Mussinghoff: „Wir widersprechen auf das Schärfste”

Von: Ralph Allgaier
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Bischof Heinrich Mussinghoff
Bischof Heinrich Mussinghoff lässt prüfen, inwiefern zentrale Trägereinheiten für Kitas dem Bistum eine finanzielle und personelle Entlastung bringen könnten. Foto: Wolfgang Plitzner

Aachen. Die ständige Präsenz in den Medien ist nicht sein Stil. In manchen Fragen hält sich der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff mit öffentlichen Stellungnahmen bewusst zurück. Wie auch jüngst, als der Herzogenrather Pfarrer Guido Rodheudt erklärte, dass er jedes Vertrauen in das Bistumsoberhaupt verloren habe und in Zusammenhang mit Gemeindefusionen von „totalitärer Gleichschaltung” im Generalvikariat sprach.

„Ich meine nicht, dass es meine Aufgabe ist, öffentlich etwas dagegenzusetzen”, sagte Mussinghoff am Freitag bei einem Besuch der Zentralredaktion unserer Zeitung. Die Bistumsleitung bleibe mit Rodheudt im Gespräch, und es sei eindeutig, dass er mit seinen Ansichten keine Zustimmung bei der Mehrheit der Priester und pastoralen Mitarbeiter finden werde. Punkt. Kein weiterer Kommentar.

In bestimmten Fällen sucht Mussinghoff dagegen ohne Zögern die Öffentlichkeit und spricht Klartext: Als erster Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz reagierte er auf die Rücknahme der Exkommunikation von vier Bischöfen der Piusbruderschaft durch Papst Benedikt XVI. Es gebe die „deutliche und große Erwartung und dringende Bitte, die Bischöfe auf das Zweite Vatikanische Konzil zu verpflichten”, erklärte der Aachener Oberhirte und ergänzte: „Wir widersprechen auf das Schärfste” der Leugnung des Holocausts durch den der Piusbruderschaft angehörenden Bischof Richard Williamson.

Weite Zustimmung habe er für diesen Schritt erhalten, sagt Mussinghoff, doch auch - und das mag manchen überraschen - „scharfe Ablehnung”. Es existiere unter den Katholiken eben „ein gewisser Prozentsatz an Gläubigen, der den alten Dingen nachhängt. Und es gibt bei uns immer noch einen Bodensatz an Antisemitismus („Die Juden haben Jesus doch gekreuzigt”), der nicht ausgerottet worden ist”, bedauerte der Bischof.

Die Exkommunikation der Pius-Brüder sei vom Papst zweifellos als großzügige Geste gedacht gewesen, um einen Dialog wieder aufzugreifen, der 1988 zwischen dem Vatikan und den Anhängern des rechtskonservativen Bischofs Marcel Lefebvre abgebrochen worden war. Es sei auch Aufgabe von Benedikt XVI., für die Einheit der Kirche zu sorgen. „Ob man aber so weit gehen sollte, wie er es vorauseilend getan hat, ist eine andere Frage. Vor allem, wenn sich herausstellt, dass die Vorbereitung dieser Aktion durch die dafür zuständige Kommission des Vatikans ungenügend war.”

Das Dekret über die Aufhebung der Exkommunikation sei just an jenem Tag ausgefertigt worden, an dem Williamson abends im schwedischen Fernsehen den Holocaust leugnete. „Insofern konnten das der Papst und die zuständigen Experten in Rom vor Veröffentlichung des Dekrets nicht wissen.” Doch von Williamson seien schon seit Jahren antisemitische Äußerungen bekannt gewesen. „Diese Erkenntnis hätte mich jedenfalls sehr vorsichtig gemacht.”

Mussinghoff, der in der Deutschen Bischofskonferenz für die religiösen Beziehungen zum Judentum zuständig ist, zeigte sich erleichtert, dass sich die Aufregung innerhalb der jüdischen Glaubensgemeinschaft über die Exkommunikation der vier Bischöfe mittlerweile gelegt habe. Dies vor allem deshalb, weil der Papst „sehr eindeutig erklärt hat, dass, wer den Holocaust leugnet, nicht Bischof sein kann. Und er hat festgestellt, dass die Dekrete des Zweiten Vatikanischen Konzils insbesondere über die Religionsfreiheit und das Verhältnis zu den christlichen Religionen („Nostra aetate”) zur Gänze anerkannt werden müssen.”

Entscheidungen des Vatikans wie die Wiederzulassung der tridentinischen Messe, die Karfreitagsfürbitte für die Bekehrung der Juden und nun die Exkommunikation der Lefebvre-Anhänger seien etwas, „was Juden verunsichern muss”. Daher sei es umso bedeutender, klarzustellen, dass es kein Zurück hinter die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils geben dürfe. Mussinghoff nahm den Papst gegen ungerechtfertigte Kritik in Schutz. Es sei etwa kaum wahrgenommen worden, „dass diese vier sogenannten Bischöfe der Pius-Bruderschaft nie ein Amt in der katholischen Kirche wahrgenommen haben. Und sie bleiben auch weiter suspendiert.”

Mit Freude im Amt

Der Aachener Bischof wies auch die Einmischung von Kanzlerin Angela Merkel zurück: „Ich glaube nicht, dass eine Bundeskanzlerin sich zu einer solchen Frage öffentlich äußern sollte, weil dann der Eindruck erweckt wird, sie greife in innerkirchliche Angelegenheiten ein.” Man könne den Kontakt zum Papst auch über diskretere Kanäle suchen.

Mussinghoffs Amtszeit ist geprägt von Sparzwang, notwendigen Reformen und belastenden Konflikten. Die Freude an seiner Aufgabe ist ihm trotzdem nicht verloren gegangen. „Ich würde auf jeden Fall wieder diesen Beruf ergreifen”, sagte der Bischof. „Es ist schön, für Menschen da zu sein und den Glauben zu verkünden.” Er spüre, dass das Bedürfnis nach Sinn und festen Werten in unserer Gesellschaft sehr stark sei. Mussinghoff erinnerte an den Philosophen Jürgen Habermas, der sich ausdrücklich für die Einbeziehung von Kirchen und Religionsgemeinschaften in den öffentlichen Diskurs ausgesprochen habe, weil diese Wertebewusstsein und Lebenswissen aufbewahren, das sonst nicht zur Verfügung steht”. In der intellektuellen Diskussion gebe es von ganz unerwarteter Seite Zeichen dafür, dass die Religiosität wichtig sei.
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