Düren - Neue Vorwürfe gegen Dürener Schlachthof

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Neue Vorwürfe gegen Dürener Schlachthof

Von: Carsten Rose und Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
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Hohe Belastung: Auch die Mitarbeiter eines Schlachthofes stehen unter großem Stress. Foto: imago/Blickwinkel

Düren. Vor ein paar Wochen suchte die Rudolf Wingels GmbH mit Annoncen nach Metzgern/Fleischern, die auf dem Dürener Schlachthof Frenken arbeiten wollten. Gefordert wurden „gute körperliche Eignung, ein gesunder Arbeitswille, ein Hygieneverständnis, ausreichend Deutschkenntnisse und keine religiöse Einschränkung im Umgang mit Schweine- oder Rindfleisch“.

Im Gegenzug bot der Subunternehmer „faire leistungsbezogene Bezahlung, abwechslungsreiche Tätigkeit in einem krisenfesten Unternehmen, ein flexibles Arbeitszeitmodell“. Fachliche Kenntnisse seien keine Voraussetzung, aber von Vorteil für den Schlachtbetrieb an der Paradiesstraße.

Für Damba B. und Frederic C. (Namen geändert) ist die Ausschreibung komplett zynisch. Die beiden afrikanischen Männer haben ihre Erfahrungen gemacht auf dem Schlachthof. Sie haben jeweils etwa ein Jahr dort gearbeitet, bis sie aufgegeben haben. Verzweifelt. Inzwischen sind sie in anderen Branchen untergekommen. Wenn ihre Schilderungen zutreffen, wäre der Skandal am Schlachthof Düren noch viel größer – er würde nicht nur die Tiere, sondern auch viele Mitarbeiter betreffen.

Sie haben Rudolf Wingels erlebt und können stundenlang von ihm erzählen. Sie berichten von einem Jahr ohne jeden Urlaubsanspruch, von einem Jahr ohne große Arbeitnehmerrechte, von einem Jahr der Ausbeutung. Rudolf Wingels ist der Subunternehmer, den die Dürener Frenken GmbH schnell entfernt hat. Der Großschlachter sprach nach den Enthüllungen der „Soko Tierschutz“ von „Verfehlungen eines Subunternehmers“. Für Wingels hat alternativ das polnische Subunternehmen „Gerpol“ die Dienstleistungstätigkeit am Schlachthof in Düren ausgeweitet.

Die Stechuhr lief nicht

Für die Afrikaner war Rudolf Wingels der Herr der Stempeluhrkarten. Der Vorarbeiter checkte die Metzger und Metzgergehilfen ein und aus, sagen sie. „Es war oft willkürlich“, meint Damba B. Die Schicht habe schon Stunden angedauert, die Pause sei lange beendet gewesen, die Stechuhr sei immer noch nicht mitgelaufen. „Er hatte es immer als Versehen dargestellt, das er mit den Abrechnungen korrigieren wollte“, sagt Frederic C. Die Zeit im Schlachthof ist vorbei, die Westafrikaner sind desillusioniert. „Ihm geht es nur um den Profit. Wer sich beschwert hat, dem wurde mit der Kündigung bedroht.“

Es ist ein kühler Abend im Dezember, die beiden ehemaligen Schlachter sind zu einem Treffen in der Dürener Innenstadt gekommen, an dem noch weitere Zeugen teilnehmen. Damba B. hat seine Abrechnungen mitgebracht. Mal gab es 625, mal 844, mal 1028 Euro. Es sei die Entlohnung gewesen für etwa „40 bis 50 Wochenstunden“, sagt der Afrikaner. Nachvollziehbar sind die Belege nicht, sie weisen keine Stunden aus. Ein Anspruch auf Urlaubstage ist nicht vermerkt.

„Wer krank war, bekam kein Geld“, sagt Damba B. Verletzungen waren Alltag in der Schlachterei, aber selbst Schnitte wurden als „Kratzer“ abgetan, berichten die ehemaligen Mitarbeiter. Frederic C. wurde zweimal an der Hand operiert. Wie er sagt, ging er trotzdem schnell wieder zur Arbeit zurück, denn nur Anwesenheit sei bezahlt worden. Krankengeld oder Nachtzuschläge habe es nicht gegeben, sagt er.

Manchmal habe eine Schicht um 4 Uhr morgens begonnen, die erst um 18 oder um 19 Uhr beendet gewesen sei, erzählt Frederic C., der in der Fleischverarbeitung gearbeitet hat. „Es ist vorgekommen, dass man dann von 1 bis 9 Uhr gleich auch die Nachtschicht machen musste“, sagt der 24-Jährige. Informiert wurden die Männer auch kurzfristig via SMS-Nachrichten.

Die Konditionen seien unterschiedlich, ein paar deutsche Mitarbeiter in der Kolonne seien angestellt bei Frenken, sie hätten einen festgelegten Urlaubsanspruch, Rumänen arbeiteten für einen Festlohn. Am Ende der Entlohnungsliste stünden die Afrikaner. Meist angelockt über Mundpropaganda.

Wenn Frenken komme, soll das Band langsamer laufen, sei die interne Ansage. Und wenn die im Vorfeld angekündigten Kontrollen stattfinden, müsse penibel auf Hygiene und Sterilität geachtet werden. Ansonsten: „Es ging nur ums Tempo, möglichst viele Tiere sollten in möglichst kurzer Zeit geschlachtet werden“, erinnert sich Damba B. Betäubungen seien in der Hektik oft misslungen, um ihr Leben kämpfende Tiere seien der Alltag gewesen.

Zeit für Toilettengänge der Mitarbeiter waren angeblich nicht vorgesehen, weil niemand auch nur für ein paar Minuten ersetzt werden konnte. Warum sich die Männer das angetan haben? „Es war die einzige Möglichkeit, etwas zu machen“, sagt Frederic C. Für sie blieben Jobs, die sonst niemand mehr machen will.

Frederic C. hat Asyl beantragt, nachdem er vor fünf Jahren nach Deutschland gekommen war, die Verfahren ziehen sich ewig in die Länge. Und selbst wer abgelehnt wird, kehrt nicht so schnell in die Heimat zurück, weil sich dort niemand zuständig fühlt. Der 24-Jährige hat keinen Anspruch auf einen Sprachkurs, er wohnt in einem Asylbewerberheim. Wer arbeitet, muss die Unterkunft selbst bezahlen. Eine Schlafstätte in einem Mehrbettzimmer kann schon mal bis zu 200 Euro kosten.

Unzumutbare Bedingungen

Einer, der sich die Arbeitsbedingungen auf dem Dürener Schlachthof nach gut fünf Monaten nicht mehr gefallen lassen wollte, ist Willi K. Ein kräftiger Mann Ende 30, dessen Händedruck verrät, in welcher Branche er tätig war. Auch er möchte anonym bleiben. Im Jahr 2011 war der gelernte Metzger sowohl bei dem Subunternehmer Rudolf Wingels als auch bei der Firma Frenken angestellt. Der Dürener hat sich an diese Zeitung gewandt, um über die Arbeitsbedingungen auf dem Schlachthof zu berichten. Willi K. erzählt so detailliert, dass seine aufgebrachte Frau neben ihm vor Ekel und Entsetzen nicht ruhig sitzen bleiben kann.

Ihr Mann redet viel, sagt aber im Kern stets dasselbe: Die Bedingungen für Mensch und Tier seien unzumutbar gewesen. „Wer auf Menschlichkeit und alles andere verzichten will, der ist in einem Schlachthof richtig.“ 14 bis 20 Stunden Arbeit am Tag seien normal gewesen – ohne geregelte Pausen, ohne Überstundenausgleich, ohne Kollegialität. Wer nicht im geforderten Akkord arbeitete, habe das zu spüren bekommen.

Nur in einer kurzen Phase, sagt Willi K., sei der Schlachtbetrieb ohne Stress und großen Druck abgelaufen: als die Verträge mit McDonald's verhandelt wurden. „Wir sollten vor den Augen der Vertreter 50 Tiere am Tag zerlegen, da hatten wir alle Zeit der Welt“, berichtet er. „Doch als die Verträge unter Dach und Fach waren, und niemand mehr zuschaute, wurde die Stückzahl auf etwa 400 erhöht.“ Dieser Auftrag sei existenziell wichtig für die Zukunft des Betriebes gewesen, die Arbeiter sollten sich Mühe geben, dass der Vertrag nicht platzt.

