Aachen - „Müssen Älteren die Angst vor Technik nehmen“

„Müssen Älteren die Angst vor Technik nehmen“

Von: André Schaefer
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Sieht die Technik als Chance für ein besseres Leben im Alter: Bundesministerin Johanna Wanka, die heute in Aachen zu Besuch ist. Foto: imago/Ipon

Aachen. In diesem Jahr fällt Johanna Wankas Urlaub etwas kürzer aus, die Bundesministerin für Bildung und Forschung befindet sich auf Sommerreise. Die CDU-Politikerin besucht in diesen Tagen zehn Forschungseinrichtungen und Projekte in Deutschland, die sich mit dem Thema „Leben im Alter“ beschäftigen. Heute ist sie zu Gast in Aachen, genauer gesagt bei der Forschungsinitiative „Jülich Aachen Research Alliance“, kurz JARA.

Dort arbeiten Forscher der RWTH und des Forschungszentrums Jülich daran, wie gesundes Altern mit den Funktionen des Gehirns zusammenhängt. Die Bundesministerin im Gespräch über die Sorgen der alternden Gesellschaft, nützliche Technologien für ein besseres Leben und die Rolle Aachens beim anvisierten Ziel, die deutsche Wissenschaftslandschaft in die Weltklasse zu befördern.

Frau Ministerin, zwei Wochen sind Sie derzeit unterwegs. Was ist Ihnen wichtig beim Thema „Leben im Alter“?

Wanka: Deutschland ist das Land des langen Lebens. Die Lebenserwartung ist heute um ein Vielfaches höher als bei früheren Generationen. Ein heute geborenes Mädchen wird bis zu 100 Jahre alt, das ist doch klasse. Aber gerade weil wir so eine hohe Lebenserwartung haben, ist es wichtig, auch im hohen Alter gesund zu sein, um ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu führen. Die Forschungseinrichtungen und Projekte, die ich derzeit besuche, befassen sich genau mit diesem Thema. Also: Was können Forschung und Wissenschaft tun, um dem Menschen ein gesünderes und leichteres Leben zu ermöglichen? Diese verschiedenen Forschungsansätze werden wir in den nächsten Tagen diskutieren.

Welchen Beitrag kann Forschung dabei denn leisten?

Wanka: Fakt ist, dass wir im Bereich der Medizin immer größere Fortschritte erzielen, um Volkskrankheiten wie Parkinson oder Demenz besser und gezielter zu behandeln. Aber wir können auch die immer bessere Technik nutzen, um Menschen im Alter selbstständiger zu machen. Es geht bei meiner Reise ja nicht nur um Forschungsprojekte, es geht auch um Themen wie Mobilität. Ein großes Thema ist sicher auch die Digitalisierung: Also welche technischen Hilfsmittel können einem Menschen das Leben im Alter erleichtern? Ich bin überzeugt davon, dass wir von all diesen Forschungsansätzen profitieren werden.

Wirkt diese fortschreitende Technik und deren Einfluss auf unser Leben nicht ein wenig beängstigend – gerade in Bezug auf ältere Menschen?

Wanka: Das ist mit Sicherheit so, keine Frage. Und das höre ich auch immer wieder heraus, wenn ich mich mit Menschen unterhalte. Die größte Sorge für ältere Menschen ist neben ihrer Gesundheit der Aspekt, mit der modernen Technik nicht zurechtzukommen. Viele haben Angst, von der fortschreitenden Technik abgehängt zu werden, sie nicht richtig durchschauen zu können. An diesem Punkt müssen wir ansetzen: Es muss unser Ziel sein, Technik weiterzuentwickeln, sie aber gleichzeitig auch verständlich und bürgerfreundlich zu machen – und zwar für jede Altersgruppe. Wir müssen Älteren die Angst vor der Technik nehmen.

Von welcher Technik reden wir konkret? Vom Roboter, der uns in unseren eigenen vier Wänden sämtliche Aufgaben abnimmt?

