Nach Tschernobyl: Jülicher messen Strahlenbelastung in Weißrussland

Von: Christina Handschuhmacher
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Haben eine Langzeitstudie zur Strahlenbelastung vorgelegt: die Forscher Peter Hill (v.l.n.r.), Petro Zoriy und Burkhard Heuel-Fabianek.

Jülich. Petro Zoriy ist drei Jahre alt, als einige Hundert Kilometer östlich von seiner Heimatstadt Ivano-Frankivsk, der Reaktor 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl explodiert. Auch wenn Zoriy und seine Familie aufgrund der großen Distanz nicht unmittelbar betroffen sind, ist die Atomkatastrophe von Tschernobyl dennoch ein Ereignis, das Zoriys Leben bis heute prägt.

Der aus der Westukraine stammende Chemiker, der am Forschungszentrum Jülich (FZJ) promoviert hat, hat in den vergangenen drei Jahren die jetzt beendete Langzeituntersuchung (1998 bis 2015) zur „Dosisbelastung der Bevölkerung in kontaminierten Gebieten Weißrusslands“ geleitet.

Die Ergebnisse dieser Forschung haben die Experten aus Jülich nun publiziert. Ihr Fazit: Bei weiteren regelmäßigen Untersuchungen und individueller Beratung besteht keine besondere Gefahr mehr für die Bevölkerung in den von ihnen untersuchten Gebieten.

Schon 1991 bekam das Forschungszentrum vom Bundesumweltministerium den Auftrag, federführend Messaktionen in den von der Atomkatastrophe besonders stark betroffenen Regionen durchzuführen – zuerst in Russland, später auch in Weißrussland und der Ukraine. „Damals wurde gesagt, das gehe auf eine Bitte des damaligen Sowjetchefs Michail Gorbatschow gegenüber Bundeskanzler Helmut Kohl zurück“, sagt Peter Hill, der die Messungen von Beginn an begleitet hat.

Mit selbst umgerüsteten Messfahrzeugen – an Bord ein Ganzkörpermessgerät, das die vom Körper nach außen abgegebene Strahlung misst – sind die Forscherteams seither unzählige Male vor Ort gewesen. „Wir haben allein in den Jahren 1991 bis 1993 circa 317000 Ganzkörpermessungen gemacht“, sagt Hill. Das Vertrauen der Bevölkerung in die öffentlichen Stellen des eigenen Landes sei damals tief erschüttert gewesen. „Uns hat man jedoch sehr schnell vertraut.“

Seit 1998 konzentrieren sich die Messungen auf das kleine Dorf Volincy in Weißrussland, das von radiologisch hochkontaminierten Sperrgebieten umgeben ist und in dem rund 300 Menschen leben. Während andere radioaktive Stoffe wie das gefährliche Jod-131 längst zerfallen sind, ist vor allem Cäsium-137 noch in den verseuchten Gebieten präsent. Cäsium-137 hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren, wird von Tieren und Pflanzen aufgenommen und gelangt so zeitverzögert in die Nahrungskette.

Nach wie vor gilt für die Menschen in Volincy und ähnlich belasteten Dörfern deshalb: möglichst keine Pilze und Beeren aus dem Wald essen und auch kein Wild verzehren, da in diesen Tieren und Pflanzen die radioaktive Belastung weiterhin sehr hoch ist. Messen die Forscher bei einzelnen Personen erhöhte Werte, hängt dies ihren Angaben zufolge meist damit zusammen, dass die Personen sich nicht an diese Regeln gehalten haben. „Wir klären auf und tragen die Messwerte auch in persönliche Unterlagen ein. So können die Menschen sehen, wie sich ihre Werte entwickelt haben“, sagt Zoriy.

Mittlerweile liegt die Strahlenexposition der Menschen in der Regel unter 1 Millisievert pro Jahr – dem international zulässigen Grenzwert für die Bevölkerung im Umfeld von Atomkraftwerken. „Aus unseren Ergebnissen lassen sich Ratschläge für Menschen in anderen kontaminierten Gebieten ableiten“, sagt Burkhard Heuel-Fabianek, der den Fachbereich „Sicherheit und Strahlenschutz“ leitet. Bald soll ihre Studie auch auf Englisch erscheinen; die Forscher haben etwa Japan im Blick, wo die Atomkatastrophe von Fukushima erst fünf Jahre zurückliegt.

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