Musikgeschichte für die Augen: Stefan Thull sammelt Plattencover

Von: Andrea Zuleger
Letzte Aktualisierung:
13696888.jpg
FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 12.12.2016 Cover-Sammlung von Stefan Thull
13780642.jpg
Roy Lichtenstein, Frolic, 1977 „Newport Classic 1991-1994“ Set von neun CDs mit verschiedenen Interpreten, unter anderem John Cage, Lou Harrison und Henry Brant. Über zwei Jahre dauerte die Suche nach dem kompletten Satz.
13792808.jpg
Alex Steinweiss, ca. 1938/39 Rodgers & Hart: „Smash Song Hits By Rodgers & Hart“, 1940 Dieses Album gilt als das erste mit gestaltetem Cover überhaupt.
13780659.jpg
Keith Haring Larry Levan: „The Final Nights Of Paradise“, 2009 Nummer zwei von fünf: Dieses Cover ist in fünf verschieden Farben gedruckt worden.
13651578.jpg
Gottfried Helnwein Scorpions: „Blackout“, 1982 Der österreichische Grafiker und Fotograf Helnwein gestaltete mehrere Plattencover.
13696918.jpg
Banksy, Kate Moss 2005 Dirty Funker: „Let’s Get Dirty“, 2006 Diese Platte gibt es auch ohne Balken und ist sehr gesucht.
13780664.jpg
Jim Rakete, Nina Hagen „Nina Hagen Band“, 1978 Jim Rakete schuf weit über 150 Plattencover.

Region. Ob das Versprechen eingelöst wird, das das Cover weckt, kann Stefan Thull nicht wirklich beurteilen. Der Sammler ist ein Augenmensch, kein Ohrenmensch. Seine Begeisterung gilt der Verpackung, nicht dem Innenleben.

Rund 3000 Langspielplatten stehen sortiert in Regalen in seinem Wohnzimmer und dem Arbeitszimmer in Hürth. Unwillkürlich sucht der Besucher den dazugehörigen Plattenspieler. Vergebens. Bestimmt versteckt er sich in einem eigenen Musikzimmer – oder doch wenigstens im Schrank.

„Ich habe überhaupt keinen Plattenspieler“, gesteht der gebürtige Aachener schließlich. Tatsächlich hat der Plattensammler kaum eine seiner Platten je gehört. Warum er trotzdem ständig auf der Jagd nach Musikträgern ist? „Ich bin eigentlich Kunstsammler. Über meine Fotosammlung und einen Bekannten, der Musikcover sammelte, bin ich darauf gekommen, dass die Werke berühmter Fotografen und Künstler auch oft für Cover genutzt wurden. Das hat mich fasziniert“, sagt Stefan Thull.

Vor rund fünf Jahren hat er angefangen zu recherchieren. Im Internet suchte er Künstler, Geschichten, Grafiker und Fotografen, die etwas mit Plattencovern zu tun hatten. Die eigene Kunstform des Covers, das Zusammenspiel von Alltagsgegenstand und Kunst, haben ihn seither nicht mehr losgelassen.

Magnum-Fotografen

Dann begann er zu kaufen. Zunächst Cover von Fotografen, die er schon kannte, wie Richard Avedon, Norman Seeff, Brian Griffin, Bernd und Hilla Becher oder Irving Penn, aber auch die Motive von bekannten Magnum-Fotografen wie Martin Parr, Elliott Erwitt, René Burri oder Bruno Barbey. Je tiefer er in die Geschichte des Covers abtauchte, desto mehr große Namen von bildenden Künstlern offenbarten sich ihm auch. „Viele berühmte Leute haben in ihren Anfangsjahren Cover gestaltet, manchmal auch, um Geld zu verdienen“, erzählt Stefan Thull.

Darunter sind Größen wie Andy Warhol, A.R. Penck oder Keith Haring. Und gerade, wenn ein Künstler bereits bekannt ist, lenkt seine Berühmtheit die Blickrichtung auch auf die Musiker. So gibt es eine Serie aus neun CDs völlig unterschiedlicher Musiker, die alle einen Ausschnitt eines Roy Lichtenstein-Gemäldes als Cover zeigen. Alle neun zusammen ergeben schließlich das komplette Bild. Versteht sich von selbst, dass Stefan Thull keine Ruhe hatte, bis er alle neun hatte: „Es gibt nicht viele, die alle haben.“

Solche Raritäten erfreuen Thulls Sammlerherz: Allein die Namen der Musiker herauszubekommen, war lange Recherchearbeit. Denn anders als bei Kunstsammlungen findet sich die Kunst auf dem Cover eher durch Zufall, da es ja in erster Linie um Musik geht und die gestaltenden Künstler oder Grafiker nicht unbedingt mit Namen auf dem Cover erwähnt werden.

