Netzwerk „Altbergbau West“ möchte kleine und große Zechen erforschen

Von: Claudia Schweda
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Harte Arbeit, stolze Männer: Über Jahrzehnte gehörte der Anblick von klütteschwarzen Männern, die von der Schicht unter Tage kamen, zum Alltag auch in unserer Region. Das Netzwerk „Altbergbau West“ möchte helfen, diese Zechen-Zeit im kollektiven Gedächtnis zu bewahren. Foto: Nilwik

Essen. Karsten Plewnia liegt das Bergbau-Erbe in Nordrhein-Westfalen am Herzen. Der bekennende Ruhrgebietler aus Kettwig – heute ein Stadtteil von Essen, aber „da bin ich Lokalpatriot“ – ist als Museumspädadoge in diesem Bereich unterwegs und schreibt seine Doktorarbeit bei den Historikern der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Uni über die Höhlenforschung im Dritten Reich.

Gelernt hat er vor vielen Jahren auch mal Steuerfachgehilfe, „aber dat war nix für mich“. Jetzt hat er seine Idee zu dem Netzwerk „Altbergbau West“ mit der Hilfe von vielen anderen umgesetzt. „Bergbau ist nicht eines Mannes Sache“, sagt Plewnia.

Wie viel Nostalgie ist bei „Altbergbau West“ im Spiel?

Plewnia: Natürlich gehört da bei manchen eine gewisse Nostalgie dazu. Sie müssen ja auch immer die jeweilige Motivation derjenigen berücksichtigen, die im Netzwerk mitarbeiten. Da bringt jeder seine Geschichte mit. Es gibt Leute, die persönlich involviert sind, weil sie selber mal Bergmann waren oder der Vater oder der Großvater. Die gehen dann vielleicht auch ein bisschen romantisierend an die Sache heran. Aber viele von uns sind, wie ich, völlig bergfremd. Sie sind Geologen, Schreiner, Architekten, Historiker und können leichter eine Distanz aufbauen. Die wollen nichts verklären. Im Gegenteil, sie wollen sogar die Schattenseiten darstellen, die Umweltschäden etwa, die durch den Bergbau entstanden sind. Auch die Sozialgeschichte, die Migrationsbewegungen sind spannend. Sie sind oft Grundlage für die weitere Entwicklung einer Region gewesen, für Wachstum und Wohlstand. Das muss man einordnen und verstehen. Aber das ist wohlgemerkt nicht der Anspruch des Netzwerks, sondern des Einzelnen.

Was ist denn der Anspruch des Netzwerks?

Plewnia: Ganz banal: Wir wollen nach außen sichtbar sein und als Ansprechpartner für Interessierte und bei Fragen fungieren und im Innenverhältnis für einen regen Austausch und eine Vernetzung untereinander sorgen. Die Besucherbergwerke etwa können voneinander lernen oder einfach um „Manpower“ bitten, wenn mal jemand mit anpacken muss. Man muss das Rad nicht neu erfinden. Viele Probleme sind woanders auch schon mal angesprochen und erörtert worden. Warum soll man nicht vom Wissen der anderen profitieren? Allein kämpfen wir wie Don Quichote gegen die Windmühlen. Wir müssen uns vernetzen. Nur gemeinsam haben wir auf Dauer eine Perspektive.

Richtet sich Ihr Netzwerk auch an die Traditionsvereine?

Plewnia: Von den Knappenvereinen und -chören grenzen wir uns schon ein wenig ab. Sie haben ja bereits Organisationsformen. Uns geht es um die Erforschung, Dokumentierung und den Erhalt von Bergbau-Denkmälern. Wir haben definiert: Altbergbau ist all das, wo mal Bergbau war. Das heißt, ab 2018, mit dem Ende des subventionierten Steinkohlebergbaus sind es dann alle Steinkohlebergwerke in dieser Region.

