Nach wessen Willen wird hier gestaltet?

Von: Thorsten Karbach
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Romanistik
Keine guten Aussichten: Die Romanistik der RWTH Aachen steht mehr denn je vor dem Aus. Nächste Woche wird wieder abgestimmt. Foto: Steindl

Aachen. Ulrich Lüke nennt es einen Treppenwitz der Geschichte. Zum Lachen ist ihm dabei nicht zumute. Am 28. Januar ist der 1201. Todestag Karls des Großen. Vor einem Jahr wurde der Frankenherrscher in Aachen mit viel Pomp gefeiert – auch als Europäer. Ausgerechnet an diesem Termin wird an der RWTH Aachen erneut über die Abschaffung der Lehramtsstudienfächer Französisch und Spanisch abgestimmt.

Und es ist wahrscheinlicher denn je, dass der verantwortliche Fakultätsrat diesmal für das Aus der Lehramtsstudienfächer und damit der Romanistik an der RWTH stimmen wird. Ausgewählte Professoren, Mitarbeiter aus der Lehre und Studenten werden entscheiden. Lüke, Professor am Lehrstuhl für Systematische Theologie der RWTH, ist ein entschiedener Gegner der Schließung des Faches Romanistik.

Er ist nicht der einzige. Einer Petition, von Studenten gestartet, schlossen sich im Internet ein paar Tausend Fürsprecher der Disziplin an. Wie unbeugsame Gallier kämpfen aktuelle wie ehemalige Studenten für den Erhalt, sogar eine juristische Prüfung der möglichen Abschaffung steht im Raum. Alles vergebens?

Der Stand der Dinge

Am 28. Januar geht es eigentlich um mehr als die Schließung der Romanistik. Es geht um das künftige Auftreten der gesamten Philosophischen Fakultät, über deren Zweck und Bedeutung an der Technischen Hochschule Aachen in der Vergangenheit immer wieder spekuliert wurde. Es wird ein Eckpunktepapier vorgestellt, das die Zukunft der Fakultät skizzieren soll. Über dieses Papier wird abgestimmt, das Aus für die Romanistik ist ein Teil des großen Ganzen. Der Strategierat der RWTH Aachen hatte ein neues Konzept gefordert. Das Eckpunktepapier ist der Ausgangspunkt dafür. „Mehr war in einem Vierteljahr nicht zu leisten“, sagt die verantwortliche Dekanin Christine Roll.

Angesichts dieses Konzepts erscheint die Diskussion über eine überschaubare Disziplin klein und nichtig. Aber das ist sie nicht. Die Romanistik ist zu mehr als einem Fach geworden. Sie ist ein Symbol für den Widerstand gegen die Idee (des Rektorats), die Hochschule stärker an den Ingenieur- und Naturwissenschaften auszurichten.

Die Geschichte

Es ist nicht das erste Mal, dass über den Lehramtsstudiengang und damit die Romanistik abgestimmt wird. Schon am 16. Juli und am 6. August 2014 gab es Sitzungen – in denen am Ende für den Erhalt der beiden Lehramtsstudienfächer gestimmt wurde. Der Eindruck erhärtet sich, dass hier so lange abgestimmt wird, bis die Romanistik abgeschafft ist. „Das ist ein Prozess, der meinem persönlichen basisdemokratischen Verständnis widerspricht. Aber die Romanistik wird bis zum Schluss kämpfen“, sagt die Romanistik-Professorin Angelica Rieger.

Seit der letzten Abstimmung ist viel passiert. Sehr viel. Das Gesicht der Fakultät hat sich verändert. Bei den Sitzungen im Juli und August stand noch Will Spijkers (Institut für Psychologie) als Dekan in der Verantwortung. Nun ist es Historikerin Roll. Es gibt dankbarere Aufgaben. Betroffene sprechen von großem Druck, der seitens des Rektorats auf die Fakultät ausgeübt wird. Es soll dabei auch um die Wiederbesetzung von Professuren (in der Germanistik) gehen, zudem um die Genehmigung für neue Masterstudiengänge. Im Rektorat heißt es dagegen immer, die Fakultät halte ihre Zukunft in eigenen Händen. Sie könne gestalten. Doch nach wessen Willen?

Die Positionen

Rektor Ernst Schmachtenberg sagte Mitte November: „Unser Anspruch, die RWTH zu einer führenden integrierten, interdisziplinären technischen Universität zu entwickeln, umfasst auch die Philosophische Fakultät.“ Eine eindeutige Antwort auf die Frage nach der Verzichtbarkeit der Romanistik hat er nicht gegeben. Dass er die Romanistik tatsächlich für verzichtbar hält, gilt für die meisten Beteiligten als sicher. Und er erfährt dafür scharfe Kritik.

