„Mord ohne Leiche“: Ein heikles Kapitel für die Justiz

Von: Wolfgang Schumacher
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Ein Würselener wird wegen Mordes an einer 40-jährigen Bankerin beschuldigt. Für die Justiz ist der Fall kompliziert. Symbolfoto: Wolfram Kastl/dpa

Aachen/Lahore. Ein heimtückischer Mord an einer Schweizer Bankerin wird dem aus Würselen stammenden Shahid G. von der Aachener Staatsanwaltschaft zur Last gelegt. Das Aachener Schwurgericht hat einen Haftbefehl gegen den 37-jährigen ehemaligen Fahrschullehrer erlassen. Er soll die damals 40-jährige Rajvinder G. im Spätsommer 2012 in Nordpakistan gemeinsam mit Hilfe eines Komplizen ermordet haben soll.

Der Mord aus Habgier soll am 25. August 2012 nahe der Millionenstadt Lahore begangen worden sein. Der Fall weist einige Besonderheiten auf: geografische sowie solche, die den Tatablauf und die darauffolgenden Ermittlungen angehen.

Bis heute ist keine Leiche aufgefunden worden. Die massiven Vorwürfe gegen den 37-jährigen Würselener mit pakistanischer Abstammung sind seit einiger Zeit bei der Aachener Staatsanwaltschaft anhängig, wie ihr Sprecher Staatsanwalt Jost Schützeberg unserer Zeitung bestätigte.

Allerdings ist bei dem jetzt fünf Jahre alten Kriminalfall genügend Zeit vorhanden, denn Shahid G. sitzt seit 2013 eine langjährige Haftstrafe wegen Vergewaltigung und sexuellen Missbrauchs in der Aachener Strafanstalt ab.

Ein Mann aus Lahore soll den Würselener als Auftraggeber und Mordkomplizen aus der Haft heraus beschuldigt haben. Demnach soll G. diesem über einen Mittelsmann 50 000 Rupien (etwas mehr als 400 Euro) angeboten und dann gezahlt haben, um das Opfer gemeinschaftlich zu beseitigen.

Leiche in Kanal entsorgt?

Shahid G. soll die 40-Jährige nach ihrer Ankunft auf dem Flughafen von Lahore nachts am 25. August 2012 im Fond eines Mietwagens zunächst mit in Tee untergerührten Schlafmitteln betäubt haben. Dann soll das Duo ins flache Land in Richtung eines Bewässerungskanals gefahren sein. Dort, etwa 35 Kilometer von Lahore entfernt, soll die Leiche der auf dem Rücksitz des Pkw mit einem Seil erdrosselten Bankerin in den Fluten des Kanals entsorgt worden sein. Das Mordkomplott soll vorher am Rande einer Trauerfeier der Familie des Beschuldigten in Lahore geschmiedet worden sein.

Der bizarre Hintergrund der Tat soll ein womöglich betrügerischer Handel von Shahid G. mit magischen Steinen und mit angeblichem Heilpulver gewesen sein, Sachen, die er online angeboten hatte und für die sich die wegen ihres Jobs in der Schweiz und dann kurz vor der Tat bei ihren Eltern im kanadischen Vancouver lebende G. interessiert und Teile des Angebots auch gekauft hatte.

Solche Mordfälle ohne Leichen haben ihre ganz spezielle Problematik für die Justiz, das weiß auch der Aachener Anwalt Rainer Dietz, der den Beschuldigten vertritt. „Wer sagt mir denn, dass die Frau nicht noch lebt“, verweist er auf ähnliche Verfahren.

Erst im Dezember 2016 wurde etwa ein Bonner Urteil revidiert, nach dem ein heute 44-jähriger Mann wegen des Totschlags an seiner Ehefrau zu elf Jahren Haft verurteilt wurde. Grundlage jenes Urteils war das angebliche Geständnis des Mannes gegenüber seiner Geliebten. Das hatte er widerrufen, er wurde vom Bonner Landgericht frei gesprochen, obwohl oder gerade weil die Leiche der Frau bis heute verschwunden bleibt.

Was ein angeblich reuevolles Geständnis am Ende wert sein kann, zeigte sich auch bei einem bayrischen Fall von 2009. Wenige Jahre zuvor musste eine ganze Familie hinter Gitter, weil sie angeblich gemeinschaftlich den Familienvater ermordet haben sollten. Seine Leiche war zur Zeit des Urteils unauffindbar, erst 2009 wurde ein Mercedes-Wrack aus der Donau bei Ingolstadt gezogen.

Darin saß der Familienvater körperlich unversehrt hinter dem Steuer, die Rechtsmediziner fanden keine Gewalteinwirkung, die Familie wurde daraufhin freigesprochen.

Mehr als 20 Zeugen

Falls das Verfahren vom Aachener Landgerichts eröffnet wird, müssen mehr als 20 Zeugen, darunter die ermittelnden Polizeibeamten aus dem Luftlinie etwa 7000 Kilometer entfernten Lahore ins Aachen Landgericht reisen, gleichfalls sind Zeugen der Familie der Geschädigten aus Vancouver, einer Stadt an Kanadas weit entfernter Westküste, geladen. Eine mehrmonatige Verfahrensdauer mit ungewissem Ausgang stünde der Kammer bevor.

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