Haben Sie die Befürchtung, dass dieses industrielle Erbe vergessen wird, wenn man diesen letzten Deckel auf den Pütt macht.

Plewnia: Sagen wir es mal so: Im Ruhrgebiet gibt es eine stark ausgeprägte Szene der Industriekultur mit Zeche Zollverein, Ruhrmuseum etc. Da gibt es natürlich Einrichtungen, die sich um die Bewahrung des montanhistorischen Erbes bemühen. Aber meist sind das Welterbestätten, große Projekte. Es gibt aber auch viele kleinere Bergwerke, die eben nicht so im Fokus der Öffentlichkeit stehen, die es aber auch wert sind, unterstützt zu werden. Ganz viele kleinere Projekte werden sicher nie museal aufgearbeitet, aber eine kleine Gruppe kümmert sich intensiv darum. Auch für die wollen wir Lobbyarbeit machen. Unser Motto ist – ein bisschen zugespitzt – „Unter Tage darf nicht untergehen“. Viele Bergbaurelikte, die unter Tage sind, sind nicht zugänglich oder uns nicht bekannt und damit verschwinden sie aus dem kollektiven Gedächtnis. Wir wollen deutlich machen, dass es sehr wohl noch ein wichtiges kulturelles Erbe unter unserem Boden gibt, etwas, das Teil unserer Identität und unserer Geschichte ist – und dass es Leute gibt, die sich darum kümmern.

Welche Dinge sind das, die aus unserem Gedächtnis verschwinden?

Plewnia: Das ist erstmal ganz banal die Grube selbst – ein spannendes Stück Montangeschichte. Mit welcher Technik haben Bergleute gearbeitet? Welche Probleme hatten sie? Und es gibt Dinge, die man unter Tage noch finden kann, die Bergleute bei sich hatten. Dann gibt es Hinterlassenschaften wie Tafeln und Inschriften aus der vorindustriellen Zeit. Wenn zum Beispiel die Bergleute dieser Zeit, die Altvorderen, mit Schlegel und Eisen von Hand Strecken aufgefahren haben, dann haben sie oft Zeichen hinterlassen, um ihren eigenen Arbeitsfortschritt zu dokumentieren, um entsprechend entlohnt zu werden. Diese Hinterlassenschaften sind zum Beispiel noch nicht umfassend dokumentiert.

Sie wollen die Interessen der Altbergbauforscher vertreten. Wie sehen diese Interessen aus?

Plewnia: Wir möchten Unterstützung bekommen und Zugangsmöglichkeiten zu den Bergwerken haben. Wir wollen im Grunde das erreichen, was die Höhlenforscher schon erreicht haben. Die haben sich mit Landes- und Hauptverbänden seit rund 100 Jahren organisiert und haben somit rechtliche Grundlagen und andere Rahmenbedingungen, um in Höhlen zu kommen, als ein Bergbauforscher, der in ein altes Bergwerk möchte. Für uns ist das Neuland. Aber wenn wir nach außen als kompetenter Ansprechpartner auftreten, können wir in der Folge besser mit Behörden zusammenarbeiten.

Sie möchten also unter den gleichen Bedingungen wie die Höhlenforscher vorgehen dürfen?

Plewnia: Ich bin selber auch Höhlenforscher, auch wenn dort weniger aktiv als im Altbergbau, und weiß, was in diesem Bereich erreicht worden ist. Das würden wir für den Altbergbau auch gerne erreichen. Es beginnt mit einer zunächst weniger kleinteiligen Struktur, um auch gegenüber Behörden anders auftreten zu können. Unser Hauptproblem ist, dass manche die Hinterlassenschaften des Bergbaus ausschließlich als Gefahrenquelle betrachten, das Potenzial sehen dagegen nur wenige. Uns ist aber auch klar: Menschenleben und die Sicherung gehen immer vor. Gar keine Frage. Aber da sind teilweise Sachen gelaufen, die man auch anders hätte lösen können, um einen Erhalt herbeiführen zu können.

