Nachhaltigkeit in der Praxis: Ein Besuch im Repair Café

Von: Christina Handschuhmacher
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Ein erster Erfolg: Jutta Hippe
Ein erster Erfolg: Jutta Hippert freut sich, dass der An- und Ausschalter ihres Radios endlich wieder funktioniert. Dabei hat ihr der Aachener Jacek Wisniowski geholfen. Foto: Christina Handschuhmacher

Köln. Gerdi Hippert will ihrem kaputten Rührgerät wieder Leben einhauchen. „Es ist ein Markengerät und war nicht ganz billig. Trotzdem geht nun nach kurzer Zeit der Motor aus”, sagt die Kölnerin. Das defekte Gerät einfach wegschmeißen? Gerdi Hippert schüttelt energisch den Kopf.

„Ich gehöre zu der Sorte Mensch, die nicht einfach alles wegschmeißt.” Statt auf den Wertstoffhof hat sie ihr Rührgerät deshalb zur dritten Auflage des Kölner Repair Cafés gebracht.

In seine Einzelteile zerlegt, liegt es nun vor ihr auf dem Do-it-yourself-Tisch: Kunststoffabdeckung, Spule, Kabel und Metallquirle reihen sich aneinander. Gemeinsam mit Tüftler Christian Benedict begibt sich Gerdi Hippert auf Fehlersuche: „Entweder ist das Getriebe nicht mehr ausreichend gefettet oder die Kontakte funktionieren kaum noch”, lautet die erste Diagnose von Christian Benedict.

Die Suchmaschine Google kann weiterhelfen: Schnell die Typenbezeichnung eingetippt und schon finden sich in Internet-Foren Menschen, deren Haushaltsgegenstände ähnlich widerborstig waren. Gerdi Hippert und ihrem Rührgerät kann geholfen werden.

Willkommen im ersten Repair Café Deutschlands. Im dritten Stock eines unscheinbaren alten Fabrikgebäudes auf der rechten Rheinseite treffen sich alle zwei Monate Hobbytüftler und Gegner der Wegwerfgesellschaft. Gemeinsam wird gebastelt, geklebt, geleimt, gesägt - und ein Zeichen gesetzt: Denn nicht alles muss nach dem ersten Aussetzer in der Tonne landen, oft gibt es simple Wege, Dinge wieder zum Laufen zu bringen. Das Prinzip des Repair Cafés ist einfach: Jeder darf kommen und kaputte Geräte mitbringen, die wahrscheinlich noch zu retten sind: vom defekten Laptop bis zur mechanischen Eieruhr. Der Eintritt ist kostenlos, nur für eventuell benötigte Ersatzteile muss gezahlt werden.

Veranstaltet wird das erste Repair Café Deutschlands - mittlerweile sind andere Großstädte wie Berlin oder München nachgezogen - vom Verein „Ding­fabrik”, einer offenen Werkstatt in Köln. Ob Akku-Bohrer, Drechselbank oder Schweißgerät - dank Werkstattauflösungen und einer Partnerschaft mit dem Zentrum für Deutsche Luft- und Raumfahrt verfügen die Hobbybastler über ein beeindruckendes Repertoire an Werkzeugen.

„Wir haben einen TV-Beitrag über die Repair Cafés in den Niederlanden gesehen und dann beschlossen, dass wir das auch machen wollen”, sagt Alexander Speckmann, einer der Initiatoren.

Bei der Erstauflage im April kamen nur eine Handvoll Leute, bei der zweiten Auflage im Juni waren es schon 50. Parallel dazu rollte auch die Medienlawine an: „Im ?Spiegel tauchten wir in einer Zeile auf, dann ging der Medientrubel los”, sagt der 28-jährige Maschinenbauingenieur.

Technikverständnis wecken und das Bewusstsein für Nachhaltigkeit schärfen, sei das Ziel. Und: „Wir wollen Hilfe zur Selbsthilfe geben. Jeder soll sich ruhig mal trauen, einen Schraubenzieher in die Hand zu nehmen und ein Gerät aufzuschrauben.” Etwa alle zwei Monate findet das Café zum Reparieren statt. Man wolle keinem Reparaturbetrieb die Arbeit wegnehmen, aber früher sei es selbstverständlich gewesen, Geräte zunächst einmal zu reparieren und nicht direkt wegzuschmeißen, sagt Speckmann.

Knapp zehn Anfragen aus anderen deutschen Städten haben die Macher aus Köln schon erhalten. Menschen aus Berlin, Düsseldorf und auch aus Aachen sind an diesem Tag zur dritten Auflage des Repair Cafés angereist. Sie wollen auch in ihrer Stadt die Reparatur-Welle in Gang setzen und sich vorab Tipps von den Kölnern holen.

Einer von ihnen ist der Aachener Jacek Wisniowski. Die Dinge würden oft nur zum Wegwerfen produziert, kritisiert er. Deshalb will der IT-Entwickler mit seinem Verein „Digitales Aachen” auch in seiner Heimatstadt gegen die Wegwerfgesellschaft ankämpfen. Er plant, am 25. August in den Vereinsräumen an der Martinstraße 10-12 das erste Aachener Repair Café zu organisieren.

In Köln schaut er nicht nur zu, sondern beteiligt sich direkt tatkräftig, indem er Gerdi Hipperts Schwester Jutta bei der Reparatur ihres 40 Jahre alten Radios unterstützt. Und schnell gibt es ein Erfolgserlebnis: Der kaputte An- und Ausschalter funktioniert wieder. Jutta Hippert freut sich: „Endlich kann ich mein Radio wieder in die Küche stellen. Und in Technik-Fragen hab ich auch dazugelernt.”

Ursprünglich kommt die Lust am Tüfteln aus den Niederlanden. Im Oktober 2009 gründete die Journalistin Martine Postma dort das erste Repair Café. Seither haben sich dort über 40 solcher Einrichtungen gegründet und ständig kommen neue dazu. Sogar der niederländische Staat unterstützt das Projekt mittlerweile, da es Menschen integriere, die sonst wenig gesellschaftlichen Kontakt haben. Speckmann sieht das Ganze auch mit einem Augenzwinkern: „Wir integrieren den Computer-Nerd wieder in die Otto-Normal-Gesellschaft.”
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