Mussinghoff: „Es gibt diesen Bodensatz”

Von: Axel Borrenkott
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Bischof Heinrich Mussinghoff. Foto: Wolfgang Plitzner

Aachen. Es sei immer noch „eine schöne Bereicherung, für die Menschen dazusein”, bekennt Bischof Heinrich Mussinghoff zum Ende des Gesprächs auf die Frage, ob er seinen Beruf denn noch einmal wählen würde. Man möchte es ihm glauben, man darf es ihm auch glauben, doch man sorgt sich nicht nur seiner höflich unterdrückten schweren Erkältung wegen, wann der 68-Jährige denn noch dazu kommt, „für die Menschen dazusein”.

Die umstrittene Fusionierung der Gemeinden im Bistum ist seit Jahren nicht zuletzt persönliche Schwerarbeit für den Bischof. Und nun, seit Ende Januar, das Zusammenkehren der Scherben, die das Debakel um den Holocaust-Leugner angerichtet hat.

Der Aachener Oberhirte führt dabei auch selbst den Besen. Mussinghoff sitzt jener Kommission der Deutschen Bischofskonferenz vor, die sich um den Dialog mit „dem Judentum” kümmert. „Frau Knobloch hat uns sehr freundlich empfangen”, freut sich Mussinghoff, dass es die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, über die vatikanischen Ungeschicklichkeiten nicht zum Bruch kommen lassen will.

Dass auch einige seiner Schäfchen tief im Sumpf des Antisemitismus stecken, weiß Mussinghoff nur zu gut. „Die haben doch Jesus gekreuzigt” - bis auf „dieses Niveau” hinunter musste Mussinghoff Schmähungen nach seiner prompten persönlichen Erklärung und der der Deutschen Bischofskonferenz zu den römischen Vorgängen einstecken.

Mussinghoff hatte Ende Januar vom „übergroßen Entgegenkommen des Papstes” gegenüber der Piusbruderschaft gesprochen. Im Gespräch in unserer Zeitung stellte er am Freitag deutlich klar, dass die reaktionären, antisemitischen Haltungen „von der Piusbruderschaft und auch von anderen Kreisen” in der katholischen Kirche befördert werden. „Es gibt diesen Bodensatz.” Um so mehr nutzt Mussinghoff jede Gelegenheit, den christlich-jüdischen Dialog noch weiter zu vertiefen. Die nächste steht vor der Tür: Am Sonntag beginnt die Woche der Brüderlichkeit.

Das vom Vatikan angerichtete Debakel („Man hätte wissen können, wie Williamson denkt”) habe denn am Ende auch zu einer „guten Erfahrung” geführt. Rom habe nun ein für allemal erklärt, dass für Holocaust-Leugner absolut kein Platz in der katholischen Kirche sei, und dass die Dekrete des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht hintergehbar seien.

Eben das war und ist ja einer der heftigsten Kritiken, die dem Papst von katholischen Priestern, den Gläubigen und aus etlichen theologischen Fakultäten entgegenschallt. „Das Vatikanische Konzil muss zur Gänze anerkennen”, wer zur katholischen Gemeinschaft gehört, sagt Heinrich Mussinghoff, als ob er über diese endgültige Klarstellung gar nicht so unfroh wäre.

So sehr er aber noch damit zu schaffen hat, dass die „als großzügige Geste des Papstes gedachte” Aufhebung der Exkommunikation solch eine fatale Wirkung und auch kaum erklärbare Missverständnisse zur Folge hatte, so unmissverständlich weist Mussinghoff nach wie vor die Art zurück, in der Angela Merkel Benedikt XVI. quasi öffentlich zur Rede gestellt hatte. Ausgerechnet auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem diktatorischen Präsidenten Kasachstans, Nursultan Nasarbajew, hatte die Kanzlerin am 4. Februar in Berlin gesagt, dass die Klarstellungen zur Ablehnung der Holocaust-Leugnung sowie eines positiven Umgangs mit dem Judentum seitens des Papstes und des Vatikans „noch nicht ausreichend erfolgt” seien.

Dazu Mussinghoff: „Ich glaube nicht, dass sich eine Bundeskanzlerin in solchen Fragen öffentlich äußern und versuchen sollte, in innerkirchliche Dinge einzugreifen. Es ist auch schon komisch, dass sie dazu die Gelegenheit eines Auftritts mit diesem Besucher nutzte.” Frau Merkel, so Mussinghoff weiter, „hätte ja mit dem Papst telefonieren können”. Was sie dann ja auch getan hat.

Bei allem Ärger, den der Aachener Bischof und Vizevorsitzende der Bischofskonferenz hat und noch weiter schlichten muss, einen bleibenden Schaden infolge dieser Turbulenzen - die jenseits der deutschsprachigen Länder auch weit weniger vehement waren - sieht Heinrich Mussinghoff offenbar nicht.

Die Kirche und die Werte, die sie vertrete, werden gebraucht. Mehr denn je müsse sie ihre Stimme erheben, gerade in sozialen Fragen. „Ich glaube, dass die Kirche eine große Chance hat.” Wie diese Stimme aufgenommen werde, in der Politik etwa, sei allerdings eine andere Frage.
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