Dekanin Roll hatte ein sogenanntes Offenes Dekanat einberufen, in dem sich alle Studenten, Professoren und Mitarbeiter mit ihren Ideen zur Zukunft der Fakultät einbringen konnten. Hinzugezogen wurde für den Moderationsprozess gar ein externer, bezahlter Unternehmensberater. Nun sagt Roll: „Die Fakultät hat sich in dieser Zeit unglaublich bewegt. Wir haben unheimlich viele gute Ideen entwickelt. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Das hätte ich vor einem Jahr nicht gedacht.“

Der Europagedanke

Ulrich Lüke hat am Offenen Dekanat mitgewirkt. Er hätte sich mehr Zeit für die Neuausrichtung der Fakultät gewünscht. „Ich verhehle nicht, dass die Fakultät unter den diktierten Bedingungen und in der Kürze der Zeit einen guten Prozess der Neustrukturierung initiiert hat, an dem ich selbstverständlich aktiv mitwirke und von dem ich hoffe, dass er gute Ergebnisse zeitigt“, erklärt er. Ein Aus der Romanistik sei in jedem Falle schlecht.

Diejenigen, die wie Lüke für den Erhalt kämpfen, nennen den europäischen Gedanken als ein zentrales Argument gegen die Abschaffung. In einem Weblog zur Rettung der Romanistik schreibt der ehemalige Inhaber des Lehrstuhls für Romanische Philologie II, Richard Baum: „Im Panorama der Geisteswissenschaften ist die Romanistik eine Schlüsseldisziplin, eine europäische Disziplin par excellence. Man müsste sie erfinden, wenn es sie nicht schon gäbe!“

Auch der Präsident des Europäischen Parlaments, der designierte Karlspreisträger Martin Schulz, hat sich zu Wort gemeldet – in einem persönlichen Brief an Rektor Schmachtenberg spricht er sich für den Erhalt aus. Das Ende der Romanistik sei ein Signal, das sich die Europastadt Aachen nicht leisten könne, heißt es auch bei anderen Politikern, die sich in die Diskussion eingeschaltet haben.

Weit fataler sind aber andere Befürchtungen, die die Kämpfer für den Erhalt der Romanistik sehen: Die Philosophische Fakultät würde sich selbst auf Dauer das Wasser abgraben. Für das Lehramt mag Lüke einen Domino-Effekt nicht ausschließen. Die Auswirkungen auf andere Fächer sind schwer vorhersehbar. Die Geisteswissenschaften würden insgesamt zum Dienstleister der Ingenieur- und Naturwissenschaften verkommen, befürchtet er. Die Neuausrichtung der Fakultät ist schwierig – wie weit kann und wird sie gehen? Bleiben weitere Disziplinen auf der Strecke? Lüke sagt: „Unstrittig ist in der Fakultät, dass diese einen Beitrag zur ingenieurwissenschaftlichen Kernkompetenz der RWTH leisten soll und kann. Aber eine zum bloßen Zulieferer-Betrieb der Ingenieurwissenschaften degenerierte Philosophische Fakultät hätte ihre eigenfachliche Reputation verloren.“

Die Befürchtungen

Geben also andere künftig den Rahmen der so gerne zitierten Freiheit der Forschung vor? Können sich die Geisteswissenschaften überhaupt gegen die exzellenten Disziplinen der TH behaupten? Schon jetzt gibt es Befürchtungen, dass die Philosophie auf den Aspekt Ethik reduziert werden könnte. Dieses Fach wird von Ingenieurwissenschaften und anderen nachgefragt. Ist es nicht erstrebenswert, dass an einer Hochschule interdisziplinär geforscht wird?

Dekanin Roll glaubt an ihre Fakultät. „Ich bin ganz begeistert, welche tollen Forschungsthemen wir hier bereits haben“, sagt sie. Diese sollen an einer Einrichtung namens HumTec konzentriert werden. Das ist ein interdisziplinäres Projekthaus, das bislang von der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder gefördert wird. Es soll von der Philosophischen Fakultät fortgeführt werden. Und die Fakultät soll HumTec auch personell bestücken. Zwei Professuren sind vorgesehen, zwei weitere für Sonderforschungsbereiche. Dafür freilich müssen anderswo Stellen wegfallen. Das Aus für die Romanistik mit zwei Professuren würde helfen...

In Düsseldorf wird der Prozess mit Neugier verfolgt. „Ich finde es genau richtig, wie die RWTH das macht. Da wollen wir als Land auch gar nicht reinreden. Wir müssen nur grundsätzlich sicherstellen, dass es in NRW Romanistik flächendeckend gibt“, hat Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) in einem Interview mit unserer Zeitung erklärt. Nach geltendem Recht entscheiden Hochschulen selbst über ihr Studienangebot. Es bedarf lediglich des Einvernehmens mit dem Ministerium. Das wurde hergestellt mit der Vorgabe, dass die eingesparten Ressourcen an der Fakultät bleiben und der stärkeren Profilbildung dienen.

Unbeantwortet bleibt auch: Was spricht gegen die Romanistik an der RWTH – im Vergleich zu anderen Disziplinen? 306 Studenten zählte die Disziplin im letzten Wintersemester. Die Zahl aller Studenten liegt bei 709. Zum Vergleich: Katholische Theologie studierten 2013/2014 498 junge Menschen und die Literatur- und Sprachwissenschaft 220. Andererseits: Es gibt in Deutschland weit nachgefragtere Hochschulen, wenn es um Romanistik geht.

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