Aachen/Schleiden - Nationalpark Eifel: „Mehr Wildnis wagen“

Nationalpark Eifel: „Mehr Wildnis wagen“

Von: Marlon Gego
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Kahlschlag im Dienst der Wissenschaft: Für das sogenannte Tereno-Projekt wurde im Süden des Nationalpark Eifel eine gewaltige Fläche kahlgeschlagen. Ist solch brachiales Vorgehen in der am strengsten geschützten Form aller Naturschutzgebiete angemessen? Foto: Franz-Josef Adrian
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Oliver Krischer (44), stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, hat Biologie studiert. Außerdem ist er Vorsitzender des Fördervereins Nationalpark.
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Henning Walter (63) ist Chef der Nationalparkverwaltung und Leitender Forstdirektor. Er lebt in Bad Münstereifel.

Aachen/Schleiden. Der Nationalpark Eifel ist seit 1. Januar zehn Jahre alt, aber zum Jubiläum gab es bislang mehr Diskussionen als Feiern. Der Hauptgrund ist der sogenannte Waldumbau, der 2013 im Kahlschlagen gewaltiger Flächen im Süden des Nationalparks in Wahlerscheid bei Monschau gipfelte.

Weil die Empörung groß war, haben jetzt Nationalparkverwaltung und der Förderverein zu einer Fachtagung eingeladen, die diese Woche in Simmerath-Rurberg stattfindet und an der jeder Interessierte teilnehmen darf (Infos unter www.nationalpark-eifel.de). Es geht vor allem um die Frage, ob der Waldumbau so weitergehen kann wie bisher. Zwei teils unterschiedliche Positionen nehmen Nationalparkchef Henning Walter und der Grünen-Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer ein, der Vorsitzender des Nationalpark-Fördervereins ist. Vor der Tagung haben wir mit beiden gesprochen.

Herr Krischer, hat die Politik, als sie Anfang des Jahrtausends den Nationalpark plante, große kahlgeschlagene Flächen wie die im Süden des Nationalparks im Sinn gehabt? War es das, was alle wollten?

Krischer: Es war völlig klar, dass Waldumbau stattfinden sollte...

... wobei „Waldumbau“ ja ziemlich harmlos klingt.

Krischer: Stimmt, ja. Ich kann nur für mich sagen, dass ich damals der Ansicht war, dass die Fichte als standortfremde Baumart langfristig aus dem Nationalpark raus muss. Die Fichtenplantagen in der Eifel sind ja nun mal das Sinnbild des industriellen, naturfernen Waldbaus. Dabei hatte ich aber keine großen Kahlschläge im Kopf, nein, und ich denke, die meisten anderen Menschen auch nicht. Walter: Also damit das klar ist: Kahlschläge sind auch für mich nicht das Mittel der Wahl. Wir haben 30 Jahre Zeit für den Waldumbau, da müssen eigentlich keine großen Flächen kahlgeschlagen werden, das passiert nur in Ausnahmen wie in Bachtälern oder bei den Douglasien.

Die Aufregung um die gerodeten Flächen war jedenfalls gewaltig. Haben Sie beide deswegen zu einer Fachtagung eingeladen?

Walter: Wir hatten 2006 eine reine Fachtagung zum Waldumbau in Monschau, dort haben wir die Leitlinien festgelegt, nach denen der Nationalpark umgebaut werden soll. Acht Jahre später dachten wir, es sei eine gute Idee, diese Leitlinien noch einmal zu überprüfen. Vielleicht werden wir doch etwas verändern müssen. Wichtig ist uns, dass die Öffentlichkeit an der Veranstaltung teilnimmt und sich auch einbringt. Danach werden wir mit den vorgesetzten Behörden und dem Umweltministerium neue Leitlinien festlegen. Krischer: Als der Nationalpark geplant wurde, ging es in der öffentlichen Diskussion eher um Wander- und Reitwege als um Waldumbau. Ich finde, zehn Jahre nach der Nationalparkeröffnung, das ist ein guter Zeitpunkt zu fragen, ob alles gut ist, wie es ist, oder ob etwas verändert werden muss.

Sie wollen damals getroffene Entscheidungen mit Volkes Wille abgleichen?

Walter: Nicht mit Volkes Wille, nein, wir möchten die Eindrücke der Bürger hören und unser Konzept von Fachleuten überprüfen lassen.

Kommen wir noch mal zu ihrem Mittel der Wahl, Herr Walter: Die Verwüstungen, die Sie im Süden des Nationalparks angerichtet haben, sind erschreckend, große Flächen sehen mehr nach Kriegs- als nach Naturschutzgebiet aus. Waren die großflächigen Rodungen die richtige Entscheidung?

Walter: Ja. Und ich verwahre mich gegen die Begriffe „Kriegsgebiet“ und „Verwüstungen“. Der Kahlschlag wurde nach allen Regeln der Kunst gut gemacht.

Es sieht trotzdem furchtbar aus.

Walter: Es sieht immer erschreckend aus, wenn Bäume auf ganzer Fläche entnommen werden. Sehen Sie sich doch mal Bachtäler an, in denen vor fünf, zehn oder 20 Jahren die Fichten entnommen worden sind, die sind wunderschön. Jeder Fachmann wird Ihnen sagen, dass wir gute Arbeit geleistet haben. Dazu kommt Folgendes: Normalerweise hätten wir einen Kahlschlag in dieser Größe nicht gemacht, sondern die Größe ist einem wissenschaftlichen Projekt geschuldet, das RWTH Aachen und FZ Jülich dort durchführen, dem Tereno-Projekt . . .

... dessen Sinn ja durchaus nicht alle anerkennen.

Walter: In der weiteren Umgebung war diese Fläche in Wahlerscheid die einzig infrage kommende. In den kommenden 15 Jahren wird dort der Klimawandel simuliert, von den Forschungsergebnissen wird die gesamte Gesellschaft profitieren. Ansonsten betreiben wir einen behutsamen Waldumbau.

Die Vorwürfe richten sich ja auch nicht gegen Sie persönlich. Was Sie dort machen, ist politisch gewollt.

Walter: So ist es, und unsere Maßnahmen haben ja zudem den Zweck, benachbarte Wirtschaftswälder vor dem Borkenkäfer zu schützen, der überall dort ist, wo Fichten sind. Dazu haben wir uns verpflichtet. Krischer: Wir haben im Süden des Nationalparks folgendes Phänomen: Die Fachleute sind von ihrem Tun begeistert, die Bürger entsetzt. Unser Nationalpark ist aber ein Bürgernationalpark, wir haben immer gesagt, dass die Menschen verstehen müssen, was dort passiert. Und ich glaube, mit dem Kahlschlag in Wahlerscheid ist etwas gekippt. Niemand kann nachvollziehen, dass ein solches Ausmaß an Holzfällungen noch etwas mit Naturschutz zu tun hat. Ein Nationalpark lebt aber von der Idee des Naturschutzes, und ehrlich gesagt wundere ich mich darüber, dass der große öffentliche Aufschrei nicht schon viel früher gekommen ist, als andere große Flächen kahlgeschlagen worden sind.

Und was folgt daraus?

Krischer: Wir müssen jetzt endlich darüber nachdenken, wie wir unsere Ziele auch anders erreichen können. Ich meine, dass wir die Eingriffe in die Natur auf ein Mindestmaß reduzieren müssen. Ich will nicht Willy Brandt plagiieren, aber trotzdem sage ich: mehr Wildnis wagen.

Und wie könnte das aussehen?

Krischer: Wir sollten Natur Natur sein lassen. Noch problematischer als die Kahlschläge finde ich mittlerweile ehrlich gesagt die Buchenunterpflanzung, weil niemand mit Sicherheit sagen kann, was mit diesen Buchen passieren wird. Wir sollten überall dort, wo keine benachbarten Wälder gefährdet sind, die Fichten sich selbst überlassen und schauen, was passiert. Das ist doch viel spannender zu beobachten als Flächen einfach kahlzuschlagen.

Was Sie gerade skizzieren, wurde ja bereits bei der angesprochenen Tagung 2006 empfohlen. Ihre Vorgesetzten, Herr Walter, hat das aber offenbar wenig interessiert, und deswegen fragt man sich: Warum ist das Waldgebiet überhaupt als Nationalpark ausgewiesen worden? Hätte man darauf verzichtet, hätten die Förster sich dort ja austoben können.

Walter: Ich persönlich hätte es mir auch vorstellen können, auf eine Ausweisung der Fichtenwälder in Wahlerscheid als Nationalpark zu verzichten, aber es war damals eben der Wunsch der Landesregierung, den Nationalpark bis an die europäisch bedeutsamen Natur- und Vogelschutzgebiete jenseits der belgischen Grenze zu realisieren. Ich sage Ihnen noch etwas: Der Nationalpark wäre ohne die Flächen im Süden wesentlich entspannter umzubauen gewesen, aber im Süden befinden sich flächig Fichten, die dort nach dem Zweiten Weltkrieg aufgeforstet worden sind, die jetzt die Eingriffe notwendig machen. Krischer: Sie sagen „notwendig machen“: Warum überlässt man dort, wo die Borkenkäfer keine Gefahr für angrenzende Wälder darstellen, die Fichten nicht sich selbst? Walter: Ich habe kein Problem mit Ihrem Vorschlag, aber es gibt Nachbarn, und wenn der Borkenkäfer einmal auf deren Wälder übergegriffen hat, bekommt man ihn nicht mehr weg. Es sei denn, man betriebe Waldverwüstung und zahlte Schadenersatz. Das ist doch wohl keine Alternative. Krischer: Aber Herr Walter, dafür gibt es doch die 500 Meter breiten Pufferzonen. Wie man in denen den Waldumbau betreibt, darüber können wir ja gern diskutieren. Walter: Außerhalb dieser Pufferzonen lassen wir den Wald in Ruhe. Krischer: Ach ja?

Kommen wir mal zu einem anderen Thema: Sie haben die in Nationalparks eigentlich verbotene Jagd all die Jahre über damit gerechtfertigt, dass junge Buchen vor Wildverbiss geschützt werden müssten, das sei besser, als Zäune um sie zu ziehen. Da es jetzt in Wahlerscheid einen solchen Zaun um Vogelbeeren gibt, können wir davon ausgehen: Die Jagd wird eingestellt.

Walter: Nein, davon können Sie nicht ausgehen. Die Wildbestände in der Nordeifel sind auf einem historischen Höchststand, und das gefährdet den Nationalpark, weil junge Bäume kaum noch wachsen. Die Jagd ist also weiter notwendig. Der Zaun, von dem Sie sprechen, dient dem Tereno-Projekt und ist der Wissenschaft geschuldet. Es ist nicht das Ziel, weitere Zäune im Nationalpark zu errichten.

Niemand hat die Absicht, einen Zaun zu errichten.

Walter (lacht): So ist es.

Jagd, Kahlschläge, Bedienung der Holzlieferverträge mit Holz aus dem Nationalpark: Herr Krischer, warum unterbindet der NRW-Umweltminister, ihr Parteifreund Johannes Remmel, dies nicht?

Krischer: Die Frage ist doch: Wie macht man Nationalpark? Ich hätte es mir vor 20 Jahren nicht vorstellen können, dass wir einmal einen 10 000 Hektar großen Nationalpark haben werden. Was nicht heißt, dass nicht vieles noch besser gemacht werden kann. Ich persönlich kann mir einen Nationalpark ohne Jagd gut vorstellen, aber selbst Experten sind darüber nicht einer Meinung. Womit ich ein Problem habe, ist das Thema Holzvermarktung. Es entsteht schon der Eindruck, dass an verschiedenen Stellen im Nationalpark Holz unter dem Deckmantel des Naturschutzes geschlagen wird, obwohl es in Wahrheit um das Holz geht.

Diesen Eindruck teilen viele.

Krischer: Man kann auch im Kermeter beobachten, dass ein 80 Jahre alter Fichtenbestand geschlagen wurde, dessen Holz sich prima verkaufen lässt. Wenige Meter weiter steht ein junger Fichtenbestand, der nicht geschlagen wird, dessen Holz aber auch viel zu jung zum Verkaufen ist. Diesen Eindruck kann man nur aus der Welt räumen, indem man sagt: Wir schlagen einfach überhaupt kein Holz mehr. Es darf nicht das Gefühl bei Besuchern entstehen, im Nationalpark würden Festmeter um Festmeter gemacht, um die Holzlieferschwierigkeiten des Landes NRW zu lindern. Walter: Ich garantiere Ihnen, dass im Nationalpark nicht ein einziger Festmeter geschlagen wurde, damit das Land seine Lieferschwierigkeiten beheben kann, sondern nur zum Zweck des Naturschutzes und der Wissenschaft.

Ganz ehrlich, Herr Walter, wer soll das glauben? Das Land erwirtschaftet mit dem Holz aus dem Nationalpark jedes Jahr einen siebenstelligen Betrag und hat bedrohliche Holzlieferschwierigkeiten.

Walter: Das ist im Augenblick so, da haben Sie recht. Aber ich kann nur wiederholen, dass das Holz, das wir schlagen, primär dem politisch gewünschten Waldumbau dient und nicht der Vermarktung. Krischer: Ich glaube Ihnen das nicht. Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass Ihre Vorgesetzten nicht traurig sind, wenn unter dem Siegel des Naturschutzes ein Holz zum Verkauf abfällt. Dieser Eindruck ist ein Fundamentalangriff auf den Sinn des Nationalparks. Und deswegen werden wir diese Debatte jetzt führen, und die führe ich auch an anderen Stellen.

Aber Herr Walter hat doch eigentlich schon gesagt, dass alles weitergeht wie bisher.

Walter: Das habe ich nicht gesagt, und das wird so auch nicht sein. Wir werden hören, was Bürger und Experten zu sagen haben, wir diskutieren darüber und ziehen dann die Konsequenzen. Wir werden Volkes Wille seismographisch wahrnehmen, da können Sie sicher sein.

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