Monschau: Legendäre Magnum-Fotos bekommen erste Ausstellung

Von: Eckhard Hoog
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Gandhi kurz vor der Beendigung des Fastens, Birla House, Delhi, 1948. (Ausschnitt aus dem Originalbild) Foto: Henri Cartier-Bresson / Magnum Photos
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Dorffest im Baskenland, Frankreich, 1951. (Ausschnitt aus dem Originalbild) Foto: Robert Capa / International Center of Photography / Magnum Photos
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Fähre von Split nach Tragir, Dalmatien, 1951. (Ausschnitt aus dem Originalbild) Foto: Marc Riboud / Magnum Photos
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Innenhof des Meiji-Schreins, Tokio, 1951. (Ausschnitt aus dem Originalbild) Foto: Werner Bischof /Magnum Photos
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Die Tänzerin Anjali Hora, Bombay, 1951. (Ausschnitt aus dem Originalbild) Foto: Werner Bischof / Magnum Photos
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Im Belvederegarten, Wien, 1954. (Ausschnitt aus dem Originalbild) Foto: Erich Lessing / Magnum Photos
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Curzon Street, London, 1953. Inge Morath / Magnum Photos. (Ausschnitt aus dem Originalbild)

Region. Es ist eine unglaubliche Geschichte: Da liegen über 50 Jahre lang zwei unscheinbare Holzkisten im Heizungskeller des französischen Kulturinstituts in Innsbruck. Als eine Mitarbeiterin den Keller räumen will, fällt ihr nach dem Öffnen der Kisten als Erstes ein Plakat in die Hände.

„Magnum Photo, Gesicht der Zeit, Ausstellung im Joanneum, Graz, 1956“. Nach und nach kommen eine ganze Reihe von Fotos zum Vorschein, Namensschilder der Fotografen und eine Holztafel mit einem Text zur Agentur Magnum.

Der Leiter des Instituts ruft die Ausstellungsmanagerin der Pariser Niederlassung von Magnum Photos, Andréa Holzherr, an und bittet sie darum, die aufgefundenen Fotos seiner Schwester für eine Ausstellung in der Bretagne schicken zu dürfen. Dort ist sie Bürgermeisterin. Andréa Holzherr, noch völlig ahnungslos, sagt zu – mit dem Vorbehalt, dass die seltsamen Aufnahmen anschließend an die Agentur nach Paris zu schicken wären. Monate später kommen die dort mit der Post an.

Holzherr: „Als ich die Kisten dann öffnete, entdeckte ich zwischen Pack- und Seidenpapier geschichtet extrem verdreckte, auf farbige Spanplatten aufgezogene Fotografien. Meine erste Begegnung mit der Ausstellung würde ich daher eher mit der Erscheinung einer Mumie als mit der Entdeckung eines Schatzes vergleichen.“ Und als solcher stellte sich der unfassbare Fund tatsächlich heraus: 83 Fotografien der legendären allerersten Mag-num-Ausstellung, die über mehr als fünf Jahrzehnte völlig in Vergessenheit geraten war.

Das Kunst- und Kulturzentrum der Städteregion Aachen (KuK) in Monschau dreht jetzt die Zeit buchstäblich zurück und gewährt ab morgen mit der Präsentation dieser originalen Ausstellung „Gesicht der Zeit“ unter dem Titel „Magnum’s First“ authentische Einblicke in die Anfangszeit der berühmtesten Foto-Agentur der Welt.

Die Restauratorin der Agentur in Paris befand übrigens, dass die Fotografien trotz ihres schmutzigen Äußeren in einem „erstaunlich guten Zustand“ seien und nur eine fachgerechte Säuberung benötigten.

Sie sind Idealisten durch und durch, auf ihre Fahnen haben sie sich humanistischen Respekt vor der Welt und den Menschen geschrieben. Unabhängigkeit gilt ihnen über alles, Unabhängigkeit von unverständigen Bildredakteuren und Gestaltern von Magazinseiten: die Fotografen Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, David Seymour und George Rodger. Nach dem Zweiten Weltkrieg, am 27. April 1947, gründen sie die Agentur Magnum. Eine Magnumflasche Champagner soll der Legende nach zur Feier des Tages den Namen beigetragen haben.

