Nachts krachts: Abschalten der Ampeln ist umstritten

Von: dpa
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Düsseldorf. Finanziell klamme Kommunen schalten nachts gerne ihre Ampeln ab, um Strom und Geld zu sparen. Doch Studien zeigen: An manchen Stellen zahlen Autofahrer mit zum Teil schweren Unfällen die Zeche.

Jede Nacht um Punkt 23 Uhr gehen in Duisburg zwei Drittel der 533 Ampeln aus. Kein Stromausfall ist der Grund, sondern eine Sparmaßnahme der Verwaltung. Rund 60.000 Euro spart die hoch verschuldete Ruhrgebietsstadt dadurch jährlich an Stromkosten ein.

Die nächtliche Ampelabschaltung ist in vielen deutschen Kommunen gängige Praxis. Auch Umweltargumente sind im Spiel: Neben den Stromkosten sei auch die Schadstoff- und Lärmbelastung niedriger, denn die Autos halten kürzer oder gar nicht.

Unfallforscher Siegfried Brockmann kennt die Argumente, doch ihm kommt die Sicherheit zu kurz: Die ausgeschalteten Ampeln verursachen nach seinen Berechnungen Krach und Chaos. „Ohne Ampeln ist die Unsicherheit an Kreuzung nachts doppelt so hoch”, sagt Brockmann, der für die Unfallforschung der Versicherer (UDV) arbeitet.

In einer Studie untersuchte der UDV bereits 2007 in Dresden die Auswirkungen von nachts abgeschalteten Ampeln auf die Unfallstatistik: 300 Verkehrsunfälle pro Jahr, mehr als 100 Verletzte. „Diese Statistiken lassen sich ohne weiteres auf andere Großstädte wie Duisburg, Düsseldorf oder Köln übertragen”, sagt Brockmann.

Grundsätzlich sieht die Allgemeine Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrsordnung Paragraph 37 vor, dass Ampeln dauerhaft in Betrieb zu halten sind. Eine Abschaltung bei Nacht ist nur in Ausnahmefällen und bei einzelner Prüfung möglich.

Nun hat das Verkehrsministerium von Nordrhein-Westfalen eingegriffen. „Wir sehen, dass in den Kommunen nicht sorgsam genug mit diesem Thema umgegangen wird”, sagt Georg Stüben, Referent für Verkehrssicherheit der dpa. Das Ministerium forderte Unfallstatistiken von den Kommunen ein und setzte Grenzen: „Ab zwei Unfällen pro abgeschalteter Ampelanlage muss die Anlage sofort wieder angeschaltet werden.”

Die Kommunen reagierten auf diese Forderung sehr unterschiedlich: Im gesamten Regierungsbezirk Münster stellte man bei der Überprüfung fest, dass an lediglich zwei Kreuzungen mehr als zwei Unfälle verursacht wurden. Diese Ampeln wurden wieder eingeschaltet. In der Millionenstadt Köln gehen jede Nacht an 65 von 1004 Ampeln die Lichter aus. Gekracht hat es an vier dunklen Kreuzungen, aber nur an einer zwei Mal: Dort schaltete die Verwaltung die Ampelanlage wieder an.

Dem UDV ist das noch nicht genug: „Die ersparten Stromkosten stehen nicht im Verhältnis zu den verursachten Unfallkosten”, sagt Brockmann. „Sachschäden sind oftmals Vorboten für Personenschäden”. Nicht nur die Unfallrate sei entscheidend, auch die Schwere der Unfälle müssten die Kommunen berücksichtigen.

So wurden in Duisburg im vergangenen Jahr bei 65 Verkehrsunfällen nachts über 40 Menschen verletzt, vier von ihnen schwer. 30 Ampeln wurden daraufhin nachts nicht mehr abgeschaltet. Die Polizei in Duisburg hatte bereits seit Beginn der Abschaltungen 2007 vor der erhöhten Unfallgefahr gewarnt.

Im NRW-Verkehrsministerium wünscht man sich konkretere Vorgaben des Bundes für die Ampelabschaltung. Zwar sollen die Richtlinien in Kürze vom Bundesverkehrsministerium aktualisiert werden, aber hinsichtlich der Nachtabschaltung würde sich der Text nicht ändern. Die Kommunen können deshalb weiterhin selbst entscheiden, welche ihrer Ampeln sie nachts an- oder ausknipsen.

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