Mordprozess gegen Narkoseärztin: Anwalt plädiert auf Totschlag

Von: Wolfgang Schumacher
Letzte Aktualisierung:
Lydia H.
Im Fall der wegen Mordes an ihrem 50 Jahre älteren Ehemann angeklagten Narkoseärztin Lydia H. (36) ist seit Mittwoch doch eine Einlassung der Beschuldigten zu erwarten. Foto: dpa

Aachen. Nach dem Plädoyer ihres Anwalts Reinhard Birkenstock brach die wegen Mordes an ihrem 50 Jahre älteren Ehemann angeklagte Narkoseärztin Lydia H. (36) ihr Schweigen.

In ihrem letzten Wort vor dem lange herausgezögerten Urteilsspruch sagte sie stehend: „Hohes Gericht, der Tod meines Mannes, an dem ich Schuld habe, tut mir unsagbar leid. Ich bin bereit, dafür zu büßen.”

Zuvor hatte ihr Kölner Anwalt Birkenstock in einem zweieinhalbstündigen Plädoyer versucht, den von der Staatsanwaltschaft auch nach dem späten Geständnis der Aachener Narkoseärztin aufrecht erhaltenen Mordvorwurf zu entkräften. Birkenstock verlangte von dem Schwurgericht unter Vorsitz von Richter Gerd Nohl, „meine Mandantin nicht wegen heimtückischen Mordes aus Habgier zu verurteilen. Sie hat einen Totschlag gemacht”, war das Fazit seiner Ausführungen, in denen er die vergangenen annähernd 20 Prozesstages akribisch nachvollzog und die Beweisthemen der Anklage wie der Nebenklage juristisch sezierte.

Solle die Kammer, erhob Birkenstock die Stimme in dem vollbesetzten Schwurgerichtssaal des Aachener Landgerichts, zu einer anderen Auffassung kommen, stelle er hilfsweise den Antrag, durch einen weiteren erfahrenen forensischen Psychologen und Psychiater nachweisen zu lassen, dass „diese Frau nach den erniedrigenden Beschimpfungen ihres altersherrschsüchtigen Ehemannes” in der Tatnacht Anfang Februar 2011 in völliger Wut eine Spritze mit Morphium aufzog und sie spontan in das Bein des alten Mannes rammte.

Er starb an dieser 20-fach tödlichen Dosis wenige Minuten später. Sie sei, sagte der Anwalt, nur wegen Totschlags zu verurteilen und ihr stünde die verminderte Schuldfähigkeit nach § 21 des Strafgesetzbuches zu.

Vorher hatte Birkenstock minutiös den Lebensweg der jungen Frau aus Süddeutschlang nachgezeichnet, die wegen leichterer Drogenbeschaffung als 16-Jährige nach Aachen kam und ihren späteren Ehemann als Freier auf dem Straßenstrich kennenlernte. „Zerrütteter konnte die Seele eines jungen Menschen nicht sei”, beschrieb er ihre damalige desolate Lebenssituation, als sie sich durch den „alten Mann” auffangen ließ.

Er habe sie mit nach Hause genommen. Aber auch da gab es zunächst nur „Sex gegen Drogen”. Doch dann habe er sie zur Schule geschickt und ihr die Ausbildung als Ärztin ermöglicht. Als sie später einen neuen Liebhaber hatte und ohne seine Erlaubnis in ihrem Beruf arbeiten wollte, habe er sie „an sich binden, sie beherrschen und ihre Nähe erzwingen” wollen.

Als er ihr schließlich, um ihren Weg in den neuen Job als Narkoseärztin in Ulm und damit in die Unabhängigkeit zu verhindern, Eheszenen machte, das Konto sperrte und ihr drohte, sie „wieder dorthin zurückzustoßen, wo sie hergekommen sei”, habe sie in einer Kurzschlussreaktion den Mann umgebracht, dem sie, so der Verteidiger, „eigentlich alles in ihrem Leben zu verdanken hatte”.

Das Urteil soll am Dienstag ab 13 Uhr im Schwurgerichtssaal des Aachener Landgerichts gesprochen werden.
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