Musik ist sein Leben: Nicht verbissen, sondern locker-sportlich

Von: Jenny Schmetz
Letzte Aktualisierung:
11645348.jpg
Redet auch gerne über Musik: Der Pianist Fabian Müller hat keine Angst vor Publikum. „Mein Vater war ja Pfarrer!“ Foto: Thomas Brill

Köln/Aachen. Wenn sich Fabian Müllers Freundin beschwert: „Du kratzt!“, dann ist nicht sein Bart schuld. Auf der blassen Haut des 25-Jährigen ist kein Stoppel zu erkennen. Nein, schuld sind seine Finger. Auf deren Kuppen wächst Hornhaut, die sich gerne schon mal pellt.

„Handwerkerhände“, sagt Fabian Müller. Und ein Großteil seiner Arbeit ist auch Handwerk, meint der Pianist, der täglich sechs bis sieben Stunden übt – wenn er nicht gerade zu Konzerten tourt oder seine Steuererklärung schreibt.

Der Bonner ist noch Student, aber er kann schon vom Klavierspielen leben, sagt er. In die Kölner Musikhochschule rauscht er mit Rucksack, Kapuzenjacke, Turnschuhen und Kopfhörern auf den Ohren. Nicht irgendwelchen, sondern „supercoolen mit Noise Reduction“, erklärt er. Außengeräusche nimmt er dann fast gar nicht mehr wahr. Wichtig, denn eines seiner großen Hobbys ist Spazieren oder Wandern – und dabei Musik zu hören. Jetzt Ligetis Horntrio. „Nicht gerade Mainstream“, sagt Müller und lacht. Aber auf seinem I-Pod findet man ebenso die Band The Prodigy neben Popsänger Justin Timberlake oder dem Jazz-Pianisten Oscar Peterson. Vielleicht schon ein Hinweis: Müller geht gerne neben den ausgetretenen Pfaden, aber scheut auch nicht die Hauptstraßen.

In die Musikhochschule spazierte er schon mit 15 als „Jungstudent“ des französischen Weltklasse-Pianisten Pierre-Laurent Aimard. Nun baut er seinen Master of Music, während er Applaus erntet, ob im Concertgebouw Amsterdam oder Gasteig München, beim Klavier-Festival Ruhr oder Heidelberger Frühling. Wer in Beethovens Geburtsstadt in der Brahmsstraße unweit des Schumannhauses aufwächst, muss ja eigentlich Klassik-Liebhaber werden.

Noch prägender war aber wohl Müllers Zuhause: ein „traditionelles Pfarrhaus“, der Vater Pfarrer und Leiter des Gemeindechors und -orchesters, die Mutter Lehrerin und Klavierspielerin, dazu vier ältere Schwestern an Instrumenten. Klar, dass da Hausmusik ertönt – nicht nur unterm Weihnachtsbaum. Mit vier Jahren hat der hochbegabte Fabian schon regelmäßig in die Tasten gegriffen.

Das große deutsche Repertoire sieht er mittlerweile als einen seiner Schwerpunkte – vor allem Beethoven. Nicht etwa, weil er Bonner war („Von mir aus hätte Beethoven auch in China geboren sein können!“), sondern weil er „geniale, tief berührende Musik“ komponierte. Einfluss hatte da sicherlich auch sein Lehrer Aimard, der sich aber ebenfalls mit Interpretationen von Werken des 20. und 21. Jahrhunderts einen Namen gemacht hat. Mit György Ligeti etwa hat er noch persönlich gearbeitet – und dessen Gesamtwerk eingespielt.

Diese Mischung prägt auch Müllers erste CD: „Out of Doors“ versammelt Stücke von Bartók, Ravel, Messiaen und Beethoven, die alle im Freien spielen. „Das ist nicht reine 08/15-Schönwettermusik“, sagt der junge Pianist. Ob er damit eine Nische im umkämpften Klassikmarkt erobert? „Ach“, seufzt Müller und zuckt mit den Schultern. „Es ist doch wichtig, seinem Herzen zu folgen.“ Er weiß, dass das „ein bisschen pathetisch“ klingt. Sonst neigt der 25-Jährige eher zur nüchternen Analyse. „Nach dem Musikstudium ist man ja meistens arbeitslos“, sagt er etwa und schiebt ein Lachen hinterher. Es gebe eine breite Masse sehr guter Musiker – vor allem aus Asien und Osteuropa, dennoch arbeite er optimistisch an seiner Solo-Karriere.

„Sehr gute Chancen“ räumt ihm Andreas Frölich ein, der Fabians Werdegang bereits seit seiner Kindheit verfolgt. „Er verbindet Emotion und Intellekt“, meint der Aachener Professor. Und wenn es nicht klappe, „in diese Maschinerie hineinzukommen“, sagt Müller, dann sei das auch nicht so tragisch. Das wirkt nicht verbissen, sondern locker-sportlich. Vor dem Auftritt beruhigt sich der schmale Mann mit einer Mischung aus autogenem Training und Yoga.

Auf dem Podium mag er es dann „nicht virtuos“, „nicht nur schnell und laut“. Er will menschliche Empfindungen zum Ausdruck bringen, keine Zirkusnummern an den Tasten turnen. Auch dass die meisten gehypten Jungstars sich wie Models aufhübschen, interessiert ihn weniger. Als ihn eine WDR-Moderatorin kürzlich mit den Worten „rank und schlank, sehr gut aussehend“ ankündigte, musste er laut lachen. „Viel wichtiger ist doch die Ausstrahlung!“

Und ist auf dem Weg nach oben sein Allerweltsname hinderlich? „Ich freue mich, dass ich einen Namensbruder habe, der meinen zweiten Traumberuf ausübt.“ Damit meint er nicht den Schweizer Komponisten, sondern den Profi-Fußballer Fabian Müller (Dynamo Dresden). Er selbst war für eine Karriere auf dem Rasen „nicht athletisch und gut genug“, aber für den FV Bonn-Endenich 08 reichte es. Längst hat er aber aus Vorsicht aufgehört zu kicken. Zu gefährlich für die kostbaren Finger. Aufgegeben hat er daher auch Tischtennis, Basketball, Volleyball, Fechten, Inliner- und Snowboardfahren. Nur im Fitnessstudio sei das Verletzungsrisiko akzeptabel.

Eine Berufsunfähigkeitsversicherung muss er aber unbedingt noch abschließen. Das hat er im Kurs „Selbstmanagement“ beim Aachener Pianisten und Dozenten Michael Rische gelernt. Da ist ihm auch klar geworden: „Mein Beruf besteht zu 50 Prozent aus dem Instrument und zu 50 Prozent aus Vermarktung.“ Rische hat ihn auch zum Auftritt bei „Aix Piano“ (siehe Kasten) eingeladen. In Aachen ist Müller kein Unbekannter, da hat er bereits 2011 den Prix Amadéo erhalten, einen seiner vielen Preise.

Lieber als Vermarktung ist ihm die Vermittlung seiner Musik – vor allem an junge Menschen. So will er auch in diesem Sommer wieder beim Klavier-Festival Ruhr mit einem inklusiven Projekt Duisburger Schüler zum Tanzen bringen. Der „leidenschaftliche Kämpfer für klassische Musik“ hat „kein Pro-blem, vor Leuten zu reden“. Denn: „Mein Vater war ja Pfarrer!“ Für sein Konzert in Aachen hat Fabian Müller aber nur einen kurzen Begleittext geschrieben. Da will er den Mund halten. Warum? „Das Programm ist so schwierig, da muss ich mich auf meine Finger konzentrieren.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert