Nachtflohmarkt: Goldgräberstimmung am Trödeltisch

Von: Jessica Küppers und Nina Leßenich
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Trödel unter dem Schein der Lichterketten: Beim Schwarzmarkt in der Aula Carolina machen die Aussteller mit besonderer Beleuchtung auf sich und ihren Krimskram aufmerksam. Das besondere Flair überträgt sich auf Aussteller und Besucher. Foto: Nina Leßenich
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Für den guten Zweck: Die Einnahmen unseres Standes kommen der Aktion „Menschen helfen Menschen“ zu Gute. Foto: Nina Leßenich

Aachen. Der erste Blick geht immer auf das Plakat. Es hängt an einem Flohmarktstand beim Schwarzmarkt. Das ist ein Nachtflohmarkt, der am Samstagabend zum zweiten Mal in der Aachener Aura Carolina stattgefunden hat. Anders, als es bei Flohmärkten üblich ist, sind Frühaufsteher dort eher falsch.

Der Nachtflohmarkt beginnt erst um 17 Uhr. Dafür können Besucher bis Mitternacht dort durch die Gänge laufen und kleinere und größere Schätze ergattern. Entsprechend anders ist auch das Flair. Im Hintergrund spielt eine DJane. Es gibt Cocktails und Suppe. An den Ständen hängen Lichterketten. Denn Beleuchtung ist wichtig, um auf sich und seinen Krimskrams aufmerksam zu machen. An unserem Stand gibt es nur eine Lampe. Sie ist auf ein Schild mit der Aufschrift „Unsere Einnahmen gehen an die Flüchtlingshilfe“ gerichtet.

Alles, was wir an diesem Abend verkaufen, kommt der Aktion „Menschen helfen Menschen“ – konkret der Flüchtlingshilfe – zu Gute. Mit dem Geld werden Projekte unterstützt, die sich um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kümmern.

Trödeln für andere – davon sind viele Flohmarktbesucher, die an unserem Stand vorbeikommen, zunächst irritiert. Sie schauen genauer hin. Einige gehen lächelnd weiter. Andere bleiben stehen und überlegen, ob sie eine Tasse, ein Kleid oder ein Spiel gebrauchen könnten.

Nils Ludwig ist so ein Besucher. Er ist mit seiner Freundin Elisa Trinks zum Schwarzmarkt gekommen. Die Idee, nicht für sich, sondern für andere zu trödeln, findet er gut: „Super“, sagt er und streckt wie zum Beweis den Daumen in die Höhe. Während seine Freundin sich die Gegenstände auf unserem Tisch genauer ansieht, erklärt er, dass für die Flüchtlinge überall Geld fehle. Deswegen wünsche er sich mehr solcher Aktionen und drückt uns ein paar Münzen in die Hand – ohne etwas mitzunehmen. Damit ist er nicht der einzige geblieben. Immer wieder kamen Leute an den Stand, um zu spenden.

Auch Sophy Stoenner, die am Nachbartisch verkauft, ist schnell auf uns und die Aktion aufmerksam geworden. Sie fragt nach, macht uns Mut und drückt uns die Daumen. Auf ihrem Tisch liegen eine Zitronenpresse, Reagenzgläser und Bücher. Sie hat ihren Hausrat aussortiert, um ihre Urlaubskasse aufzubessern. Bald soll es in den Skiurlaub gehen und dafür fehlen ihr und ihren Freunden noch ein paar Euro. Wie Sophy versuchen viele Aussteller an diesem Abend ihre gesammelten Werke loszuwerden. Jeder Quadratmeter der Aula Carolina ist ausgenutzt. Die Stimmung zwischen Käufern und Verkäufern ist gut. Die Gäste des Schwarzmarktes sind in Kauflaune. Für Marc Straub aus Aachen ist an diesem Abend allerdings nichts dabei. Er sagt; „Es ist cool hier, aber sehr frauendominiert.“ Für Männer gebe es daher eher weniger zu kaufen. Dafür könne man umso besser mit den vielen Frauen flirten, scherzt er.

Das Konzept des Trödelns ist ein altes und scheint immer noch zu funktionieren. Einer, der sich seit 20 Jahren mit dem Trödeln beschäftigt, ist Volker Weitz. Der Geschäftsführer der Melan-Märkte glaubt, dass „die Goldgräberstimmung einen Reiz“ auf Schnäppchenjäger ausübt. Etwas Wertvolles zum günstigen Preis zu bekommen, locke die Menschen immer noch an. Das hat sich in den vergangenen Jahren nicht verändert. Anders als damals, sei der Trödelmarkt heute für viele mehr Freizeitbeschäftigung als eine Gelegenheit, Einkaufen zu gehen. „Es hat viel mit Kommunikation zu tun“, erklärt er. Außerdem wüssten viele Menschen nicht mehr, was sie an einem Sonntag machen sollen. Ein Trödelmarkt ist eine willkommene Abwechslung zum Alltag. Im vergangenen Jahr sind ungefähr 500.000 Besucher zu seinen Märkten gekommen, sagt Weitz.

Dass das Außergewöhnliche die Massen anzieht, zeigt sich auch auf dem Schwarzmarkt. Ab 18 Uhr sind die Gänge zwischen den Ständen voll. Die Menschen kommen kaum aneinander vorbei. Dennoch seien es weniger Besucher gewesen als beim ersten Schwarzmarkt, schätzt Maurice Thomé. Er hat den Markt gemeinsam mit Dennis Langner organisiert. Mit dem Ergebnis sind die beiden dennoch zufrieden. „Es hat Spaß gemacht, die Stimmung war super und wir haben viele nette Menschen kennengelernt.“ Wie viel Geld dabei herum gekommen ist, wissen die Organisatoren noch nicht. Bevor sie Kassensturz machen könnten, müssten sie erst einmal aufräumen, sagt Maurice lachend.

Als wir unseren Stand gegen Mitternacht abbrechen und die Spenden zählen, kommt Sophy noch einmal zu uns. Sie drückt uns einen Schein in die Hand und sagt: „Wir haben gut verkauft und deswegen wollen wir euch etwas davon abgeben.“ 119,36 Euro sind insgesamt für die Flüchtlingshilfe zusammen gekommen.

Vielleicht haben wir den ein oder anderen Trödelmarktbesucher mit unserer Idee zum Nachdenken angeregt und zu eigenen Hilfsaktionen inspiriert.

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