Das klingt sehr abstrakt. Hätten Sie ein Beispiel für mich?

Plewnia: Nein, das möchte ich jetzt nicht nennen.

Zusammengefasst halten die Behörden die Bergbauforscher also bislang für eine kriminelle Schwarzbefahrer-Szene.

Plewnia: Ja, was soll das denn sein, frage ich Sie? Wie will man „Schwarzbefahrer“ sein?

Diese Auseinandersetzung gibt es also nicht?

Plewnia: Schon. Aber was soll das denn sein? Ein Schwarzbefahrer?

Jemand der einen Stollen betritt, bei dem der Zugang verboten ist.

Plewnia: Das nennt man aber doch dann Hausfriedensbruch. Ich finde den Begriff „Schwarzbefahrer“ schon albern. Natürlich gibt es Leute, die sich widerrechtlich Zugang verschaffen. Aber wir sind die „gute Seite der Macht“. Wir möchten offiziell forschen können.

Sie treten also für einen gewissen Kodex ein, den es auch unter Höhlenforschern gibt?

Plewnia: Ja. Man darf sich nicht unnötig in Gefahr bringen. Und man darf nichts zerstören unter Tage. Es gibt junge Leute, die aus Abenteuerlust an Bergbau Interesse haben und sich leichtfertig in Gefahr bringen. Das was wir machen ist nicht ungefährlich. Da braucht man viel Erfahrung. Ausrüstung. Eine gute Vernetzung. Wir als Netzwerk haben das und wollen erreichen, dass die jungen Leute nicht ohne einen Experten an der Seite losstapfen. Den finden sie bei uns. Wirklich Kriminelle wird man von ihrem Tun aber nie abhalten.

Und was ist, wenn dann doch etwas unter Tage passiert?

Plewnia: Wie bei den Höhlenforschern gibt es mittlerweile auch bei uns eine Selbstrettung. Es gibt zum Beispiel eine Gruppe von der Bergwacht Harz und die Höhlenforscher im Sauerland haben eine eigene Abteilung für Altbergbaurettung. Die machen Übungen in Besucherbergwerken und helfen dabei, Notfall- und Rettungspläne auszuarbeiten. Die kennen sich unter Tage aus.

Kann Ihre Selbstrettungseinheit nicht auch den Behörden nutzen?

Plewnia: Ja, denn die Feuerwehr ist im Altbergbau in manchen Situationen einfach überfordert. Wenn ein Laie losgeht und nicht zur angemeldeten Zeit zurückkommt, dann wird unter Umständen von den Angehörigen ein kontraproduktiver Mechanismus losgetreten. Die rufen die Feuerwehr an, die das THW. Am Ende stehen viele Autos mit vielen Helfern am Unfallort und verursachen hohe Kosten, aber keiner kann wirklich helfen. Bei Unglücken in Höhlen ist allgemein bekannt und anerkannt, dass die Fachleute der Höhlenrettung gebraucht werden, wenn was passiert. Bei der Altbergbaurettung sind wir da auf einem guten Weg. Aber auch das ist nur ein kleiner Aspekt des Netzwerks.

Wen sprechen Sie räumlich mit „Altbergbau West“ an?

Plewnia: Wir haben die geografischen Grenzen aufgelöst, weil es keinen Sinn macht. Die Lagerstätten halten sich dreisterweise nicht an die Landesgrenzen – ganz im Gegenteil. Wir betrachten die Reviere und freuen uns auch über Mitstreiter, die in anderen Bundesländern und jenseits der Grenze in den Niederlanden und Belgien sitzen, sich aber zugehörig fühlen. Das Netzwerk soll mitnichten eine Ruhrgebietsgeschichte werden. Ganz im Gegenteil. Die Grenzen wollen wir viel, viel weiter setzen, um unserem Ziel näherzukommen. Wir wollen über ganz NRW hinaus im Thema sein und als kompetenter Ansprechpartner gelten.

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