Abgemagerte Kühe

Zu seinen Arbeitskollegen hatte Willi K. quasi keinen Kontakt. Erstens blieb dafür keine Zeit, zweitens sprach kaum jemand Deutsch. „Manchmal kam mir das wie Sklavenhandel vor“, meint er lakonisch, „wenn ich morgens zur Arbeit kam, waren die Osteuropäer immer noch da, die schon gearbeitet hatten, als ich am Vortag Feierabend gemacht habe.“ Gelernte Metzger habe er kaum getroffen. Seine Kollegen waren unter anderem ehemalige Elektriker und auch Sportlehrer aus der Ukraine. „Solchen Leuten mussten wir das Schlachten beibringen. Manche hatten wirklich Spaß daran, die Tiere leiden zu lassen.“

Wie Willi K. es schildert, habe das Leid der Tiere schon bei der Anlieferung begonnen: Ganze Transporter mit abgemagerten Kühen seien nach Düren gefahren, und da die Kühe sich manchmal kaum auf den Beinen hätten halten können, habe sie jemand mit einem Stapler aus dem Transporter geholt und in einer Ecke auf dem Gelände förmlich geschichtet.

„Zaun drum, Plane drüber, damit es niemand von außen sieht“, berichtet er. „Gekümmert hat sich niemand um die Tiere, auch kein Tierarzt. Sie wurden weder begutachtet noch haben sie im Sommer Wasser bekommen.“ Die Veterinäre hätten in den Augen des ehemaligen Mitarbeiters ihren Job nicht richtig erledigt – anders kann er sich die Zustände nicht erklären, und auch nicht die Tatsache, dass afrikanische Arbeiter teilweise ohne Stiefel in den Exkrementen und Eigenweiden der Tiere standen, während sie Fleisch weiterverarbeitet hätten.

Zu geringe Bezahlung

Warum Willi K. diesen Job durchgezogen hat, ohne einer Behörde von den Zuständen zu berichten? „Wer macht das denn? Ich war froh, überhaupt noch einen Job als Metzger zu haben. So viele Metzgereien haben doch dichtgemacht“, sagt er. Die Bezahlung beim Schlachthof habe der Arbeitsleistung jedoch nicht entsprochen: Trotz Nachtschichtzulagen habe er zwischen 1000 und 1400 Euro netto erhalten.

Frederic C., der 24-jährige Asylbewerber aus Guinea, hat einen neuen Job in einer anderen Branche gefunden. Im August 2016 hat die Bundesagentur für Arbeit die sogenannte Vorrangprüfung für drei Jahre ausgesetzt. Sie sah vor, dass bei Stellenbelegungen geprüft werden musste, „ob bevorrechtigte inländische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für die Beschäftigung zur Verfügung stehen“.

An dieser Prüfung sind viele Flüchtlinge gescheitert, mit der Aussetzung haben sich ihre Möglichkeiten verbessert. Flüchtlinge, über deren Antrag auf humanitären Schutz noch nicht entschieden wurde, haben nach drei Monaten Aufenthalt grundsätzlich Zugang zum Arbeitsmarkt. Als die Regelung bekanntwurde, habe es eine Kündigungswelle in der Schlachterei gegeben, erzählt Frederic C. Denn es gab neue Möglichkeiten, „Rudi“ zu entkommen.

Auch Mitarbeiter betrogen?

Mehrfach hat diese Zeitung versucht, mit Rudolf Wingels in Kontakt zu treten. Er hat auf die Bitte, eine E-Mail-Adresse zu hinterlassen, nicht reagiert. Ein Sprecher der Firma Bernhard Frenken teilt mit, dass man die Vorwürfe nicht nachvollziehen könne. „Die Mitarbeiter der Firma Bernhard Frenken GmbH halten sich an die gesetzlichen Arbeitszeitregeln. Das schließt Pausen nach den gesetzlichen Vorgaben mit ein. Von Werkvertragsunternehmern erwarten wir ebenfalls, dass sie sich an die arbeitsrechtlichen und gesetzlichen Vorgaben halten.“ Im Übrigen stehe man im Kontakt zur Staatsanwaltschaft und unterstützte „vollumfänglich“ deren Ermittlungen.

Die hat Friedrich Mülln von der „Soko Tierschutz“ mit seinen Anzeigen ausgelöst. Sein Team hat die Zustände heimlich gefilmt und aufgedeckt. Mülln hat Wingels und Frenken wegen des Verdachts „auf vielfache Verstöße gegen die Tierschutzschlachtverordnung und das Tierschutzgesetz“ angezeigt. Inzwischen hat er die Anzeige erweitert, weil er vermutet, dass auch Mitarbeiter betrogen worden seien. Mülln hat in den 20 Jahren als Aktivist etwa 200 Anzeigen geschrieben, sagt er. „Einen Schlachter auf der Anklagebank habe ich noch nie gesehen.“

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