Neandertal liegt an der Maas: Das Préhistomuseum

Von: Rolf Minderjahn
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Lüttich. Der Neandertaler wurde an der Maas und nicht an der Düssel gefunden. Was ist dran an dieser Theorie? Die spannende Spurensuche führt nach Flémalle bei Lüttich. Denn die Grundlage für das erneuerte und erweiterte prähistorische Museum, das Préhistomuseum, ist die Grotte von Ramioul und der sie umgebende 30 Hektar große Wald.

Man befindet sich hier am Rand von Lüttich im Industriebecken von Seraing. Aber auch die Ardennen sind nicht weit entfernt. Die Region ist von großer prähistorischer Bedeutung. Im nur einen Kilometer entfernten Ort Engis wurden im Jahr 1829 von Philippe Charles Schmerling die ersten wissenschaftlich beschriebenen fossilen Überreste jener vorzeitlichen Menschenform geborgen, die man später (1867) als Neandertaler bezeichnete. Zu Lebzeiten verkannte aber die überwiegende Zahl der Naturforscher diesen Fund als „modern“. Später wusste man: Spuren des Neandertalers sind an der Maas bei Lüttich früher nachweisbar als an der Düssel. Gleichwohl trägt das Tal an der Düssel den Namen Neandertal. Sei‘s drum.

Außergewöhnlich

Unter freiem Himmel leben, den Boden unter den nackten Füßen fühlen, in den Wald hineinhorchen, Höhlen erkunden, Tiere beobachten und jagen: den Alltag unserer Vorfahren nachempfinden. Auch das will das neue Préhistomuseum bieten. Anders als in vielen Museen seiner Art können Besucher hier experimentieren und Sinneserfahrungen machen. Drei große Themen stehen dabei im Vordergrund: Kulturerbe, Wissenschaft und Natur.

Die Vielfältigkeit der Aktivitäten ist außergewöhnlich und überraschend, ein ständiges Wechselspiel zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Man betritt das 30 Hektar große Gelände am Eingang des umweltfreundlich gestalteten Holzbaupavillons. Er beherbergt auch das Archeorestaurant und den Museumsladen. Nur wenige Meter entfernt fällt der riesige, mehr als 3000 Quadratmeter Fläche bietende Quader aus rostbraunem Stahl ins Auge. Am Empfangsbereich kann man sich hier für die einzelnen prähistorischen Aktivitäten oder Ateliers – wie Feuerstein bearbeiten, Speerschleuder- oder Bogenschießen – anmelden.

Das Ganze ist ein Ausstellungs-, Wissenschafts- und Dokumentationszentrum, in dem rund 500.000 Objekte aus verschiedenen Epochen archiviert sind. Das ist etwas für echte Hobbyarchäologen und angehende Wissenschaftler – oder einfach für Neugierige, die sich viel Zeit nehmen, die einzelnen Vitrinen und Ausstellungsobjekte zu studieren. Sehr hilfreich dabei sind die Tablets. So kann man sich die einzelnen Objekte im 3D-Format auf den Bildschirm holen und die dazugehörigen Informationen bequem lesen. Und natürlich gibt es auch ausreichend Gelegenheit, selber zu experimentieren.

Raus ins Freie

Doch nun geht es hinaus in die Natur. Nicht nur Familien mit Kindern geraten ins Staunen – zum Beispiel im Pflanzenlabyrinth. Dieses Labyrinth ist rund 700 Meter lang. In Jahren umgerechnet wären das acht Millionen Jahre. Denn jeder einzelne Schritt bedeutet 250.000 Jahre Geschichte zurückzulegen. Die Tour startet irgendwo in Afrika vor acht Millionen Jahren. Aber wie kommt man durch die Evolutionsgeschichte zurück in die heutige Zeit? Kein Problem. Infotafeln im Labyrinth – didaktisch gut aufbereitet – helfen dabei.

Allerdings hängt es davon ab, wie man durchs Labyrinth irrt, ob man am Ende den Pflanzengarten als Homo Sapiens oder doch als Schimpanse verlässt. Auch Erwachsene haben daran ihre helle Freude. Einen Barfußpfad gibt es übrigens auf dem Gelände ebenso wie einen Bauernhof. Auf dem Hof erfährt man, welche Pflanzen und Tiere sich unsere Vorfahren als erste nutzbar machten – also domestizierten.

Und dann das Feuer! Es fasziniert den Menschen seit jeher. Und: Feuer machen wie in der Altsteinzeit an Feuerstellen vor Nachbildungen typischer Tipis aus dieser Zeit inmitten der Natur, das ist vor allem für Kinder aufregend. Selbstredend findet das unter fachkundiger Anleitung von Erwachsenen statt.

Und wer hat schon einmal gemeinsam in der Gruppe einen schweren Koloss von Menhir mit purer Muskelkraft aufgestellt? Die von der experimentellen Archäologie geprüften Techniken machen es möglich.

In der Finsternis

An einer anderen Stelle des Parks geht es hinab in die Finsternis. In der berühmten Grotte von Ramioul darf man sich als Höhlenforscher fühlen. Auch hier bietet das Museum etwas Besonderes. Die Grotten waren 1928 die ersten in Belgien, die mit elektrischem Licht ausgestattet wurden. Und sie sind auch jetzt wieder die ersten Grotten, die ganz ohne elektrisches Licht besichtigt werden können. Nur mit einer Stirnlampe geht es hinab unter die Erde. Das ist vor allem für Kinder, die sich trauen, schön spannend und aufregend.

Und dann noch die Werkstatt! Sie wird von Archäologen mit einem interaktiven Angebot betreut. Zwölf Mitmachstationen sind auf insgesamt 30 Hektar Museumsfläche verteilt. Mit fachkundiger Begleitung durch Archäologen können Besucher hier mit Feuersteinen arbeiten und vieles andere ausprobieren, was für unsere Vorfahren zum Überleben wichtig war.

Das ist das Motto: Gemeinsam in das Alltagsleben des Menschen aus der Vorgeschichte einzutauchen und sich an deren Geschicklichkeit zu messen. Auch in den archäologischen Laboren dürfen Museumsbesucher experimentieren. Schnell wird man zum Fachmann für Datierungsmethoden oder zum Experten bei der Identifizierung von menschlichen Fossilien. Wer alles sehen und erleben möchte, sollte sich Zeit nehmen. Es lohnt sich.

Essen und Trinken

Und wie stand es um Essen und Trinken in der Prähistorie? Was aßen und tranken die Vorfahren? Im Archéorestaurant staunt man nicht schlecht. Denn die Gerichte werden auf Basis von prähistorischen Rezepturen und Rezepten verschiedener Epochen zubereitet. „Die Auswahl der Rezepte erfolgt auf der Basis wissenschaftlicher Analysen, aber natürlich auch auf Basis gastronomischer Verwertbarkeit. Die Küche des Restaurants verfolgt das Ziel der Ausgewogenheit zwischen dem historischen Rezept und dem aktuellen Geschmack auf Basis regionaler Produkte“, erklärt Küchenchef und Historiker Pierre Leclercq.

Das Ergebnis ist eine außergewöhnliche Auswahl an Gerichten beispielsweise aus der Antike wie Straußenfilet süß-sauer mit Minze und Küm- mel oder ein „Teller aus der Renaissance“ mit Kalbshackbraten und Orangenzesten, Kohl gefüllt mit Trockenfrüchten oder in würzigem Wein gekochte Birnen.

Und wer vorher gegen ein Mammut gekämpft hat, dem macht es bestimmt besonderen Spaß, an Stelle eines Messers einen fein geschliffenen, scharfen Feuerstein zum Schneiden zu benutzen.

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