Wanka: Dank unseres technischen Fortschritts könnten durchaus solche Roboter entwickelt werden, die in der Praxis zum Einsatz kämen. Aber sind wir mal ehrlich: Wer von uns möchte in seiner Wohnung einen Roboter mit blinkenden Kulleraugen umherlaufen sehen? Als ich im vergangenen Mai zum G7-Treffen der Wissenschaftsminister nach Japan gereist bin, war ich erstaunt darüber, wie sich die Menschen in anderen Ländern ein Leben im Alter vorstellen. In Japan zum Beispiel wünscht sich der Großteil der Bevölkerung explizit, im Alter von Robotern gepflegt zu werden. Das hat auch immer etwas mit der Mentalität eines Landes zu tun. In Deutschland – und da spreche ich glaube ich für die überwiegende Mehrheit – möchte man so etwas nicht, das wird es bei uns auch nicht geben. Wir werden uns stattdessen auf andere Technologien fokussieren.

Auf welche?

Wanka: Nehmen wir das Beispiel Hörfähigkeit. Es ist einfach so, dass bei Menschen ab 65 Jahren die Hörfähigkeit leidet. In diesem Bereich wird intensiv geforscht. Ziel ist es dabei, Menschen zum Beispiel trotzdem Musikgenuss zu ermöglichen und die schwächer werdende Hörfähigkeit zu kompensieren. Ein anderes Themenfeld ist die Telemedizin. In vielen ländlichen Regionen gibt es immer weniger Ärzte vor Ort. Wir müssen zwar dafür sorgen, dass dort auch weiterhin genug Ärzte in greifbarer Nähe sind – schließlich möchte man seinem Arzt am liebsten persönlich gegenüber sitzen. Aber wir müssen uns auch über alternative Modelle Gedanken machen, wo Technik sinnvoll eingesetzt wird. Und da kann die Sprechstunde am Laptop per Videoübertragung sicher eine Möglichkeit sein, Patienten – ganz egal wo sie auch wohnen – schnell zu helfen und sie zu versorgen. Ich bin mir sicher, dass Telemedizin schon bald sehr häufig zum Einsatz kommen wird.

Glaubt man verschiedenen Umfragen, hält sich das Vertrauen der Menschen in die Wissenschaft in Grenzen.

Wanka: Wir haben eigene Umfragen gestartet, und das Ergebnis zeigt, dass es bei den Menschen eine große Hoffnung und ein großes Zutrauen in die Wissenschaft gibt. Auch das diesjährige „Wissenschaftsbarometer“ hat dies wieder bestätigt. Ich kenne diese Behauptungen, die Menschen seien skeptisch gegenüber der Forschung. Aber ich habe da inzwischen eine andere Wahrnehmung, ein positiveres Bild. Die angeblich in unserer Gesellschaft vorhandene Angst vor neueren Entwicklungen ist überhaupt nicht so ausgeprägt, wie viele behaupten.

Wer Spitzenforschung betreiben möchte, braucht Spitzenforscher. Wie attraktiv ist Deutschland für Wissenschaftler?

Wanka: Wir hatten gegen Ende der 90er Jahre eine Situation, in der sich viele Industriemanager darüber beklagten, dass unsere besten Leute das Land verlassen und beispielsweise lieber in die USA gehen. Knapp 20 Jahre später sieht das ganz anders aus, 50 Prozent der jungen Wissenschaftler, die an unseren Max-Planck-Instituten promovieren, kommen aus dem Ausland. 2015 arbeiteten 85 000 ausländische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland und mehr als 320 000 ausländische Studierende studierten an deutschen Hochschulen. All das zeigt, dass Deutschland als Wissenschaftsland richtig attraktiv geworden ist.

Etwa 35 Prozent der Bachelorstudenten in Deutschland besuchen für ein Semester zeitweise eine Hochschule im Ausland. Sie haben sich zuletzt deutlich dafür ausgesprochen, dass es noch mehr werden müssen. Besteht da nicht die Gefahr, dass einige am Ende nicht mehr zurückkommen wollen?

Wanka: So etwas lässt sich nie ganz vermeiden, aber diese Sorge teile ich nicht. Deutschland ist – wie schon erwähnt – so attraktiv für Wissenschaftler, dass sie auch gerne wieder zurückkehren. Und wir als Land profitieren nun mal von jungen Wissenschaftlern, die ihren Horizont erweitert haben, die also nicht nur das Fachliche beherrschen, sondern auch wertvolle Erfahrungen in anderen Kulturen gesammelt haben.

Nun gibt es dennoch immer wieder Akademiker, die sich bewusst gegen eine wissenschaftliche Laufbahn entscheiden, weil sie der Meinung sind, im Ausland oder in der Wirtschaft schneller Karriere machen und mehr Geld verdienen zu können. Haben Sie Verständnis für solche Entscheidungen?

Wanka: Ja, denn wir bilden ja nicht nur für den akademischen Eigenbetrieb aus, sondern in ganz starkem Maße natürlich auch für die Wirtschaft, für die Verwaltungen und die gesellschaftlichen Institutionen. Und es zeigt sich, dass diejenigen, die in die Wirtschaft gehen, hervorragende Karrierechancen haben. Aber natürlich wollen wir auch, dass besonders leistungsstarke Akademiker im Wissenschaftsbereich bleiben.

Viele bleiben aber nicht, weil ihnen angesichts zahlreicher befristeter Stellen die Planungssicherheit fehlt.

Wanka: Das ist nachvollziehbar. Und deswegen haben wir auch zuletzt bewusst einiges dafür getan, dass es mehr unbefristete Stellen geben wird. Mit der vor wenigen Wochen beschlossenen Exzellenzstrategie, also der Fortführung der Exzellenzinitiative, haben sich Bund und Länder auf eine Förderung der Hochschulen von einer halben Milliarde Euro jährlich ab 2019 geeignet. Das ist ein starkes Signal für die Forschung und eine Sicherheit für die Wissenschaftler. Die Exzellenzinitiative hat im Übrigen der Wissenschaft und Forschung in unserem Land einen entscheidenden Imagegewinn verliehen. Außerdem haben sich Bund und Länder neben der Exzellenzstrategie auf ein Tenure-Track-Programm geeinigt, für das der Bund ab 2017 eine Milliarde Euro ausgeben wird. Das Programm wird dazu beitragen, dass die Entscheidungen, wer langfristig in der Wissenschaft bleibt, früher als heute fallen und Karrieren in der Wissenschaft attraktiver werden. Und die Länder haben zugesagt, die Zahl der unbefristeten Professuren zu erhöhen. Es war immer mein Ziel, mehr unbefristete Professoren-Stellen zu schaffen und den Akademikern mehr Planungssicherheit zu geben. Und dafür haben wir jetzt den Weg geebnet.

Sie betonen immer wieder, dass die deutsche Forschung in der ersten Liga mitspielt: Wann wird sie in die Weltklasse aufsteigen und welche Rolle spielt dabei der Wissenschaftsstandort Aachen?

Wanka: Das kann man nicht einfach so pauschalisieren. Es gibt bereits Bereiche, in denen Deutschland sicher in der Weltklasse mitspielt, zum Beispiel in der Krebsforschung oder Fusionsforschung. Zum Beispiel unsere Max-Planck- oder Helmholtz-Institute haben weltweit einen enorm großen Stellenwert. Aber wir wollen mehrere Hochschulstandorte, die in den Rankings vorne mit dabei sind, weil das immer auf das gesamte Hochschulsystem ausstrahlt. Und dabei spielt die Aachener Region mit ihren Hochschulen und dem Forschungszentrum Jülich mit Sicherheit eine ganz entscheidende Rolle. Aachen ist einer der Top-Standorte, der sich im Zuge der Exzellenzstrategie für die Zukunft große Hoffnungen machen darf.

Über den Besuch der Bundesministerin Johanna Wanka in Aachen lesen Sie in unserer morgigen Ausgabe.

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