Aachen - Nicht einmal jeder zweite Ausländer beendet Sprachkurs

Nicht einmal jeder zweite Ausländer beendet Sprachkurs

Von: Angela Delonge
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Für Asylbewerber, die Leistungen des deutschen Staates beziehen, ist die Teilnahme an Integrationskursen Pflicht. Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Aachen. Für Ausländer, die in Deutschland leben und arbeiten wollen, ist das Erlernen der deutschen Sprache der wichtigste Baustein zur Integration. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) bietet deshalb sogenannte Integrationskurse an.

Der Kurs dauert in der Regel ein halbes Jahr und beinhaltet 600 Stunden Sprachunterricht und 100 Stunden Orientierungskurs über Land und Leute. Für Asylbewerber, die Leistungen des deutschen Staates beziehen, ist die Teilnahme Pflicht.

Ein Problem mit den Integrationskursen ist jedoch, dass Teilnahmeberechtigte diese Kurse oft nicht besuchen, geschweige denn sie abschließen. Die Abbrecherquote ist hoch und statistisch belegt. So haben zum Beispiel im ersten Halbjahr 2016 in der Städteregion Aachen zwar nahezu alle Teilnahmeberechtigten den Kurs besucht, abgeschlossen haben ihn aber nur rund die Hälfte. Im Kreis Düren besuchte gar nur die Hälfte den Kurs, den Abschluss machte weniger als ein Viertel. Im Kreis Heinsberg nahm etwas mehr als die Hälfte teil, Absolventen gab es jedoch ebenfalls weniger als ein Viertel.

Setzen auf die Muttersprache

Die Gründe dafür sind laut Bamf vielfältig. Es müsse zum Beispiel berücksichtigt werden, dass unter den Berechtigten auch viele Freiwillige seien, denen es selbst obliege, ob und wann sie einen Integrationskurs besuchen, teilte ein Sprecher auf Anfrage unserer Zeitung mit. Von den Verpflichteten wiederum nähmen einige „möglicherweise aufgrund von Erkrankung, Schwangerschaft oder Arbeitsaufnahme“ nicht am Kurs teil. Ein großer Teil der 2016 erteilten Berechtigungen könne demnach erst 2017 zu einem Abschluss führen, heißt es. Die Kontrolle darüber obliege jedoch nicht dem Bamf, sondern Institutionen wie den Ausländerbehörden, die die Berechtigungen erteilt hätten.

Bei der Zusammensetzung der Deutschkurse setzt das Bundesamt auf Heterogenität, die Unterrichtssprache ist ausschließlich Deutsch, egal wie viele und welche Nationalitäten und welche Erstsprachen sich in einem Kurs zusammenfinden. Die große Mehrheit der Kursleiter halte die bestehende Einteilung für gut, heißt es. Die Frage, ob dies den Unterricht unnötig erschweren und damit die Motivation der Teilnehmer sinken könnte, wird beim Bamf offenbar nicht diskutiert.

Jemand, der diese Frage stellt, ist der Aachener Sprachwissenschaftler Wolfgang Butzkamm. Auch wenn der Professor für englische Sprache und ihre Didaktik an der RWTH Aachen seit 2003 emeritiert ist, ist ihm die Vermittlung von Sprache nach wie vor ein Anliegen. Die jüngste Kritik des Bundesrechnungshofs an den ineffektiven Deutschkursen der Bundesagentur für Arbeit und die hohen Abbrecherquoten bei den Integrationskursen haben Butzkamm auf den Plan gerufen.

„Ich glaube, dass der Unterricht in diesen Kursen nicht gut genug ist“, sagt Butzkamm. Seine Kritik richtet sich vor allem gegen das Prinzip der Einsprachigkeit, das hält er für „eine Gedankenlosigkeit, die sich als Methode ausgibt. In Wirklichkeit wird dadurch der Frust des Nichtverstehens vergrößert“, sagt Butzkamm.

