Aachen - Nervenkitzel und Poesie zu den Festtagen

Nervenkitzel und Poesie zu den Festtagen

Von: Rudolf Teipel
Letzte Aktualisierung:
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Wer steht denn da Kopf? Es ist der Pekinese des Russen Leonid Beljakov. Außer bei dem fröhlichen Hundegewusel zum Auftakt verzichtet das Circus Festival Aachen auf Tierdressuren.

Aachen. Besinnliche Weihnachtsatmosphäre und die knallbunte, schrille Welt des Zirkus – passt das zusammen? Ja! Zumindest beim Circus Festival Aachen, das dieses Jahr zum zweiten Mal stattfindet. Während andere Unternehmen dieser Art auf Poesie setzen wie etwa Roncalli, oder auf den guten alten Manegenzauber mit Sägespänen wie zum Beispiel das Traditionsunternehmen Krone, bestimmt in der Kaiserstadt der festlich-elegante Rahmen die Show um Nervenkitzel, Heiterkeit und romantische Gefühle.

Das beginnt schon im weihnachtlich herausgeputzten Zelt-Foyer, wo sich bei einem Glas Prosecco zwischen glitzernden Weihnachtsbäumen Papierfaltkunst und Kinderschminken beobachten lassen, und setzt sich fort im Angfangsbild in der Manege, bei dem alle auftretenden Artisten Geschenkpakete präsentieren. Den Auftakt des Programms markiert dann die einzige Tiernummer der Revue.

Aber bloß nicht die Nase rümpfen, hier gibt es keine martialischen Löwen- und Tiger-Dressuren, vielmehr wuselt eine Rasselbande kleiner Hunde durchs Zelt. Ihr Herrchen, der Russe Leonid Beljakov hat ihnen Kunststücke beigebracht, die die Vierbeiner fröhlich bellend und schwanzwedelnd dem Publikum präsentieren. Im zweiten Teil von Beljakovs Auftritt kommt dann ein größerer Hund dazu. Der allerdings lässt sich rein gar nichts beibringen...

Zwischen den Auftritten etwa der Luftakrobatin Diana Puhova, die in jungen Jahren schon Preisträgerin des „Silbernen Elefanten“ des Circusfestivals Moskau ist, oder von Naima Rhyn Rigolo, die ein Riesen-Mobilé aus Palmrippen herstellt, tritt Barry „Grandma“ Lubin als eine Art Pausenclown auf. Wobei der Humorist von Weltformat aus New York diese despektierliche Bezeichnung nun wahrlich nicht verdient hat. Herrlich, wie die „Großmutter“ – mal leicht vertrottelt, mal verschmitzt – das Publikum und insbesondere die Kinder in die Kurzdarbietungen einbezieht, sodass die Aachener finden: „We love you, Grandma!“

Sollte man die Publikumslieblinge der Premiere anhand des „Applausometers“ küren, fiele die Wahl ganz eindeutig auf die Messoudi-Brothers. Frenetischer und lang andauernder Beifall für ihre leistungsstarke Handakrobatik – Körperbeherrschung im Grenzbereich. Ihnen standen Acrobatik Catwall in nichts nach. Die Newcomer aus Kanada bieten eine unkonventionelle Trampolin-Show zu der unter anderem eine sechs Meter hohe Mauer gehört. Die drei Artisten gehen im wahrsten Sinne des Wortes die Wände hoch.

Über mangelnden Beifall brauchte sich auch Zirkus-Superstar Freddy Nock aus der Schweiz nicht zu beklagen. Er geht in Aachen gleich zwei Mal aufs Ganze: in der Todeskugel, in der sich auf engstem Raum zum Finale vier hochgezüchtete Moto-Cross-Maschinen auf engstem Raum umkreisen, und im Todesrad unter der Zeltdecke. Hoffen wir, dass bei letzterem kleine Unsicherheiten nur vorgetäuscht waren, um das Publikum in Angst zu versetzen...

Freuen dürfen sich die Festival-Besucher auch auf zwei reichlich gegensätzliche Auftritte. Da ist zum einen der mexikanische Papierkünstler Lorenzo Torres. Er faltet, reißt und knüllt mit dem feinen Material alltägliche Geschichten und komische Momente. Dass er für seine Papier-Show nur Seiten unsere Zeitung verwendet, spricht natürlich für die Qualität seines Auftritts. Zum anderen bieten Le Fréres Taquins Varieté und Slapstick der völlig anderen, glücklicherweise aber urkomischen Art. Was ist lustiger, der Auftritt als Zauberautomat, oder als Kinobesucher? Unmöglich zu sagen.

Als sich alle Artisten zum Schlussbild versammeln, zeigt der Beifall des Premierenpublikums: Der Besuch des Circus Festivals Aachen, das noch bis zum 6. Januar auf dem Bendplatz gastiert, hat sich gelohnt. Den Machern um Regisseur Stefan Warmuth ist es gelungen, ein ebenso abwechslungsreiches wie hochklassiges Programm auf die Beine zu stellen, das in Aachen seinen besonderen Zauber entfaltet. Übrigens: Wer der Unsitte huldigt, noch währemnd des Finalbeifalls aus dem Zelt zu stürmen, dem entgeht ein sehr poetischer Schlusspunkt.

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