Köln - Nach dem Attentat hält Köln den Atem an

Nach dem Attentat hält Köln den Atem an

Von: red/dpa
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Ein starkes Zeichen: Nach dem Attentat in Köln stehen Bürger und Politiker aller Parteien gemeinsam auf dem Rathausplatz und bilden eine Menschenkette. Der SPD-Kandidat Jochen Ott (Foto oben, v. l.), steht neben FDP-Chef Christian Lindner, NRW Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und dem CDU-Landesvorsitzende Armin Laschet. Foto: dpa
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Kraft und Laschet zeigten sich tief ergriffen. Foto: dpa

Köln. Vor dem Wahllokal im Stadtteil Lindenthal stellt ein Mann kopfschüttelnd sein Fahrrad ab. „Nee, nee, erst mussten sie die OB-Wahl verschieben, und dann gibt es eine Messerattacke. Ich weiß nicht, was hier los ist“, sagt der Kölner.

Der blutige Angriff auf die parteilose Oberbürgermeister-Kandidatin Henriette Reker ist am Sonntag oft Gesprächsthema in den Wahllokalen, ganz Köln steht unter Schock. Seit der Tat vom Samstag liegt die 58-Jährige schwer verletzt in der Uniklinik.

Von den Plakaten in der Stadt lächelt Reker den Bürgern noch entgegen. An jeder Straßenecke hängen Wahlplakate mit dem Porträt der Sozialdezernentin und Kandidatin für das Oberbürgermeisteramt. Doch Reker konnte ihre Stimme am Sonntag nur am Krankenbett abgeben, nachdem ein 44-Jähriger sie mit einem Messer attackiert hatte.

Am Samstagmorgen hatte Reker noch einmal mit den Bürgern auf Tuchfühlung gehen wollen. Sie verteilte Rosen auf einem Marktplatz im gutbürgerlichen Stadtteil Braunsfeld. Plötzlich stach der 44-Jährigen aus Köln-Nippes zu. Dann rückten Polizei, Krankenwagen und ein großes Medienaufgebot an, es gab Absperrungen.

Ein 44-jähriger Mann läuft nach Augenzeugenberichten direkt auf Reker zu, spricht sie kurz an, stößt ihr dann ein Messer in den Hals. Tumulte, weitere Verletzte. Der Kölner CDU-Politiker Jürgen Strahl war am Tatort, er blieb unversehrt. Der Angreifer sei mit einer „bestimmt 30 Zentimeter langen Klinge“ auf Reker losgegangen, schildert Strahl. „Es kam zu einem Gerangel, er hat ein zweites Messer gezogen.“ Man habe den Täter abgedrängt, bis die Polizei kam.

Kölns CDU-Parteichef Bernd Petelkau, der den Messerangriff aus nächster Nähe miterlebte, ringt kreidebleich um Fassung: „Dass so etwas Schreckliches passieren kann, ist unerträglich. Wir gedenken aller Verletzten und hoffen auf ihre vollständige Genesung.“ Neben Reker sind eine Kölner CDU-Politikerin, eine FDP-Ratsfrau verwundet worden, zudem zwei weitere Personen, die sich am Wahlkampfstand aufhielten.

Der Mann soll nach dem Attentat gerufen haben: „Ich rette Messias. Das ist alles falsch, was hier läuft, ich befreie Euch von solchen Leuten.“ Und: „Ich musste es tun. Ich schütze Euch alle.“ Kurz nach der Messerattacke kommt der scheidende Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) an den Ort des Geschehens: „Niemand hätte geglaubt, dass einem so etwas hier im Wahlkampf widerfahren könnte“, sagt er. „Wir alle denken an Frau Reker. Wir hoffen, dass sie ihre Operation gut übersteht.“

Wenige Stunden nach dem Drama berichtet die Polizei, der Angreifer habe fremdenfeindliche Motive genannt. Reker ist als Sozialdezernentin mit der Unterbringung von Flüchtlingen befasst und betont stets, die Hilfesuchenden sollten als Chance begriffen und integriert werden.

Wählen? Jetzt erst recht!

Trotz der Bluttat und der Sorge um Reker und vier weitere Verletzte stellt die Stadtverwaltung schnell klar: In der viertgrößten deutschen Metropole wird am Sonntag ein neues Oberhaupt gewählt, es bleibt dabei. Eine Wahl würde nur abgesagt, wenn ein Kandidat stirbt. Rekers Zustand aber ist nach einer Operation stabil.

Am Abend demonstriert eine Menschenkette am Rathaus mit vielen Spitzenpolitikern. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), der FDP-Vorsitzende Christian Lindner, NRW-CDU-Chef Armin Laschet halten sich an den Händen und demonstrieren Solidarität. Neben Lindner steht Jochen Ott, der SPD-Kandidat für den Bürgermeisterposten. Er stellt, wie alle anderen Kandidaten, sofort den Wahlkampf ein. Die politischen Kontrahenten rücken zusammen in diesen Stunden. CDU, FDP und Grüne, die die Kandidatin Reker unterstützen, rufen die Wähler auf, nun erst recht ihre Stimme abzugeben – egal für wen.

„Wir stehen hier zusammen als Demokraten, um ein Zeichen zu setzen gegen diese verabscheuungswürdige Tat“, sagt Regierungschefin Kraft wenig später am Abend vor dem Rathaus. „Das ist ein Angriff auf uns alle.“ Die Gedanken seien bei den Verletzten und ihren Familien. Lindner betont, das Attentat sei auch ein „Einschüchterungsversuch“, den man sich nicht bieten lassen werde.

CDU-Bundesparteivize Laschet spricht von einem „Anschlag auf uns alle, die gesamte Demokratie“. Wer die Wahl gewinne, sei „zweitrangig“, meint er. Der Politikwissenschaftler Ulrich von Alemann erwartet einen „tragischen Bonus für Reker“.

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