Monat verdienen Erzieher nach Angaben der Gewerkschaft ver.di. Aber nur rund 40 Prozent von ihnen arbeiten Vollzeit.

Fast ein Drittel der Erzieher verdient durch Teilzeitarbeit monatlich brutto nur etwa 1500 Euro. „Mit der Bezahlung kann man nicht leben”, sagt eine 49 Jahre alte Erzieherin aus Düsseldorf, die sich am Montag mit Trillerpfeife an einem Demonstrationszug durch die Innenstadt beteiligt.

„Mit einer höheren Bezahlung könnte man auch den Beruf aufwerten”, meint eine 48-jährige Kollegin, die seit 30 Jahren als Erzieherin arbeitet. „Es gibt für uns auch zu wenig Fortbildung.”

Anders als etwa in Frankreich oder Dänemark werde der Beruf des Erziehers in Deutschland in der Gesellschaft zu wenig wertgeschätzt, meint ver.di-Gewerkschaftssekretär Jürgen Reichert.

„In Frankreich erfahren auch Kinder eine andere Wertschätzung.” Die Kita-Gruppen etwa seien kleiner als in Deutschland. Auch die Ausbildung zum Erzieher hat beim Nachbarn einen höheren Rang.

Reicht in Deutschland ein Realschulabschluss mit anschließendem Besuch einer Berufsfachschule und einem Jahr Berufspraktikum, so sind in Frankreich für angehende Erzieher Abitur und Studium Pflicht.

Darüber hinaus sind die Karrierechancen für Erzieher bescheiden. Dies dürfte neben der mäßigen Bezahlung auch der Grund sein, dass nur rund fünf Prozent der Erzieher in Deutschland männlich sind.

Kita-Leiter oder vielleicht Koordinator im Jugendamt - das sind die höchsten Jobs auf der Karriereleiter.

„Dieser Beruf muss besser in der Bewertung werden”, erkannte Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU). „Mit dem Ausbau der Kinderbetreuung muss auch eine bessere Qualität einhergehen. Das kostet selbstverständlich Geld.” Der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir forderte bereits vor Monaten: „Wir müssen die Ausbildung aufwerten, der Erzieherberuf muss eine Hochschulausbildung werden.”

Nach Ansicht von ver.di muss es nicht unbedingt ein Studium sein. „Ein Studium allein ist nicht selig machend”, sagt Reichert. Notwendig sei eine gute und gezielte berufliche Fort- und Weiterbildung in Kooperation etwa mit Fachhochschulen. Doch häufig werde gerade bei den Ergänzungstagen der Erzieher gekürzt.

Erzieherinnen in Kitas sind heute längst nicht mehr die „Basteltante”. Seit dem PISA-Schock sind in einigen Bundesländern die Erziehungspläne für Kindergärten aufgemöbelt worden - was wiederum für die Erzieher häufig mehr Bürokratie und noch mehr Belastung bedeutet.

In Nordrhein-Westfalen etwa sind Schwerpunkte des neuen Kinderbildungsgesetzes (KiBiz) mehr Bildung, bessere Betreuung vor allem für Kinder unter drei Jahren sowie eine frühe Förderung.

Nach Meinung von Kritikern macht das neue KiBiz aber krank und unzufrieden. Die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten hätten sich verschlechtert; der Krankenstand sei gestiegen, und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei nicht verbessert worden. Ähnliche Klagen gibt es auch über das neue Kinderbildungs- und Betreuungsgesetz in Bayern. „Kitas werden immer mehr zu Rentabilitätsprojekten”, meint Reichert.
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