Ab und zu stöbert er auch noch mal auf dem Flohmarkt, aber wesentlich effizienter sei die Suche im Netz. So wie es für antiquarische Bücher Online-Börsen gibt, so gibt es sie auch für Platten- und CD-Cover. „Inzwischen kenne ich viele Sammler und Händler persönlich. Man kann sich dann auch schon mal gegenseitig helfen oder etwas tauschen“, erzählt Thull.

Das älteste Cover

In den vergangenen fünf Jahren ist so eine beachtliche Sammlung zustande gekommen. Das älteste bekannte Plattencover der Welt vom amerikanischen Grafikers Alex Steinweiss ist darunter. Es beinhaltet vier Schellackplatten. „Seit Erscheinen von gestalteten Covern schnellte der Umsatz um das Hundertfache in die Höhe“, erzählt Thull. Oder ein Cover, auf dem eines der bekannten Gemälde („Kerze“; 1982) von Gerhard Richter zu sehen ist.

Dann stehen die abgedrehten Cover des gefragten Aachener Künstlers Tim Berresheim in den Regalen und natürlich Cover, die jedem Musikinteressierten im Kopf sind: die Beatles-Platte „Revolver“ von 1966, die der Berliner Grafiker und Musiker Klaus Voormann gestaltete, die Nina-Hagen-Platte mit einem Foto von Jim Rakete oder aber das eindrucksvolle Miles-Davis-Porträt, das Irving Penn für die Platte „Tutu“ fotografiert hat Aber auch die beiden ersten Singles von Reinhard Mey von 1966. An ihnen hängt Stefan Thull besonders: „Seine Musik und seine Texte haben mich ein Leben lang begleitet.“ Raritäten gehören auch zu seiner Sammlung: Cover, die nur in ganz kleiner Stückzahl gedruckt wurden, oder „Bootlegs“, inoffizielle Pressungen.

Thull besitzt auch Platten, die nie im Handel zu kaufen waren: Einen besonderen Seltenheitswert hat eine Single, die Gloria von Thurn und Taxis als Geburtstagseinladung 1989 an prominente Gäste verschickt hat. Der Pop-Art-Künstler Keith Haring hat als persönlicher Freund der Gräfin das Cover gestaltet. Solche und ähnliche Stücke möchte er irgendwann mal in einer Ausstellung zeigen. Musikgeschichte für die Augen sozusagen.

Seine besonderen Schätze gibt es natürlich nicht umsonst. Was der Sammler im Einzelnen dafür ausgegeben hat, will er aber nicht verraten: „Es gibt Cover in meiner Sammlung, die kosten einen vierstelligen Betrag. Manchmal ergeben sich aber auch gute Gelegenheiten. Für viele Cover habe ich nur ein paar Euro bezahlt“, so Thull.

Im Aufstöbern von guten Gelegenheiten ist Stefan Thull Profi: Besonders stolz ist er, dass 80 Prozent seiner Cover von den Fotografen und Künstlern signiert sind: „Cover sammeln viele. Aber meine haben die Künstler noch mal in der Hand gehalten und mir manchmal eine Anekdote dazu erzählt.“ Oder er verschafft ihnen das eine oder andere Album, wie im Falle von Klaus Voormann, dem er vier Motive seiner „Pioneers of Jazz“-Reihe besorgte: „Er war total überrascht, dass ich die 20 Cover seiner Jazz-Serie aus den 60ern komplett hatte“, erzählt Thull.

Eine letzte Frage: „Gibt es noch ein besonderes Zukunftsprojekt mit den Covern?“ „Oh ja“, antwortet Thull, ohne lange zu überlegen, „von dem amerikanischen Künstler Raymond Pettibon besitze ich alle Cover. Mit seiner New Yorker Galerie möchte ich ein Buch darüber machen. Erste erfolgversprechende Gespräche gab es schon.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert