Neuer Trend Häkeln: Die Masche mit der Masche

Von: Thorsten Karbach
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Alle Hände voll zu tun: Der Stolberger Martin Crusius ist Gebietsverkaufsleiter bei Veno. Er sorgt dafür, dass die myboshi-Wolle in mittlerweile 40 Farben in die Geschäfte kommen. Und er berichtet von einem so noch nicht dagewesenen Hype, der seinen Kunden ein gutes Geschäft beschert. Foto: Andreas Steindl
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Zwei Gründer mit Köpfchen: In Japan begannen Thomas Jaenisch und Felix Rohland zufällig Mützen zu häkeln und entwickelten daraus eine bemerkenswerte Geschäftsidee. Im vergangenen Jahr haben die beiden 28-Jährigen rund 25.000 Mützen mit ihrem myboshi-Logo verkauft – und darüber hinaus Häkelsets, Bücher und vieles mehr. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Der Weg zum Erfolg beginnt mit einer Luftmasche. Der erste Faden wird um den Zeigefinger der linken Hand gelegt. Im zweiten Schritt wird das Fadenende von vorne um den Daumen gelegt, so dass eine Schlinge entsteht. In die Schlinge wird nun von unten mit der Häkelnadel eingestochen und der Faden durchgezogen. Ein Volltreffer! Zumindest für Thomas Jaenisch und Felix Rohland.

Hinter diesen ersten Worten steckt nämlich weit mehr als eine Häkel-Anleitung für eine Mütze. Es ist eine Anleitung zum Erfolg für die beiden Burschen aus Oberfranken, die vor vier Jahren als Skilehrer in Japan ihre ersten Mützen gehäkelt und nun einen regelrechten Häkelhype erzeugt haben. Ihre „myboshi“-Idee ging von Japan aus um die Welt.

Sie lassen in ihrer Heimat von freundlichen Omas Mützen häkeln, die ihre Kunden im Internet in Auftrag gegeben haben, oder verkaufen Häkelsets mit Wolle, Nadel und Anleitung, so dass überall häkelnde Menschen zu sehen sind: im Bus, in der Bahn, auf der Parkbank, in der Schulpause. Sie verkaufen Bücher und treten im TV auf – in Samstagabendshows mit Volksmusikanten ebenso wie bei Stefan Raab“. Das alles zahlt sich natürlich aus. Die beiden sind inzwischen richtige Unternehmer. Erfolgreiche Unternehmer. Die Masche mit der Masche geht auf.

Doch der Reihe nach: Die Geschichte klingt so unglaublich, dass sie einfach wahr sein muss. Da sitzen diese beiden Studenten aus Oberfranken 2009 in Japan und häkeln aus Langeweile eine Mütze. Fünf Wochen wollten sie in dem kleinen Skiort in der japanischen Provinz verbringen, die Hobby-Skilehrer hatten – typisch Studenten, wie Jaenisch heute lachend erzählt – viel Zeit, aber wenig Geld. In Japan waren Kost und Logis frei. „Es war schon cool“, berichtet er.

Doch abends war – das kannten sie aus den Alpen anders – nicht viel bis gar nichts los. Weit und breit gab es kein Aprés-Ski. Und so hockten dann rund 40 Skilehrer aus ganz Europa zusammen und versuchten sich zu unterhalten. Da war eine Spanierin, die häkelte. Irgendwann wurden Jaenisch und Rohland neugierig – auch wenn sie das Topflappenhäkeln in der dritten Klasse nicht in allzu guter Erinnerung hatten.

Die erste Hürde war die Sprache, die Spanierin sprach kein Deutsch, die Deutschen sprachen kein Spanisch, und so war es holpriges Englisch, das sie letztlich verband. Die zweite Hürde waren Wolle und Nadeln. Da waren Löcher, wo sie nicht hingehörten. Aber die jungen Oberfranken waren voller Ehrgeiz.

Ein paar Maschen später ließ sie der Häkelvirus nicht mehr los. Mit ihren ersten selbstgehäkelten Mützen bereisten sie anschließend das Land. In Tokio war es, als ihnen zwei Australier die Mütze direkt vom Kopf weg abkauften. Es war an einem dieser verrückten Abende, die in einer Karaokebar endeten. Zu später Stunde war die Geschäftsidee geboren. „Wir sagten irgendwann: Okay, wir häkeln jetzt Mützen“, erzählt Jaenisch. Damals waren beide 24 Jahre jung. Mit schwerem Schädel, aber einer guten Idee im Kopf waren sie aufgewacht.

Sie wussten gar nicht, wie gut die Idee war. Das wissen mittlerweile Petra Riede, Bea-trix Dobbelstein und Diana Mulia-Dharma aus einem Würselener Stoffgeschäft. Ende 2013 nahmen sie die „myboshi“-Wol- le ins Programm. Und nun? „Wir sind sehr zufrieden. Das ist ein richtig gutes Zusatzgeschäft“, sagt Riede. Und Beatrix Dobbelstein hat schon die ganze Familie behäkelt.

Es soll Menschen geben, die nur noch zum Duschen und Schlafen die Häkelnadel aus der Hand legen, erzählt der Stolberger Martin Crusius und lacht. Ganz so ist es natürlich noch nicht, aber an einen ähnlichen Hype kann sich Crusius nicht erinnern – und er ist als Veno-Gebietsverkaufsleiter lange im Geschäft. Veno vertreibt die „myboshi“-Produkte und sorgt dafür, dass Geschäfte wie das in Würselen eine sogenannte Wolltankstelle mit allen „myboshi“-Farben haben.

„Es ist unglaublich, wie vor allem junge Leute das Häkeln wieder entdeckt haben“, sagt Crusius. Einzelhändler würden mit „myboshi“-Wolle 20 bis 30 Prozent mehr Umsatz machen. In einem Fachhandel in Stolberg verkaufen Roland und Irene Wicking 100 Wollknäuel im Monat, obwohl auch für sie Stoff das eigentliche Geschäft ist. Zwei bis drei Knäuel braucht es für eine Mütze. 2013 wurden weltweit 20 Millionen Wollknäuel verkauft.

Die coolen Häkel-Omis

Der Weg dahin bleibt nahezu unglaublich: Zurück in Oberfranken sicherten sich Jaenisch und Rohland die Internetpräsenz myboshi.de, der Name ist im Grunde bayrisch-englisch-japanisches Kauderwelsch. Boshi ist Japanisch für Mütze, my ist Englisch und klingt doch ausgesprochen wie auf Bayrisch „mei“, also mein. Im Oktober 2010 entwickelten sie neben dem Studium – Jaenisch hatte Wirtschaftsingenieurwesen, Rohland Wirtschaft und Informatik auf Lehramt belegt – den ersten Boshi-Konfigurator, bei dem Kunden ihre Mütze individuell gestalten können. Sie häkelten die eingegangenen Aufträge und suchten freundliche Seniorinnen, die ihnen dabei unter die Arme griffen.

Es war ein schönes, auch lukratives Hobby, aber es wurde weiter studiert. Nach den Abschlussprüfungen wollten sie sich ein Jahr geben, um aus dem Hobby ein richtiges Geschäft zu machen. „Anfangs sagten alle: Ihr spinnt, aber ich nehme Euch eine Mütze ab“, berichtet Jaenisch. Aus einem Netz aus Freunden, die Mützen bestellten, wurden Kunden in ganz Deutschland. 2009 und 2010 wurden zusammen 500 „myboshi“-Mützen gehäkelt, 2012 waren es 20.000, 2013 schon 25 000.

Jaenisch und Rohland haben Bücher über das Häkeln herausgebracht, die sich besser verkaufen als alle vergleichbaren Werke zur Handarbeit zuvor. Sie konzipierten Häkelsets für die, die selber ihre Mütze fertigen wollen, und bieten Wolle in verschiedenen Qualitäten. In diesem Jahr folgt Sommerwolle – Baumwolle mit Leinen. Es gibt sieben feste Mitarbeiter und bis zu 40 Häkelkräfte, die Jaenisch die „coolsten Omis“ der Welt nennt. „Wir waren im Nachhinein immer wieder erstaunt, wie begeistert die anderen Leute von unserer Idee waren“, erklärt er. Und sie fanden starke Partner.

Aufgegriffen wurde der „myboshi“-Faden auch in unserer Region: Das Traditionsunternehmen Prym aus Stolberg, genauer Prym Consumer, ist exklusiver „myboshi-Partner“ und produziert die Häkelnadeln, die mit „myboshi“-Logo verkauft werden. Das Prym-Logo wiederum ziert die Banderolen der ersten Wollauflagen. „Wir wurden ausgesucht“, erklärt Astrid Köhler, Marketingleiterin der Prym Consumer Europe GmbH. Und dafür gab es einen guten Grund: Jaenisch und Rohland häkelten von Anfang an mit Prym-Nadeln.

Chillirot, Limettengrün

Um ihre Wolle kümmerten sich die „myboshi“-Gründer selbst – entwickelt haben sie sie mit H & W Comfort-Wolle. Sie hatten lange frische Farben gesucht und einen Markt voll dunkler Töne gefunden. Sie sprachen mit Herstellern und begegneten Skepsis. Keiner glaubte an diese Erfolgsgeschichte. „Jetzt stehen die Hersteller Schlange und wollen einsteigen“, sagt Jaenisch.

Aber jetzt braucht „myboshi“ keinen Wollepartner mehr. Die Farben von Chillirot über Candypurpur bis Limettengrün werden mittlerweile nach Finnland, Dänemark, Benelux, Italien, Spanien, Frankreich und Großbritannien verkauft. 40 Farben gibt es, die sich kunterbunt miteinander verknüpfen lassen. „Die Mütze ist mehr als ein Kleidungsstück. Sie ist ein Style“, sagt „myboshi“-Designerin Sarah Hohenberger.

Das sieht auch Roland Wicking: „Etwas Ähnliches habe ich noch nicht erlebt. Wäre schön, wenn jedes Produkt so einschlüge“, sagt er. Das Gute an der Idee: Häkeln ist nahezu überall möglich. Und wer einmal den Knoten raus hat, der kann so eine „myboshi“-Mütze ruckzuck in ein paar Stunden häkeln. „Ich hatte schon mit einem Trend gerechnet, aber dass diese Geschichte so einschlägt, damit war nicht zu rechnen“, sagt Martin Crusius.

Handarbeit ist ohnehin beliebter denn je: Laut Initiative Handarbeit e.V. investierten die Deutschen 2012 1198 Millionen Euro, um nähen, stricken oder häkeln zu können. 2008 waren es noch 940 Millionen Euro. 430 Millionen Euro wurden 2012 allein fürs Stricken und Häkeln ausgegeben.

Die Mütze allein kann diesen Trend kaum aufrecht erhalten. Es sind die Ideen drumherum und die Vermarktung: Zuletzt gab es sogar eine Häkel-Europameisterschaft. „Sich so professionell in Szene zu setzen, ist schon eine Leistung“, sagt Köhler. Und die Folgen sieht sie immer wieder – auf den Köpfen der Menschen: „Es ist eine Sucht. Alle wollen eine solche Mütze haben.“

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