Aachen - Nervenkrieg mit kaputter Luftpistole

Nervenkrieg mit kaputter Luftpistole

Von: Matthias Hinrichs
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Aachen. Als Richterin Katrin Thierau-Haase kurz nach Beginn des ersten, rund vierstündigen Verhandlungstags das Corpus Delicti aus einem großen Umschlag hervorzog, hätte man im Saal des Aachener Schöffengerichts eine Büroklammer fallen hören.

Mit der ziemlich imposanten schwarzen Pistole, geschätzte 20 bis 30 Zentimeter lang, war die 47-jährige Angeklagte in Begleitung eines Bekannten am Vormittag des 5. September 2007 ins Dienstzimmer eines leitenden Mitarbeiters der Arge gestürmt. Sie beschimpfte ihn, es kam zum Handgemenge, sie trat ihm mehrfach gegen den Oberschenkel. Dann holte sie die Waffe aus einer Tasche hervor, richtete sie auf den heute 56-jährigen Bereichsleiter und schloss sich mit ihm ein.

Was folgte, war ein rund anderthalbstündiger Nervenkrieg um Geld- und/oder Sachleistungen. Rund 100 Polizisten bezogen Stellung vor dem Arge-Gebäude an der Vaalser Straße. Dann gab die Frau auf, überließ ihrer Geisel die Waffe - eine Luftdruckpistole, wie sich herausstellte.

Keinesfalls, beteuerte die alleinerziehende Mutter zweier Kinder, habe sie vorgehabt, jemandem Schaden zuzufügen. „Ich war total verzweifelt. Es tut mir sehr leid”, sagte sie unter Tränen, als sie die Eskalation der Ereignisse an jenem Mittwochmorgen aus ihrer Sicht schilderte.

Leistungen kurzfristig gestrichen

So habe sie zunächst vergeblich in der Arbeitsagentur an der Roermonder Straße vorgesprochen, nachdem ihr sämtliche Zuwendungen kurzfristig gestrichen worden waren. Dann habe sie sich an den Sozialdienst Katholischer Frauen gewandt, in der Hoffnung, dort Lebensmittelgutscheine zu erhalten. Schließlich habe sie mit besagter Luftpistole ein Waffengeschäft in der Kleinmarschierstraße aufgesucht. Dort habe man ihr erklärt, die Waffe sei defektÊ- was sie ihre spätere Geisel im Laufe des langen, erzwungenen Gesprächs auch habe wissen lassen. Dennoch habe sie die Pistole zunächst eingesetzt, „weil ich kein Geld mehr hatte, um mir und meinen Kindern etwas zu essen zu kaufen”.

Das sah ihr Opfer völlig anders. Und brachte dies auch während der extremen Bedrohungssituation zum Ausdruck, wie der Bereichsleiter in seiner rund einstündigen Befragung zu Protokoll gab.

Als eine weitere Arge-Mitarbeiterin durch eine zweite Tür des Büros hinzukam, richtete die 47-Jährige ihre Waffe auch auf sie und schließlich auf sich selbst. Aus der Situation heraus, sagte die Zeugin, habe sie der Frau angeboten, ihr die geforderten Gutscheine zu verschaffen - dies allerdings lehnte ihr Kollege weiter rigoros ab. Dennoch ließ die Täterin die Beamtin gehen, ebenso wie ihren Begleiter, der versucht hatte, sie zu beruhigen, sowie zwei weitere Beamte, die für Sekunden ebenfalls hinzugeeilt waren.

Ausführlich schilderte der Bereichsleiter, wie er die Frau schließlich habe bewegen können, ihm die Waffe zu überlassen. Sie setzte sich auf die Fensterbank und drohte, sich hinabzustürzen. Er bot ihr eine Zigarette an, sie beruhigte sich etwas. In der Sache blieb er unnachgiebig.

Hundehandel und drei Autos

Ende Juli nämlich habe sich der Verdacht, die Frau habe durch den Verkauf von Zuchthunden erhebliche Barmittel erworben, bestätigt: Ein verdeckter Arge-Ermittler hatte sie angerufen, um ihr ein vermeintliches Angebot zu machen. Zudem verfüge sie über ein Mercedes-Cabrio, einen Jeep und einen Kleinwagen - welche, wie die Angeklagte und ihr Anwalt Thomas Koll betonten, indes nur geliehen bzw. geleast waren.

Der Bereichsleiter entschied gleichwohl, ihr sämtliche Leistungen zu entziehen. Sie legte Widerspruch ein. Den wies das Sozialgericht per einstweiliger Verfügung zurück - nicht ohne den Hinweis, dass die Klägerin notfalls Anspruch auf Sachmittel geltend machen könne, wie Koll mehrfach kritisierte. Noch beim Gerichtstermin habe die Frau erklärt, sie benötige die Gutscheine lediglich, um sie Politikern als Beleg für die schikanöse Behandlung einer Hartz-IV-Empfängerin vorzulegen, entgegnete der Beamte. „Sie konnte nicht glaubhaft machen, dass sie kein Geld mehr hatte.”

Ob die Schöffen dies auch so sehen oder der Täterin, die laut Gutachten psychisch und körperlich erheblich belastet ist, mildernde Umstände zuerkennen, wird sich zeigen: Die Verhandlung wird am 22. und 29. Januar fortgesetzt. Der 78-jährige Mann, der die Angeklagte am Tattag begleitet hatte, muss allerdings nicht mehr erscheinen: Er berief sich erfolgreich auf sein Recht, die Aussage zu verweigern.
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