Nationalpark Eifel: Zielmarke 2034 im Blick

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Attraktion für die Region: Der Wilde Weg im Kermeter zwischen Schleiden und Heimbach gehört zu den Schönheiten des Nationalparks Eifel. Der Leiter, Michael Röös, will Naturerleben und Naturschutz im Einklang weiterentwickeln. Foto: Martin Kasprzyk
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Michael Röös ist seit einem halben Jahr Leiter des Nationalpark Eifel. Foto: gkli

Schleiden. Seit einem halben Jahr ist Michael Röös (59) Leiter der Nationalparkverwaltung Eifel. Er trat die Nachfolge von Henning Walter an, der seit der Gründung des Nationalparks Eifel im Jahr 2004 den Nationalpark geleitet hat und im April in den Ruhestand verabschiedet wurde.

Der Nationalpark Eifel ist der bisher einzige Park dieser Art in ganz Nordrhein-Westfalen und liegt mit seiner Größe 110 Quadratkilometern im Mittelfeld der deutschen Wald-Nationalparke. Bis 2034, 30 Jahre nach seiner Errichtung, soll mindestens drei Viertel der Fläche sich selbst überlassen sein. Michael Röös ist Chef von 97 Mitarbeitern und verwaltet einen Etat von acht bis zehn Millionen Euro jährlich. Mit ihm sprach unsere Mitarbeiterin Gudrun Klinkhammer.

Sie gelten als moderater Naturschützer, wann war für Sie klar, dass Sie Leiter des Nationalparks Eifel werden wollen?

Röös: Die Stelle wurde öffentlich ausgeschrieben, bundesweit. Fachliche und persönliche Kriterien lagen dem Auswahlverfahren zugrunde. Aus den Bewerbungen wurden vom Umweltministerium drei Kandidaten für die engere Auswahl eingeladen. Als das Verfahren lief, habe ich die Aufgabe angenommen. Aber im Vorfeld habe ich schon gezögert, denn ich hatte eine schöne Arbeit in der Nationalpark-Forschung, fühlte mich wohl mit meinen Aufgaben und meinen Kollegen. Doch wir haben hier eine gute Mannschaft in allen Aufgabenbereichen. Unter anderem das beflügelte mich, die Herausforderung anzunehmen.

Werden Sie den Weg Ihres Vorgängers Henning Walter, der Forstwirt war, weitergehen? Wie groß sind überhaupt Ihre Gestaltungsräume?

Röös: Der Nationalpark Eifel, 2004 eröffnet, ist kein ganz junges Kind mehr. Es gibt inzwischen in Deutschland zwei jüngere Nationalparke. Wir befinden uns teilweise bereits in der Konsolidierungsphase, wir haben schon einiges aufgebaut, das gilt es nun, zu erhalten: die Nationalparktore, das Zentrum, die Kompetenz unserer Ranger, die Zusammenarbeit mit vielen Partnern. Vieles muss weiterentwickelt werden. Die Gestaltungsräume für mich als Leiter sind eher eng. Wir sind Teil einer öffentlichen Verwaltung. Die Politik hat den gesetzlichen Rahmen festgelegt und gibt damit in der Regel den Weg vor.

Inwieweit ist der Waldumbau mit Ihren Anschauungen hinsichtlich Naturschutz und dem Nationalpark-Grundgedanken von „Natur Natur sein lassen“ vereinbar?

Röös: Der Park hat viele Menschen, die auf ihn schauen. Manchen sind die aktiven Eingriffe für die Waldentwicklung zu viel, manchen noch zu wenig. Doch für alle Handlungen gibt es Gutachten und Abstimmungen, etwa bei der Erstellung des Wegeplans. Es gibt die Nationalparkverordnung, das ist das gesetzliche Regelwerk, unser Katechismus. Und vieles erleben wir hier zum ersten Mal, das hat es so noch nicht gegeben. Wir haben aber auch die Prämisse, jede Stimme zu hören und zum Klingen zu bringen. Ziel ist es, dass 2034 mindestens 75 Prozent der Fläche sich selbst – also allein der Natur – überlassen werden.

Was bedeutet der neue Waldzustandsbericht des NRW-Umweltministeriums für Sie? Werden daraus Konsequenzen für die angeblich schwächelnde Buche gezogen?

Röös: Die Buche an sich sieht immer mal wieder krank aus, das liegt auch an der Buchenvollmast. Dann gibt es nicht so üppiges Blattwerk, dafür aber viele Früchte, wie in diesem Jahr. Früher gab es eine Vollmast etwa vielleicht alle zehn Jahre, aufgrund zum Beispiel der verbesserten Nährstoffversorgung erleben wir die Buchenvollmast inzwischen in kürzeren abständen. Direkte Maßnahmenkonsequenzen hat der Zustandsbericht für uns im Nationalpark nicht, da hier ja die unbeeinflusste Entwicklung von Wäldern aus gebietsheimischen Baumarten wie der Buche das Hauptziel ist.

Auf knapp drei Prozent der Fläche des Nationalparks wurde in den vergangenen Jahren bei Fichten und Douglasien am unteren Stamm ringsum die Rinde entfernt, um den Bäumen die Nährstoff- oder Wasserversorgung zu entziehen und sie damit absterben zu lassen. Die Bäume werfen dann aber vermehrt Samen ab, was dazu führt, dass Douglasien- und Fichtenwälder nachwachsen, obwohl diese im Nationalpark Eifel eigentlich nicht mehr gewollt sind. Gehen Sie gegen diese Form der Selbsterhaltung vor?

Röös: Ja, wir müssen dagegen vorgehen. Wir warten, bis die neuen Bäume dieser nicht gebietsheimischen Arten mindestens sieben bis acht Jahre alt sind, damit wir sie tiefer am Stämmchen kappen können und nicht grüne Zweige übrigbleiben, die dann wieder neu austreiben. Der wissenschaftliche Beirat hat in einer entsprechenden Stellungnahme empfohlen, diese Douglasienentnahme unbedingt durchzuführen. Der Nationalpark Eifel ist ein so genannter Entwicklungsnationalpark. Wir sind noch auf dem Weg zum Nationalpark Eifel. Das Fachliche und das Emotionale auf einen Nenner zu bringen, ist nicht leicht.

Wie hoch war der Holzertrag zuletzt? Wie gestaltet sich dessen Entwicklung?

Röös: Der Leistungsbericht enthält die genauen Zahlen. 21 882 Kubikmeter Holz, davon 20 518 Kubikmeter Fichte, wurden 2015 aus den Flächen des Landes NRW im Nationalpark Eifel entnommen. Zum Vergleich: 2010 waren es 36 954 Kubikmeter. Die Holzentnahme wird immer weiter abnehmen, eventuell mit einigen Ausnahmen in Windwurf- oder Borkenkäfer-Jahren.

Wer arbeitet im Wald, kommen die Unternehmer und Subunternehmer aus verschiedenen Nationen? An welche Sägewerke verkaufen Sie?

Röös: Wir sind ein ziemliches Glashaus, alle größeren Leistungen und Holzentnahmen werden öffentlich ausgeschrieben. Jedes EU-Unternehmen kann ein Gebot abgeben, das wirtschaftlichste, das die auflagen erfüllt, wird genommen. Inzwischen verkaufen wir auch wieder direkt an jedes Sägewerk, das alle Bedingungen erfüllt und ein Höchstgebot abgibt. Die Zeiten, in der bestimmte Sägewerke zum Höchstgebot einsteigen durften und einen Zuschlag erhielten, sind zum Glück vorbei.

In den vergangenen Jahren fanden im Nationalpark Eifel neun bis 13 Drückjagden pro Jahr statt. Hinzu kommen über das Jahr verteilt Gruppenansitzabende. 120 externe Jäger werden ausgewählt und zahlen eine Verwaltungspauschale, damit sie mitjagen dürfen. Rund 20 Mitarbeiter der Nationalpark-Verwaltung kommen hinzu. Woher kommen die externen Jäger und wie hoch ist die Pauschale?

Röös: Wir gestalten die Wildbestandsregulierung im Interesse der gesellschaftlichen Offenheit und Akzeptanz nicht als „closed shop“. Mit der Gründung des Nationalparks haben wir beibehalten, dass sich Menschen mit Jagdschein, die nicht der Verwaltung angehören, beteiligen können. Vorher müssen sie einen Schießtest machen und beweisen, dass sie sich eignen, auch in schwierigem Gelände sicher und den Vorgaben der Verwaltung entsprechend schießen zu können. In der Regel kommen Jäger aus der Region zu uns, die Pauschale für den Verwaltungsaufwand liegt für die Jäger pro Kopf pro Jahr bei 150 Euro. Dazu noch: NRW ist das jägerreichste Land, es gibt rund 80.000 Jagdscheininhaber.

2015 wurden im Nationalpark Eifel 939 Tiere bei der Jagd erlegt – Rothirsche, Mufflons, Wildschweine und Rehe. Was passiert mit ihnen?

Röös: Das Wild wird verkauft. Für wild und Verpachtungen von landwirtschaftlichen oder Leitungsflächen haben wir im vergangenen Jahr 113 000 Euro eingenommen.

Wo Wald weggeschlagen wird, entstehen Futterwiesen für das Wild. Das eine Vorgehen, nämlich das Eingreifen in den Baumbestand, verschlimmert die Situation an anderer Stelle, also bei der Wildpopulation. Das passt doch nicht zusammen, oder?

Röös: In der Tat ist das derzeit so. Aber wie gesagt, die Holzentnahme geht immer weiter zurück. Das Problem wird sich über die Zeit verringern.

Welche natürliche Alternative zur Jagd könnte es geben? Könnte ein Rudel Wölfe die immer weiter steigenden Abschusszahlen drosseln?

Röös: Die Idee mit den Wölfen ist bekannt, es würde aber beim Rothirsch nicht reichen. Um den Nationalpark Eifel ist kein Zaun mit vielen Wölfen drin möglich. Das Wild wechselt in die Nachbarreviere und damit nahrungsreiche, waldfreie Flächen; zwei bis drei Kilometer Wegstrecke pro Nacht zurückzulegen, das ist für einen Rothirschen normal. Und das Wild ist ja nicht dumm. Wir benötigen zukunftsweisende Alternativen, die wir uns zum Beispiel von den Belgiern abschauen könnten. Die hatten ähnliche Probleme, die haben gesetzliche Vorschriften und deren Verbindlichkeit verändert, das hat geholfen. Auch wir benötigen mehr Kooperation auf der Ebene des Rothirsch-Lebensraumes Rur-eifel unabhängig von Grenzen der vielen kleinen Jagdreviere und des Nationalparks.

Auf der Aussichtsplattform Dreiborner Hochfläche haben sie Schilder aufgestellt, die dort gedeckte Kleidung empfehlen, Sprechen und Handy verbieten. Fachleute lachen darüber. Denn Wild ist farbenblind und wittert Gefahr, wenn Menschen leise pirschen. Was sollen die Schilder bewirken?

Röös: Die Empore, auf der 60 Personen gleichzeitig komfortabel sitzen können, ist ein Erfolgsmodell, die Beobachtung von Wild dort gut möglich, nicht selten sitzen Jäger dort, einfach, um den Anblick bei Tageslicht zu genießen. Damit die Ruhe, die von diesem Ort für die beobachtenden Menschen selber ausgeht, nicht gestört wird, haben wir die Schilder aufgestellt.

Wie lautet das erste Fazit des Nationalpark-Zentrums in Vogelsang IP?

Röös: Unsere 2000 Quadratmeter große Dauerausstellung wird gelobt. 76 000 Besucher wurden zwischen dem 11. September und Ende November 2016 im neuen Forum Vogelsang IP gezählt, unsere Ausstellung „Wildnis(t)räume“ haben davon 7000 Menschen besucht. Wir werden an der Weiterentwicklung arbeiten.

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