Nervenkitzel und Adrenalin-Kick für junge Neonazis

Von: Michael Klarmann
Letzte Aktualisierung:
Ein Event für Neonazis, eine
Ein Event für Neonazis, eine Provokation für alle anderen: Aufmärsche gehören für Rechtsextreme zur Strategie im „Kampf um die Straße”. Sie sind aber auch ein Anlass, menschenverachtenden Fremdenhass aggressiv auszuleben. Foto: imago/Olaf Döring

Aachen. Die rechtsextreme Szene führt einen „Kampf um die Straße”. Mit Aufmärschen drängen die Neonazis in die Öffentlichkeit, skandieren Parolen, die hart an der Grenze zur Legalität sind.

Für den Politikwissenschaftler Richard Gebhardt, der an der RWTH Aachen lehrt, sind braune Aufmärsche ein Strategieelement. Die Teilnahme daran sei für Jugendliche wie „ein Ausbruch aus der verwalteten Welt, durch den unterwürfige Mitläufer sich so inszenieren, als stünden sie im Stahlgewitter des Krieges”. Was Gebhardt damit sagen will: Ein Aufmarsch - die An- und Abreise in Polizeibegleitung, das Treffen auf Gegendemonstranten, etc. - ist für junge Neonazis ein Event. Nervenkitzel und Adrenalin-Kick inbegriffen. Und die Region hat einige solcher Events zu bieten.

„Trauermärsche” und Fremdenhass

So geht aus einer Auswertung von Zahlen der Bundesregierung durch die Deutsche Presseagentur (dpa) hervor, dass der Raum Dortmund von 2007 bis Oktober 2011 mit den Gesamtteilnehmern an rechten Aufmärschen bundesweit hinter Dresden und Gera an dritter Stelle kommt. Es folgen Berlin, Görlitz und Magdeburg. In der bundesweiten Rangliste steht dann an siebter Stelle die Städteregion Aachen mit insgesamt fast 3000 aufmarschierten Neonazis von 2007 bis 2011.

Listet man die Gesamtanzahl der Aufmärsche in dem Zeitraum, so steht der Raum Dortmund sogar an zweiter Stelle bundesweit, die Städteregion Aachen folgt mit zwölf Aufmärschen in Stolberg und Aachen bundesweit an fünfter Stelle. Der Kreis Düren nimmt mit sechs Aufmärschen in Düren und auf dem Soldatenfriedhof Vossenack bundesweit Rang 13 ein. In Heinsberg wurde für den Zeitraum ein Aufmarsch registriert.

Bei der dpa-Auswertung wurden nur Demonstrationen „mit überregionaler Teilnehmermobilisierung” gezählt, was zu Verzerrungen führt. Neonazis haben nämlich in den Jahren 2009 und 2010 in Heinsberg nach Recherchen der „Nachrichten” mindestens vier Aufmärsche abgehalten, allerdings hatte nur einer davon Zulauf von Neonazis aus ganz NRW und nur dieser wird in der Auswertung auch aufgeführt.

Laut den Zahlen liegt die Region Aachen, was Häufigkeit und Teilnehmerzahlen von rechten Aufmärschen anbelangt, in Nordrhein-Westfalen auf Platz zwei hinter dem Raum Dortmund. Besonders die fremdenfeindlichen Aufmärsche in Stolberg, an denen jährlich Hunderte Neonazis teilnehmen, prägen die Statistik.

Auslöser für die seit 2008 andauernde Serie war eine Bluttat, bei der ein junger Migrant einen Berufsschüler im Streit erstach. Anfangs setzten die Neonazis aus Gründen der Propaganda die Lüge in die Welt, der Tote sei ein „Kamerad” gewesen. Sie behaupteten, dass in der „Stolberger Blutnacht” ein „Märtyrer der Bewegung” im Kampf „gefallen” sei, und locken mit dieser Emotionalisierung Neonazis aus ganz Deutschland an. Dabei dienen die „Trauermärsche” weniger dem Gedenken. Sie sind vielmehr ein Anlass, menschenverachtenden Fremdenhass aggressiv auszuleben.

Darüber hinaus sind sie auch ein Event für junge Rechte. Dieser Charakter der Aufmärsche zeigt sich etwa daran, dass kurz nach einem solchen Aufmarsch in Stolberg Neonazis in einem nicht öffentlich einsehbaren Internet-Forum ein Foto von einem Aufmarsch bejubelt haben, auf dem Vertreter einer Neonazi-Gruppe mit einer neuen Fahne zu sehen waren. „Sehr schön, unsere Fahne in Vollaufnahme,” schrieb nach Recherchen der „Nachrichten” einer der Neonazis. „[I]ch hoffe ihr habt Spaß gehabt!!”, ergänzte ein anderer. Ein Neonazi merkte zu dem Tag in Stolberg an: „Lieder singen, Flaggen schwingen, so wollen wir den Tag verbringen... war geiler Tag!”

Wohlgemerkt: diese Neonazis diskutierten über einen „Trauermarsch” für einen „Gefallenen”. Dabei erinnern solche Sätze eher an das, was der Autor Roland Brust schon 2008 in einem Fachbuch über den „Kampf um die Straße” von NPD und Neonazis feststellte. Aufmärsche, so Brust, erfüllten eine „entscheidende szeneinterne Funktion”. Durch den „Eventcharakter und das aktionistische und kämpferische Moment” würden „vor allem jüngere Aktivisten mobilisiert” und an die Szene gebunden. Doch jene Events, ergänzt der Politologe Gebhardt, seien zudem „gezielte Provokationen”.

Ziel solcher Provokationen sind Viertel, die als links oder alternativ gelten, oder solche, in denen viele Migranten leben. Genau deswegen sind Neonazis in Aachen durch das Ostviertel und wiederholt in Stolberg am Rande des Mühlenviertels marschiert. Vorlagen dazu lieferten in den 1920er Jahren die Straßenschläger der SA, des paramilitärischen Arms der Nationalsozialisten. Dazu stellt der Historiker Peter Longerich fest, schon damals seien braune Aufmärsche Propaganda und „symbolische Gewaltakte” sowie eine Art Einmarsch der „braunen Bataillone” in „rote” Straßenzüge oder Viertel gewesen.

Auch in anderer Hinsicht haben die Anmelder der Aufmärsche in Stolberg von der NSDAP gelernt. Der für die NPD in den Kreistag Düren gewählte Neonazi Ingo Haller, zugleich Anmelder und Organisator der braunen Märschen in Stolberg, nutzt eigenen Angaben zufolge die finanziellen Zuweisungen des Kreises Düren, um die fremdenfeindlichen Aufmärsche in Stolberg zu finanzieren.

Öffentliche Gelder, braune Ziele

So erklärte Haller bei einem Treffen von Neonazis in Belgien im Herbst 2010, dass die Aufwandsentschädigungen des Kreises, die ihm zur Wahrnehmung seines kommunalen Mandates zustehen, dafür auch verwendet würden. Sowohl Werbematerialien für die Aufmarschserie, als auch Aktionen im Vorfeld und Rechtsstreitigkeiten mit der Versammlungsbehörde oder der Stadt Stolberg würden mit den Geldern finanziert, sagte Haller. Und ergänzte: „Diejenigen, die uns bekriegen, die uns als Abschaum darstellen, die uns als Übel und Pack bezeichnen, zahlen uns im weitesten Sinne unsere Großdemonstration.”

Damit orientierte sich Haller an Strategieaussagen des späteren NS-Propagandaministers Joseph Goebbels. In der NSDAP-Zeitung „Der Angriff” hatte Goebbels 1928 mitgeteilt: „Wir gehen in den Reichstag hinein, um uns im Waffenarsenal der Demokratie mit deren eigenen Waffen zu versorgen.” Für Goebbels war seinerzeit „die Demokratie so dumm”, die NSDAP mit „Freifahrkarten und Diäten” im Kampf gegen Demokratie und Parlament zu fördern.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert