Köln/Münster - Nach Archiv-Einsturz: „Arbeit für eine Generation Restauratoren”

Nach Archiv-Einsturz: „Arbeit für eine Generation Restauratoren”

Von: Gerd Korinthenberg, dpa
Letzte Aktualisierung:
Köln / Stadtarchiv / Einsturz
Nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs wird es nach Schätzungen von Experten rund 30 Jahre dauern, um die beschädigten Dokumente zu restaurieren und neu zu erfassen.

Köln/Münster. Die Rettung bedeutender Dokumente aus Kölns zusammengestürztem Stadtarchiv hat zwar bereits am Morgen nach der Zerstörung des Gebäudes begonnen, dennoch wird die Katastrophe über Jahrzehnte die Experten beschäftigen.

„Für das deutsche Archivwesen ist das ein Super-Gau”, sagte der Leiter des Archivamtes für Westfalen in Münster, Marcus Stumpf. Sein Haus hatte schon bei der Rettung verbrannter Bücher aus der Weimarer Anna Amalia Bibliothek und beschädigter Dokumente beim „Jahrhunderthochwasser” in Sachsen und Polen mitgeholfen.

Die komplizierte und langwierige Restaurierung solcher Mengen Archivalien aus Papier oder mittelalterlichem Pergament sei überaus kostspielig, sagt der Experte: „20 Millionen Euro sind da schnell überschritten, das lehrt uns "Anna Amalia".” Und Archive seien „in der Regel nicht versichert, weil die Dinge nicht wiederbeschafft werden können”, erklärt der Archivamts-Leiter des Landschaftsverbandes Westfalen Lippe: „Der Schaden ist unermesslich.”

Ausgeklügelte Notfallpläne existierten zwar allerorten für den Fall von Feuer, Diebstahl oder Vandalismus, schildern die Fachleute. Aber mit einer solchen Katastrophe wie in Köln habe niemand jemals gerechnet.

Mit bis zu 30 Jahren für die Wiederherstellung der Dokumente rechnet Volker Hingst, Leiter der Papierrestaurierung im Restaurierungszentrum Brauweiler vor den Toren Kölns. „Eine ganze Generation von Papierrestauratoren wird sich damit beschäftigen müssen”, schätzt der Fachmann des rheinischen Landschaftsverbandes.

Er befürchtet, dass viel Unwiederbringliches - ähnlich wie beim Attentat auf die New Yorker Türme - von den Schuttmassen „komplett zermahlen” worden ist. Zufällig seien aber in Köln seit Jahren besonders stabile Archiv-Kartons im Einsatz, die nirgendwo anders benutzt werden, schildert Hingst eine geringe Rettungschance.

Und glücklichweise würden gerade die besonders wertvollen und einmaligen mittelalterlichen Pergamente, die andernorts vielfach original gefaltet bewahrt werden, in ihren Kölner Behältnissen „durchweg plan gelagert”, weiß der Sprecher des NRW-Landesarchivs in Düsseldorf, Andreas Pilger. Damit erhöhe sich die Chance für deren Erhalt, die allerdings längst nicht so günstig sei wie bei kompakten Akten-Stapeln.

Doch nicht nur die Gewalt der Schuttmassen, Schmutz und Wasser bedrohen die wertvollen Archivalien: Feuchtigkeit lasse rasch zerstörerischen Schimmel wuchern, der die Kostbarkeiten als Nährboden nutzt. Deswegen, darin sind sich alle Experten einig, müssten die feuchten Dokumente schnell schockgefroren und dann später fachkundig behandelt werden. Zwar sei gerade NRW mit Fachleuten, Labors und Spezialwerkstätten für Archiv-Notfälle gut ausgestattet, aber möglicherweise sei auf längere Sicht auch europäische Hilfe nötig.

Mit der zeitraubenden Restaurierung ist die Kultur-Katastrophe von Köln jedoch längst nicht ausgestanden, erinnert Archiv-Experte Pilger. Selbst wenn die Dokumente gerettet sind, müssen sie neu den Beständen zugeordnet werden, damit das Archiv überhaupt wieder wissenschaftlich genutzt werden kann. Auch das dauert noch einmal viele, viele Jahre.

24 Stunden nach dem Start der 1. Bürgerinitiative zur Rettung des Kölner Stadtarchivs hatten am Donnerstag 400 Menschen ihre tatkräftige Hilfe angeboten. Sie sind bereit, aus dem Schutt Dokumente zu sortieren, berichtete der Initiator Mike Gahn. Im Moment sei diese Hilfe aber noch nicht gefragt. Andere Arbeiten stünden im Vordergrund. „Prinzipiell ist die Stadt aber nicht abgeneigt, die Hilfe in Anspruch zu nehmen”, sagte Gahn. Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen hätten auf der seit einem Tag geschalteten Internetseite ihre Hilfe angeboten, darunter Wissenschaftler, Katastrophenhelfer, Mütter und auch Arbeitslose sagte Gahn. Er riet aber dringend davon ab, auf eigene Faust zur Unglücksstelle zu gehen.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert