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Multikultikarneval: Jecke aller Länder vereint

Von: Susanne Schramm
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Schlagkräftige Verstärkung: Alice Eßer (links) war schon als Achtjährige im Aachener Kinderkarneval aktiv und steht im Bürgerhaus Stollwerck unter anderem als Boxerin „Barbie Liberty“ auf der Bühne. Foto: Jassin Göllmann
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Ist seit der ersten Sitzung im Jahr 2010 mit von der Partie: Selda Akhan-Selbach, Mitbegründerin der Immi-Sitzung. Foto: Jassin Göllmann

Köln. Adolf Hitler hat schlechte Laune. Schon im letzten Jahr hat das mit der Einbürgerung nicht geklappt. Und nun kommt er, gespielt von Senol Arslan-Svejnoha, noch nicht mal mehr im Programm vor. Kurzerhand mogelt er sich auf die Bühne, um mit „Da Da Da“, dem Neue-Deutsche-Welle-Hit der Gruppe Trio zu punkten.

Aber plötzlich sieht er sich von vier Frauen und drei Männern umzingelt, die Papierschiffchen tragen und Klamotten, die so aussehen, als wären sie aus sämtlichen Flaggen dieser Welt geschneidert, die ein komisches Lied anstimmen, dabei tanzen wie losgelassen – und ihn einfach von der Bühne drängeln. Das komische Lied heißt „Jede jeck is von woanders“ und ist der Motto-Song der multikulturellen Immi-Sitzung, die es in Köln seit fünf Jahren gibt.

In dieser Saison stemmen 64 Mitwirkende aus zwölf Nationen bereits 19 Termine. In der rheinischen Karnevalshochburg, wo vor 30 Jahren ein Trupp Studenten, darunter ein gewisser Jürgen Becker, antrat, den traditionellen Saalkarneval mit der Stunksitzung aufzumischen, ist eine derartige Bilanz schon ziemlich beachtlich. Zum Vergleich: im Jubiläumsjahr 2014 bringen es die „Stunker“ auf 49 Termine.

85 Tickets im Vorverkauf

„Als wir damals angefangen haben, hatten wir acht Vorstellungen. Und vor der ersten Sitzung waren gerade mal 85 Tickets weg gewesen“, erzählt die 45-jährige Selda Akhan-Selbach als eine Mitbegründerin der Immi-Sitzung. Doch nach der Premiere dauerte es nur Stunden: „Und alle Vorstellungen waren ausverkauft.“

Die „Immis“ trauen sich was. Das ist bis heute so. Was sie in zweieinhalb Stunden im Bürgerhaus Stollwerck in der Kölner Südstadt auf die Bühne bringen ist aktuell, politisch und oft auch rabenschwarz. Da wird nicht nur Hitler von der Bühne geschubst, sondern auch der Krieg in Syrien an Marionettenfäden ausgetragen, eine Hotline für Selbstmordattentäter eingerichtet und „Die Bademeisterin von Lampedusa“ (Myriam Chebabi) singt fröhlich: „Wir haben Angst vorm Schwarzen Mann – was ein Glück, dass er nicht schwimmen kann.“ Oder ein Pärchen bestellt sich – online – einen Ausländer, der in einer Kiste geliefert wird. Weil die Statistik besagt, dass Deutsche mit Freunden aus dem Ausland glücklicher sind.

Darf man das? „Wenn nicht wir, wer sonst“, sagt Zelda Akhin: „Das muss sein. Es gibt Grenzen – man darf niemand persönlich angreifen. Aber wenn man das gut dosiert, dann darf man über alles Witze machen.“ Aus den 15 Künstlern, die im Jahr 2010 antraten, eine Sitzung zu machen, „obwohl wir alle nicht aus Köln kamen“, ist inzwischen ein Kollektiv geworden, das Karneval auf seine ganz eigene Art feiert: „Integriert uns – und werdet so jeck wie wir.“

Eine Annäherung, die in zwei Richtungen funktioniert. Während Akhin, einst „türkisches Kofferkind“, seit vier Jahren im „Literarischen Komitee des Festkomitees Kölner Karneval von 1823 e.V.“ dazu beiträgt, dass kölsche Büttenredner eine gute Ausbildung erhalten, ist in dieser Session mit Alice Eßer (50) eine Frau dabei, die schon als Achtjährige im Aachener Kinderkarneval aktiv war: „Zusammen mit meinen Schwestern habe ich in der Kinder-Prinzengarde getanzt.“

Für die Sängerin und Schauspielerin, die man derzeit auf der Stollwerck-Bühne unter anderem als schlagkräftige, goldlockige Boxerin „Barbie Liberty“, als Kölsch-Logopädin oder als Girlgroup-Frontfrau erleben kann, liegt das Geheimnis der „Immis“ auf der Hand: „Da darf es auch mal was Böseres geben, etwas, das richtig unter die Haut geht und den Leuten den Spiegel vorhält. Und bei all dem merkt man, dass da sehr viel Herzblut drinsteckt.“ Das findet auch das Festkomitee Kölner Karneval. Und hat im vergangenen Jahr – als Gruß – eine Tanzgruppe entsendet.

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