Jülich - Neuer FZ-Chef setzt auf regionale Kooperationen

Neuer FZ-Chef setzt auf regionale Kooperationen

Von: Thorsten Pracht und René Benden
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Vom Klimawandel bis zur umweltverträglichen Energie: Wolfgang Marquardt, neuer Vorstandsvorsitzender im Forschungszentrum Jülich, sieht die Wissenschaft vor großen gesellschaftlichen Aufgaben.

Jülich. Wolfgang Marquardt kennt die Stärken und die Schwächen der Wissenschaftsregion. Fast 20 Jahre arbeitete er als Professor für Prozesstechnik an der RWTH Aachen, bevor er der Vorsitzende des Wissenschaftsrates wurde. Nun ist er der neue Vorstandsvorsitzende des Forschungszentrums Jülich.

Im Interview mit unserer Zeitung erklärt er, wie sich aus seiner Sicht dieser Wissenschaftsstandort gegen urbane Zentren wie München behaupten kann: Durch regionale Kooperationen, in denen sich die Partner auf ihre Stärken konzentrieren.

Sie haben bei Ihrer Amtseinführung die Frage in den Raum gestellt, inwieweit die Themen der Forschung den Herausforderungen der Gesellschaft gerecht werden. Wollen Sie eine Debatte über die Stoßrichtung der Forschung entfachen?

Marquardt: Ich glaube, diese Debatte läuft schon. Nicht nur hier in Jülich, sondern insgesamt. Der Auftrag der Helmholtz-Gesellschaft ist ja, Lösungen für die drängenden Probleme der Gesellschaft zu finden. Und wenn Sie sich die große politische Wetterkarte anschauen, dann wird die Frage, welchen Beitrag die Wissenschaft für den Wirtschaftsstandort Deutschland liefert, eher heftiger diskutiert, als das vor zehn Jahren der Fall war.

Woran liegt das?

Marquardt: Weil die Verwissenschaftlichung von allem, was wir tun, voranschreitet. Von der Wissenschaft werden Antworten erwartet auf die Fragen, die Menschen bewegen. Das führt dazu, dass Wissenschaft bisweilen vor unlösbare Fragen gestellt wird. Weiter ist es wichtig zu kommunizieren, dass auch Wissenschaft nicht immer die richtigen Antworten hat. Letztlich setzt das Wissenschaftssystem eine Menge Steuergeld um, es kommt also auch eine Legitimationsaufgabe auf uns zu. Wir in Jülich werden nicht nur tolle Grundlagenforschung betreiben, sondern uns wie in der Vergangenheit die Frage stellen: Wie können die Dinge, die wir hier erarbeiten, im nächsten Schritt nutzbar gemacht werden?

Welche Aufgaben sehen Sie in den kommenden Jahren auf die Forschung zukommen?

Marquardt: Wir haben keine Klimadebatte, sondern wir haben da ein Problem. Wir haben auch beim demografischen Wandel mehr als eine Debatte. Wir haben das Thema der sicheren, nachhaltigen, also ökologisch, ökonomisch und sozial verträglichen Energieversorgung. Das sind nur drei Themen, in denen wir alle gerne mehr Handlungswissen hätten.

Das Forschungszentrum hat sich mehrere Schwerpunkte erarbeitet. Beispiele: Energie und Umwelt, Informationstechnologie, aber auch biologische Verarbeitung von Information. Wollen Sie innerhalb dieses klar definierten Profils besondere Schwerpunkte setzen?

Marquardt: Jülich hat nach dem Umbau des Forschungszentrums weg von dem früheren Schwerpunkt der Kernforschung einen Prozess der Differenzierung durchlaufen. Ich glaube, die wichtigste Aufgabe der Zukunft wird sein, diese unterschiedlichen Gebiete noch mehr zum synergetischen Zusammenspiel zu bringen. Also nicht, komplett neue Forschungsbereiche anzufangen oder andere zu schließen, sondern die Dinge, die sehr gut sind, noch besser zu machen, indem man Synergien zu benachbarten Feldern nutzt.

Zum Beispiel?

Marquardt: Nehmen wir die Informationstechnologie im Sinne von Materialien für neue elektronische Bauteile einerseits und die Hirnforschung andererseits als Beispiel. Wir haben zwei Forschungsbereiche an einem Standort, in denen die Kooperation zwischen den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern schon ganz gut funktioniert. Es steckt ein Riesenpotenzial darin, die Erkenntnisse aus der biologischen Informationsverarbeitung im Gehirn für die Herstellung neuer elektronischer Bauteile und Schaltungen zu nutzen.

Sie sehen sich als Netzwerker, der die Kommunikation anstößt?

Marquardt: Diese Aufgabe sehe ich in der Tat als die wichtigste an.

Von Ihnen stammt der Begriff „regionale Leistungszentren“. Woran denken Sie dabei?

Marquardt: Das habe ich aus meiner Zeit als Vorsitzender des Wissenschaftsrates mitgebracht. Nehmen Sie unsere Region, den Münchner Raum, Dresden oder die Ruhr-Metropole mit ihren Verbünden. Man kann sich die Frage stellen: Könnte man nicht von einer institutionellen Strategie zu einer regionalen Strategie kommen, also regionale Verbünde als Leitmotiv nehmen? Sich einfach nur aus geografischen Gründen zusammenzuschließen, erzeugt allerdings die Gefahr der Beliebigkeit. Das wissenschaftspolitische Ziel muss aber sein, einen Verbund von ganz anderer Qualität hinzukriegen, in dem sich die institutionellen Partner ein ganz spezifisches Profil geben – also auch Dinge lassen, die ein anderer Partner besser kann.

Wie könnte ein solcher Verbund in unserer Region aussehen?

Marquardt: Klar ist, dass Jülich durch die naturwissenschaftliche Prägung die passende Komplementarität am besten im ingenieurwissenschaftlichen Bereich finden kann. In den MINT-Fächern sehe ich ein riesiges Potenzial, da natürlich zuvorderst in Verbindung zur RWTH Aachen. Wenn ich Wissenschaft machen soll, die gesamtgesellschaftliche Relevanz hat, brauche ich natürlich auch ein Interface zu den Gesellschaftswissenschaften. Ich nenne nur das Stichwort der Akzeptanz. Irgendjemand muss diese gesellschaftlichen Prozesse in den Blick nehmen. Müssen wir das in Jülich tun? Sucht man sich Partner dafür? Diese Fragen sind für mich ganz wichtig, ich habe selbst noch keine abschließende Antwort.

Für einen solchen Verbund müsste jeder Partner Kompromisse machen. Wäre eine RWTH dazu bereit? Wäre ein FZJ dazu bereit?

Marquardt: Das ist genau die Spannungslinie. In jeder Organisation gibt es Bereiche, die nicht global kompetitiv sind. Die gibt es in Aachen, und die gibt es sicher auch hier in Jülich. Diese Bereiche so umzubauen, dass sie das eigene Profil stärken und auch zu einem Partner passen, erfordert Mut und viel Vertrauen zwischen den Leitungen der Organisationen. Ich kenne keinen Fall, wo das bisher in Deutschland funktioniert hat. Es ist also vorerst noch eine Vision.

Ihr Vorgänger Achim Bachem hat gemutmaßt, dass Ihr Job komplizierter werden wird.

Marquardt: Er hat da nicht speziell an Jülich gedacht. Das wissenschaftspolitische Umfeld wird komplizierter. Wir haben die Schuldenbremse vor der Brust, also wird die Finanzierung von Wissenschaft herausfordernder. Auch der globale Wettbewerb wird nicht weniger werden. Und dann wird uns das Demografie-Problem vor die große Frage stellen, wie wir die besten Leute der Welt hier herholen, schnell integrieren und dann auch behalten. Darauf sind wir im Vergleich zu anderen Ländern nicht gut vorbereitet.

Ist Jülich ein attraktiver Standort?

Marquardt: Jülich ist ein attraktiver Standort, weil hier super Wissenschaft gemacht wird. Aber Jülich hat auch einen Standortnachteil. Jemand aus Südamerika geht lieber nach Berlin oder München als nach Jülich. Das Arbeitsplatzumfeld ist natürlich in der Wissenschaft immer das Allerwichtigste, aber es gibt nun mal auch ein Leben außerhalb der Forschung. Wir müssen zusehen, dass wir uns mit dem Standort gut positionieren.

Wie viel Potenzial steckt im Problem der Entsorgung der Brennelemente des Versuchsreaktors, um Ihnen die Laune zu verderben?

Marquardt: Mir die Laune zu verderben, ist nicht so ganz einfach. Mit anderen Worten: Ich bin da ziemlich unaufgeregt und kann mit solchen Sachen gut umgehen. Wichtig ist, dass wir rüberbringen: Jülich ist nicht mehr die KFA (Kernforschungsanlage, d. Red). Wir haben hier ganz viel Wissenschaft und ein bisschen Bezug zur Kernenergie. Wir sind in Deutschland aus der Kernenergie ausgestiegen, und das wird hoffentlich so bleiben. Die Frage ist: Wie und auf welcher Zeitskala bekommen wir den Umstieg hin? Dabei gibt es eine Fülle von ungelösten wissenschaftlichen Fragen. Solange Reaktoren noch laufen – auch außerhalb unserer Grenzen – brauchen wir mindestens Beurteilungskompetenz zu Sicherheitsfragen und Reaktorgestaltung. Beides kann man nicht trennen. In Deutschland werden die Reaktoren 2022 stillgelegt, dann ist der Handlungsdruck in Deutschland kleiner, aber nicht gleich null. Wir haben Reaktoren in unseren Nachbarländern, und es kann auch nicht in unserem Interesse sein, dass in China Atomkraftwerke aus dem Boden schießen, ohne dass wir wissen, ob sie sicher sind. In Deutschland kommt nach dem Ausstieg die Aufgabe, die Kernkraftwerke zu demontieren. Es ist nicht so, dass wir in Deutschland wirklich ein gutes Konzept haben, wie der Abbau und die sichere Endlagerung der Abfallstoffe ablaufen sollen.

Fühlen Sie sich da von der Politik ein wenig allein gelassen? Es gibt nun mal kein Endlager, und Sie haben hier ein relativ drängendes Problem mit Ihren 152 Castoren.

Marquardt: Sie haben Recht, es gibt kein Endlager für hochradioaktive Abfälle, und zwar weltweit nicht.

Was kann man aus der Energiewende für künftige Aufgabenstellungen lernen? Waren wir nicht genug darauf vorbereitet?

Marquardt: Es ist kein Argument, etwas nicht anzufassen, weil man den Weg zum Ziel nicht kennt. Das wussten die Amerikaner auch nicht, als sie sich vorgenommen haben, zum Mond zu fliegen. Für solch große Herausforderungen braucht man zunächst einmal eine Vision. Die Schwierigkeit bei einem Projekt wie der Energiewende ist, sich angemessen Zeit dafür zu nehmen. Wir werden sehen, ob das gewählte Zeitfenster o.k. ist.

Die Energiewende ist breiter gesellschaftlicher Konsens. Was kann das Forschungszentrum tun, damit es keinen Sturm der Entrüstung gibt, wenn die 152 Castoren eines Tages vom Gelände rollen?

Marquardt: Wir müssen uns intensiv mit dem Thema Kommunikation auseinandersetzen, müssen uns eine Strategie überlegen. Was ich Ihnen gesagt habe, muss man allen Menschen in Deutschland erklären. Wir haben Kernbrennstoff nicht nur in Jülich, sondern an zig Standorten in unserem Land. Wir können ihn nicht einfach liegen lassen. Ich halte es auch für ein schreckliches Szenario, 30, 40 Zwischenlager zu bauen und dann das Problem zu haben, all diese Lager sicher zu halten. Wollen wir das wirklich? Oder muss es nicht das Ziel sein, ein übergreifendes Konzept zu erarbeiten, das wir als Teil der Energiewende begreifen müssen? Wir müssen die Frage der endgültigen Lagerung aktiv angehen, natürlich mit der Prämisse höchster Sicherheitsstandards. Wir als Wissenschaftler müssen die technischen Möglichkeiten liefern, und die müssen dann auf den Tisch. Die Politiker müssen dann entscheiden, dafür sind sie gewählt. Unsere Aufgabe ist es, diese Möglichkeiten sauber zu bewerten – und das nicht nur mit dem Horizont einer Legislaturperiode.

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