Aachen - Natalia Verzhbovska ist die erste Rabbinerin in NRW seit 70 Jahren

Natalia Verzhbovska ist die erste Rabbinerin in NRW seit 70 Jahren

Von: Madeleine Gullert
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Ordinationsfeier: Rabbinerin Natalia Verzhbovska erhält von Rabbiner Walter Jacob (l), Präsident des Abraham-Geiger-Kollegs, den Gebetsmantel „Tallit“ in der Synagoge Beit Tikwa in Bielefeld. Foto: dpa
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Neue Heimat: Natalia Verzhbovska zieht mit ihrem Mann nach Köln. Foto: Tobias Barniske/dpa

Aachen. Sie ist Nordrhein-Westfalens erste Rabbinerin nach dem Zweiten Weltkrieg. Die gebürtige Ukrainerin Natalia Verzhbovska betreut seit September die liberalen Gemeinden in Köln, Oberhausen und Unna. Die 47-Jährige absolvierte ihre Ausbildung am Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam.

Auch diese Einrichtung wird von den Liberalen Juden in Deutschland geleitet. Dass Frauen als geistliche Leitfiguren an der Spitze jüdischer Gemeinden stehen, ist nur in nicht-orthodoxen Gemeinschaften möglich und in Deutschland bislang selten. Die meisten der rund 39.000 Juden in Nordrhein-Westfalen gehören orthodox ausgerichteten Gemeinden an.

Frau Verzhbovska, Sie haben gerade Ihren Dienst als Rabbinerin in Nordrhein-Westfalen angetreten. Sind Sie aufgeregt?

Verzhbovska: Ein bisschen schon. Es ist die erste Gemeinde, die ich betreuen werde, deshalb bin ich sehr gespannt.

Woher kam der Wunsch, Rabbinerin zu werden?

Verzhbovska: Ich komme aus Kiew. Bis zur Perestroika war Religion in der Sowjetunion verboten. Als es aber möglich wurde, ging ich in die Gemeinde und entdecke meinen Glauben. Ich begann, das Judentum zu leben. Mein Mann ist außerdem Rabbiner in Moskau. Als Rebbetzin, Frau eines Rabbiners, habe ich viel in der Gemeinde gewirkt. Dann habe ich mich entschlossen, selbst Rabbinerin zu werden.

Sie sind seit 70 Jahren die erste Rabbinerin in NRW. Ist das eine besondere Rolle?

Verzhbovska: Ich bin erstmal sehr froh, dass die Gemeinden bereit sind, mich als weibliches Oberhaupt anzunehmen. In Europa ist die Mehrheit der Rabbiner männlich. Frauen sieht man nur sehr selten in der Position. Erstaunlicherweise ist das in den USA oder auch in Großbritannien ganz anders. Dort sind Rabbinerinnen in der Mehrzahl.

Was für Vorbehalte gegen Frauen gibt es denn?

Verzhbovska: Die Gemeindemitglieder – besonders die Älteren – kennen das nicht, eine Frau als Rabbinerin. Sie haben einen alten Mann mit Bart vor ihrem inneren Augen, wenn sie an den Rabbi denken.

Ist das etwas rein Äußerliches?

Verzhbovska: Nein, mit diesem religiösen Bild ist viel mehr verbunden. Eine der vielen Assoziationen mit dem alten Mann ist natürlich auch Weisheit.

Hatten Sie als Frau während ihrer Ausbildung in Potsdam denn Probleme?

Verzhbovska: Im Abraham-Geiger-Kolleg sind alle gleichberechtigt: Männer und Frauen machen alles gemeinsam. Dort ist die Wissenschaft im Fokus. Aber in der Gemeinde kann das natürlich anders sein.

Sie gehören den Liberalen Juden an. Haben Frauen dort eine andere Rolle?

Verzhbovska: Bei den Liberalen Juden gibt es keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern. Alle haben die gleichen Regeln und Pflichten als religiöse Personen. Bei den Orthodoxen sieht das anders aus. Dort kommt der Frau eher eine Rolle in der Familie zu, weniger eine Rolle als Gemeindemitglied.

Können Sie sich als Frau denn auch anders einbringen als ein Rabbi?

Verzhbovska: Ich denke, dass das Geschlecht ganz egal ist. Jeder Rabbiner möchte seine Talente in der Gemeinde einbringen. Ich möchte mit all meiner Erfahrung für meine Gemeinde da sein. Vielleicht kann ich als Frau aber etwas mehr Wärme geben. Ich hoffe, dass meine Gemeindemitglieder das wertschätzen werden.

Aus den christlichen Kirchen treten immer mehr Menschen aus. Wie sehen Sie das jüdische Leben hier?

Verzhbovska: Das ist auch in jüdischen Gemeinden ein Problem, weil die Säkularisierung der Gesellschaft überall voranschreitet. Einen Unterschied sehe ich aber doch: Jüdische Gemeinden sind nicht nicht nur Orte der Religion, sondern Orte des jüdischen Lebens. Dort feiern die Mitglieder zusammen Feste, Kinder lernen jüdische Lieder.

Worauf möchten Sie bei Ihrer Arbeit in den Gemeinden, für die Sie verantwortlich sind, den Fokus legen?

Verzhbovska: Ich möchte den Menschen dabei helfen, ihre religiöse Identität mit dem Alltagsleben in Einklang zu bringen. Im Judentum gibt es viele Regeln, deshalb ist das nicht immer leicht, die richtige Antwort auf drängende Fragen zu finden.

Können Sie einige Beispiele nennen?

Verzhbovska: Viele Eltern überlegen, ob sie ihre Kinder auf eine jüdische Schule schicken sollen – wenn es denn eine in der Nähe gibt. Oder sie sind unsicher, ob es erlaubt ist, ihre Kinder auch auf eine katholische Schule zu schicken. Und viele Juden wissen nicht, wie sie reagieren sollen, wenn sie bei Freunden Schweinefleisch angeboten bekommen. Das dürfen sie ja eigentlich nicht essen. Oder was tun, wenn man samstags arbeiten soll? Der Sabbat ist unser Feiertag in der Woche. Solche ganz alltäglichen Dinge möchte ich mit meinen Gemeindemitglieder erörtern.

Sie betreuen künftig drei Gemeinden. Wie wird Ihr Arbeitsalltag aussehen?

Verzhbovska: Noch wohne ich in Berlin. Ich plane, ab Oktober nach Köln zu ziehen. Und von dort aus zu den anderen Gemeinden zu pendeln. Jeweils eine Woche werde ich in den Gemeinden sein. Mein Mann wird zu mir ziehen. Darauf freue ich mich auch, weil wir während meiner Ausbildung eine Wochenendbeziehung führten. Er ist die letzten sieben Jahre zwischen Moskau und Berlin gependelt.

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