Nach hektischen Zeiten ist Ruhe in der JVA

Von: Wolfgang Schumacher
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Viel gefragte Gesprächspartne
Viel gefragte Gesprächspartnerin: Reina Blikslager, Leiterin der Aachener JVA, informierte gestern über die aktuelle Situation. Foto: Krömer

Aachen. Nach eher turbulenten Zeiten und nach ausgedehnter öffentlicher Schelte im Gefolge eines umfangreichen Strafprozesse gegen zwei schwer kriminelle Insassen, die im November 2009 aus der Aachener Justizvollzugsanstalt (JVA) ausgebrochen waren, ist inzwischen wieder Ruhe und Alltag in die Haftanstalt eingekehrt.

Dorthinein passt die gute Nachricht der Anstaltsleiterin Reina Blikslager, die am Freitag in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Anstaltsbeirat aktuelle Zahlen auf den Tisch legte: Danach sei die Personaldecke inzwischen ausreichend, was sich auch an einem Rückgang der Überstunden vor allem im Vollzugsdienst festmache.

2009, als des Öfteren von unhaltbaren Zuständen im Aachener Knast die Rede war, waren noch rund 45.000 Überstunden geleistet worden, und die Sicherheit litt unter einem Krankenstand von mehr als 17 Prozent. Diese Höchstmarken sind nun drastisch reduziert worden. Die Überstunden seien auf weniger als ein Drittel dieser Zahl bei den insgesamt 383 Beschäftigten der JVA zurückgegangen, die Krankenstände erheblich gesunken, berichtete Blikslager. Nicht zuletzt die Aufregung um den spektakulären Ausbruch hatte auch nach diversen Brandbriefen des Personalrates bei der Landesregierung für tiefere Einsicht und mithin für mehr Personal gesorgt.

Allerdings: Das Damoklesschwert neuerlicher Stellenkürzungen ist nicht ganz gebannt, in Rede stehen rund 13 Vollzugsstellen, die nicht völlig sicher seien. „Wir glauben vorerst nicht, dass dort gestrichen wird”, meinte Blikslager zuversichtlich. Die Belegungszahl der Anstalt sei mit 735 Gefangenen nicht völlig ausgeschöpft, gab sie zu. Die leeren Pritschen sind jedoch keineswegs im Strafvollzug zu finden, hier gebe es eine „Vollbelegung”. Die freien Betten gebe es im Bereich der Sicherungsverwahrten, die von den „normalen” Gefangenen getrennt untergebracht werden müssen, um so mehr nach den neuerlichen höchstrichterlichen Bestimmungen durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und dem entsprechenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das ultimativ eine völlige Trennung von Häftlingen und Sicherungsverwahrten spätestens bis Mitte 2013 einfordert.

Arbeit macht das Verfassungsgericht der JVA auch an einer weiteren Stelle. So hat die angeordnete Überprüfung der sogenannten Altfälle in der Sicherungsverwahrung und deren teilweise Freilassung die Anstaltsverantwortlichen im letzten Jahr massiv in Anspruch genommen. 2011 wurden von 15 Überprüften sieben freigelassen, drei davon zogen in besonders betreute Einrichtungen in der Aachener Region um.

Die für diese Klientel verantwortliche Abteilungsleiterin Monika Isselhorst berichtete von einer guten Zusammenarbeit mit den umliegenden Sozialbehörden, der Polizei und den Richtern, das Verfahren sei allenthalben vorbildlich gewesen. Die jetzt geknüpften Informations- und Entscheidungswege seien außerdem gleichermaßen nützlich für die Nachbetreuung der Gefangenen, die sich jetzt oft nach jahrzehntelangen Haftzeiten wieder in Freiheit behaupten müssen. Die komplette Abteilung der Sicherungsverwahrten, die heute noch 54 Personen umfasst, soll bis Mitte 2013 fortbestehen. Dann soll es eine zentrale Einrichtung im ostwestfälischen Werl geben.

Heute ist man in der JVA froh, zwei neue Kräfte für den pädagogischen und zwei für den sozialpsychologischen Dienst begrüßen zu können. Die nach dem Resozialisierungspostulat des Gesetzgebers nötige Vorbereitung der Häftlinge auf die Zeit nach der Haft binde eine große Zahl von Kräften, meinte Blikslager. Die Anzahl der Ausführungen - darunter auch Vorführungen bei Gericht oder bei Ärzten etwa - erreichte letztes Jahr die stattliche Marke von 3000, Dazu kommen 159 Beurlaubungen und 433 Häftlinge hatten Ausgang.

Großen Wert legte der Vorsitzende des Anstaltsbeirates, Martin Künzer, auf die Bedeutung der sozialen Aktivitäten in der Haftanstalt. Der Beirat unterstütze dies neben seiner Aufgabe als unmittelbarem Ansprechpartner für Pro­bleme der Gefangenen energisch. Die JVA arbeitet eng mit dem Stadttheater wie freien Künstlern und Musikern zusammen. Im pädagogischen Zentrum der Anstalt finden regelmäßig Malkurse statt und der Sport ist neben der täglichen Arbeit ein zentraler Bereich der Resozialisierung. „Wir wollen nicht nur verwahren”, bekräftigte die Anstaltsleitung, das Angebot an Betreuung und Beschäftigung für die Gefangenen könne sich sehen lassen.
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