Das Bamf beruft sich auf Studien zur Wirksamkeit von Integrationskursen, nach denen gerade in Klassen mit vielen verschiedenen Erstsprachen eher auf die deutsche Sprache als Kommunikationsmittel zurückgegriffen werde. In Klassen mit weniger Erstsprachen werde dagegen häufiger die Muttersprache zur Kommunikation untereinander verwendet.

Muttersprache ist das Stichwort für Butzkamm, der dafür plädiert, beim Fremdsprachenunterricht immer die jeweilige Muttersprache mit einzubeziehen. Sein Argument: Menschen lernen in ihrer Muttersprache zu denken und zu kommunizieren, intuitiv haben sie eine grammatische Grundordnung erfasst. „Der größte Aktivposten beim Fremdsprachenerwerb ist – auch in psychologischer Hinsicht – die Muttersprache.“

Ein Beispiel: In vielen Sprachen gibt es keine Steigerungsform von Adjektiven. Das deutsche „groß, größer, am größten“ sei deshalb für viele Ausländer schwer nachvollziehbar. Möchte ein Ghanaer zum Beispiel in seiner Sprache (Twi) mitteilen, dass sein Nachbar größer ist als er selbst, sagt er, wörtlich übersetzt: „Nachbar groß übertreffen mich.“

Butzkamm ist überzeugt: Würde man solche Eigenheiten der verschiedenen Muttersprachen mehr in den Unterricht einbeziehen, könnten viele Ausländer die deutsche Sprache leichter verstehen. Dass dies in den Integrationskursen geschieht, legt das Bamf dar: Die Herkunftssprachen der Teilnehmer würden „wertgeschätzt“ und zum Beispiel bei Grammatikvergleichen oder der Einführung neuer Worte in das Unterrichtsgeschehen einbezogen, heißt es.

Dem Sprachexperten Butzkamm reicht das nicht. Er hat ein Konzept für die Vertiefung erster Deutschkenntnisse erarbeitet – auf Grundlage der Bibel. Da bei diesem Projekt möglichst viele Muttersprachler mitmachen und ihre Version einfacher Bibeltexte einbringen sollen, hat Butzkamm sein kostenloses Angebot an das Prinzip der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia angelehnt und es Wikibiblia genannt.

Zu finden sind dort bilinguale, von Migranten für Migranten übersetzte Bibeltexte, die ein besseres Verständnis der deutschen Sprache und natürlich auch der abendländischen Kultur ermöglichen sollen. Butzkamm betont aber: „Wir wollen auf keinen Fall missionieren.“

Warum dann die Bibel? Bibeltexte eignen sich wegen ihrer weltweiten Verbreitung und ihrer einfachen, bildhaften Sprache besonders gut für die Übersetzung, sagt Butzkamm. Man denke nur an das Gleichnis vom verlorenen Sohn, das bei Wikibiblia in leicht verständlichen Worten neu erzählt wird: Zeile für Zeile in 72 kurzen Textfragmenten wie „Er hatte Mitleid“ oder „Sie schlugen den Mann halb tot“ und in mehreren Sprachen – zum Lesen, Hören und Nachsprechen. Andere Beispiele sind die Geschichte vom barmherzigen Samariter oder „Jesus und die Ehebrecherin“.

„Mit Wikibiblia bieten wir den Fremden ein Stück unserer Heimat an.“ Für Lehrer, die Deutsch als Fremdsprache unterrichten, biete die Bibel eine großartige Fundgrube, findet er. Butzkamm hofft, mit Wikibiblia eine Lücke zu schließen. Die nützliche, in vielen Sprachen vorliegende Broschüre „Eine Orientierungshilfe für das Leben in Deutschland“ (Refugeeguide.de) enthalte zum Beispiel keine Informationen über Kirche und Christentum. Die Evangelische Kirchengemeinde Kornelimünster hat Wikibliblia bisher mit 600 Euro unterstützt. Weitere Mittel werden benötigt.

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