Neue Vernehmungsmethode: Vom Attentat bis zum Unfall

Von: Katharina Menne
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Berlin am 15. März, ein Auto ist explodiert: Die Vernehmung der Zeugen, die am Tatort waren, ist oft entscheidend für die Ermittlungen. Doch die Bedingungen, unter denen diese Vernehmungen stattfinden, sind oft chaotisch. Foto: stock/Olaf Wagner, K. Menne
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Zeugenvernehmungen effektiver machen: Rechtspsychologin Alana Krix von der Uni Maastricht. Foto: stock/Olaf Wagner, K. Menne

Maastricht. Eine Bankfiliale. Plötzlich stürmen drei maskierte und bewaffnete Männer herein. Sie bedrohen die anwesenden Kunden und Mitarbeiter und lassen sich die Geldvorräte aushändigen. Doch bevor die Polizei die Filiale erreicht, können die Männer mit der Beute fliehen.

Wäre der Fall real, gäbe es für die Polizei vor Ort nun viel zu tun: Tatortsicherung, Spurensuche, Zeugenvernehmungen. Es bleibt selten genug Zeit, um die anwesenden Zeugen sofort umfassend zu vernehmen. Dabei können insbesondere Details später entscheidend sein für die Rekon­struktion des Tathergangs und die Überführung der Täter. Das „Eigenständige Vernehmungsprotokoll für Augenzeugen“ (EVA) soll dabei helfen, die Erinnerung der Anwesenden gewissermaßen einzufrieren, damit sie nicht verloren gehen.

EVA ist der Name der deutschen Übersetzung des Self-Administered Interviews (SAI), das Psychologen aus Schottland, England und den USA bereits 2009 entwickelt haben, und das in Norwegen und Großbritannien schon erfolgreich eingesetzt wird. Auch in den Niederlanden ist es im letzten Jahr in den Regelbetrieb der Polizei übernommen worden.

Es handelt sich dabei um ein mehrseitiges Heft, das einen Zeugen ohne fremde Hilfe („eigenständig“) Schritt für Schritt durch verschiedene Abschnitte führt, die ihn dazu anleiten, alles aufzuschreiben, woran er sich erinnern kann. Bevor der Zeuge mit dem Schreiben beginnt, soll er sich bildlich vorstellen, was passiert ist, und sich mit allen Sinnen wieder in die Situation am Tatort zurückversetzen. Das soll ihm dabei helfen, sich an mehr Details zu erinnern. Die Anweisungen und Fragen beruhen auf den Prinzipien des kognitiven Interviews, einer der wichtigsten Vernehmungstechniken der Polizei.

Feldversuch in Hessen

Der Fragebogen soll noch am Ort des Geschehens an die Augenzeugen ausgegeben und so schnell wie möglich von ihnen ausgefüllt werden. Das entlastet zum einen die Polizei bei ihrer Arbeit, unterstützt aber auch nachweislich die Gedächtnisleistung der Zeugen in der späteren polizeilichen Vernehmung. Bei Fällen mit vielen Augenzeugen kann EVA sogar noch in einer weiteren Hinsicht hilfreich sein: Nach Beurteilung der Relevanz der Erstaussagen kann die Polizei eine Vernehmungsreihenfolge festlegen.

Alana Krix, Rechtspsychologin an der Universität Maastricht, übersetzte die Vorlage der britischen Kollegen im Rahmen ihrer Promotion ins Deutsche und ins Niederländische. „Ich habe mich schon länger gefragt, wie man Zeugen dabei unterstützen kann, sich zu erinnern, und die Richtigkeit ihrer Aussage zu erhöhen. Falsche Zeugenaussagen sind der häufigste Grund für Fehlurteile im Gerichtssaal“, sagt sie.

Bei der Suche nach einem Thema für ihre Promotion sei sie dann auf das „Self-Administered Interview“ (SAI) gestoßen, das hierzulande noch völlig unbekannt war. Sie begann mit ersten Untersuchungen, ob sich die positiven Ergebnisse des SAI auch im deutsch- und niederländischsprachigen Raum nachweisen lassen.

„Wir konnten in unseren Tests tatsächlich zeigen, dass das Vernehmungsprotokoll den Zeugen dabei hilft, mehr Details zu erinnern, ohne dass die Richtigkeit beeinträchtigt wird“, sagt Krix. EVA spricht durch unterschiedliche Abfragearten unterschiedliche Wahrnehmungsebenen an – mal sollen Skizzen angefertigt oder markante Täterdetails eingezeichnet, mal einfach nur der Ort oder die beteiligten Fahrzeuge beschrieben werden. Dies verbessert die Erinnerungsleistung, da verschiedene Abfragearten insgesamt mehr Informationen zugänglich machen.

EVA sei dennoch kein Vernehmungsersatz, sondern nur eine Ergänzung, betont die Psychologin. Es hilft dabei, die Zeit bis zur ersten Vernehmung zu verringern und die Erinnerung frühzeitig zu konservieren. Aus der gedächtnispsychologischen Forschung sei nämlich seit längerem bekannt, so Krix, dass der Umfang berichteter Informationen umso stärker abnehme, je mehr Zeit zwischen dem Ereignis und einer Vernehmung vergangen ist. Zeitungs- und Fernsehberichte beeinflussen die Erinnerung zusätzlich so, dass Zeugen oft nicht mehr zwischen ihren eigenen Beobachtungen und fremdem Wissen unterscheiden können.

Dass EVA tatsächlich hoch interessant ist für die Polizei, zeigt eine derzeit laufende Studie der Polizeiakademie Hessen. Kriminalhauptkommissarin Nikola Hahn ist dort verantwortlich für Vernehmungsfortbildungen. Sie stieß im Jahr 2011 auf einen Fachartikel von Alana Krix zum Thema, der sie sofort neugierig machte. „Vernehmungen kurz nach einer Straftat oder einem Unglücksfall müssen oft unter ungünstigen Bedingungen ablaufen, obwohl sie immens wichtig sind. EVA könnte ein taktisches Vernehmungsin­strument sein, um diesen Missstand zu minimieren“, sagt sie.

Inzwischen nehmen rund 200 hessische Polizisten an einem Feldversuch teil. EVA wird damit erstmals in der Bundesrepublik im Echtbetrieb getestet. Besonders wichtig ist es Nikola Hahn, mit der Studie Fragen zur Machbarkeit zu beantworten: Wie beurteilen deutsche Polizeibeamte den Einsatz von EVA im sogenannten Ersten Angriff am Tatort und im Zusammenhang mit der Vernehmung von Augenzeugen? Welche Einsatzgebiete von EVA sind generell denkbar? Gibt es auch Situationen, in denen EVA nicht eingesetzt werden sollte?

Laut Alana Krix kann die Methode keine Wunder mehr vollbringen, wenn der Zeuge während der Tat zu stark abgelenkt war. Es werden mit EVA nicht mehr Details erinnert als bei einem freien Erinnerungsabruf. Auch bei Zeugen mit geringem Arbeits- oder Quellengedächtnis wie bei älteren Menschen lässt sich kein positiver Effekt feststellen. Bei Zeugen, die während der Tat unter Stress standen, führt EVA dagegen zu umfangreicheren Aussagen. Dies sind jedoch Erkenntnisse aus Laborexperimenten, der Echtbetrieb muss diese noch bestätigen oder widerlegen.

Eine weitere relevante Erkenntnis aus Krix‘ Experimenten ist, dass viele Ermittlungsbeamte eher unzureichend über gedächtnispsychologische Grundsätze informiert sind. Sie misstrauen der Richtigkeit neuer Details aus einer zweiten Vernehmung obwohl diese aufgrund neu abgerufener Erinnerungen noch einmal mindestens 25 Prozent mehr richtige Informationen ergeben kann. „Es ist durchaus besorgniserregend, dass Polizisten, die die Zuverlässigkeit von Zeugenaussagen beurteilen müssen, diese stark unterschätzen“, sagt die Wissenschaftlerin.

NRW hat kein Interesse

Der Meinung ist auch Nikola Hahn. Viele ihrer Seminarteilnehmer wollen „Tricks und Tipps zum Aufdecken von Lügen“ erfahren. „Aber davor muss erst einmal die Kompetenz stehen, richtige von unrichtiger Information zu trennen. Erst die korrekte und vollständige Aufnahme von Zeugenaussagen zeichnet eine professionelle Vernehmung aus“, sagt sie. Einschlägige Erkenntnisse aus der Gedächtnispsychologie seien daher unverzichtbar.

Im Laufe des kommenden Jahres wird ein vorläufiges Zwischenfazit der Studie gezogen. Doch erst wenn der Feldversuch abgeschlossen und ausgewertet ist, wird darüber entschieden, ob und wie die Vernehmungsmethode EVA künftig in die Vernehmungsfortbildung der Polizeiakademie Hessen integriert und in der Praxis eingesetzt werden kann. Da Polizeiangelegenheiten Ländersache sind, heißt das aber noch lange nicht, dass EVA auch in anderen Bundesländern sofort eingesetzt wird. Nordrhein-Westfalen etwa hat bislang noch überhaupt kein Interesse bekundet.

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