Nachdem Bill Vandivert, Ernst Haas und Werner Bischof zu der Gruppe hinzugestoßen sind, eröffnen sie zunächst ein Büro in New York, einige Zeit später in Paris. Zu Beginn gibt es eher selten Ausstellungen von einzelnen Magnum-Mitgliedern.

Vermutlich ist es die sagenhaft erfolgreiche Fotoausstellung „The Family of Man“ mit 503 Aufnahmen von 273 Fotografen aus 68 Ländern im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) im Jahr 1955, die Cartier-Bresson & Co. dazu animiert, gemeinsam auch eine Foto-Ausstellung auf die Beine zu stellen. Unter dem Titel „Gesicht der Zeit“ gastiert sie von Juni 1955 bis Februar 1956 in fünf österreichischen Städten – Innsbruck, Wien, Bregenz, Graz und Linz. Bei der Gelegenheit kann vor allem auch das Werk von zwei inzwischen verstorbenen Mitgliedern gewürdigt werden: Werner Bischof kam 1954 in den peruanischen Anden bei einem Autounfall ums Leben; Kriegsreporter Robert Capa starb neun Tage später, als er im Indochina-Krieg in Vietnam auf eine Landmine trat.

„Magnum’s First“ führt acht internationale Reportagen mit 83 Vintage Prints (Originalabzügen) zusammen von führenden Magnum-Fotografen aus der frühen Zeit der Agentur: Werner Bischof, Henri Cartier-Bresson, Robert Capa, Ernst Haas, Erich Lessing, Jean Marquis, Inge Morath und Marc Riboud.

Robert Capa, 1938 von der britischen Fotozeitschrift „Picture Post“ mit seinen Bildern vom Spanischen Bürgerkrieg als „weltgrößter Kriegsfotograf“ gefeiert, ist in der Ausstellung allerdings nicht mit einer Kriegsreportage vertreten – vermutlich ganz bewusst. Sein „Dorffest im Baskenland“ von 1951 vermittelt Eindrücke von einer Region, die nach dem Bürgerkrieg endlich wieder zum Frieden und einem ganz normalen Leben zurückgefunden hat: tanzende, lachende Menschen, fröhliche Kinder. Das exakte Gegenbild von Reportagen, mit denen der Name dieses Fotografen sonst in Verbindung gebracht wird – Capa hasste den Krieg aus tiefstem Herzen.

Henri Cartier-Bresson, der 2004 im biblischen Alter von 95 Jahren starb, veröffentlicht 1948 in der amerikanischen Zeitschrift „Life“ eine Reportage von den letzten Stunden Mahatma Gandhis bis zu dessen Totenfeier. Die wartende Menge des Trauerzugs, weinende Menschen, die Einäscherung am Rande des Sumna-Flusses – Bilder, die Geschichte und Geschichten gleichermaßen erzählen.

Inge Morath, von Hause aus Übersetzerin, Redakteurin und Radiojournalistin in Wien, beginnt 1951 in London mit eigenen Aufnahmen, die sie unter Pseudonym an verschiedene Zeitschriften schickt. 1955 wird sie Mitglied der Akademie. Ihre Spezialität: Porträts von unbekannten Passanten wie von Prominenten. Ihre zehnteilige Bildfolge für das „Gesicht der Zeit“ entsteht in den noblen Londoner Stadtteilen Soho und Mayfair – Damen in Pelz und Hut, zum Teil mit Butler, Schnappschüsse vom englischen Konservatismus.

Kinderszenen aus Wien

Jean Marquis richtet den Blick hinter den Eisernen Vorhang, seine Fotos aus Ungarn veröffentlicht er 1954 im „New York Times Magazine“. Die Mädchen im weißen Spitzenkleid und die Büste Josef Stalins in ein und demselben Bild charakterisieren eine gespaltene Gesellschaft.

Marc Riboud, der heute mit 93 Jahren in Paris lebt, wurde mit einem Foto weltberühmt: 1967 macht er eine Aufnahme in Washington vom Friedensmarsch für Vietnam – sein Bild zeigt eine junge Frau, die den Bajonetten der Soldaten, die das Pentagon bewachen, eine Blume entgegenhält. In der Ausstellung ist eine Serie zu sehen, die in Split und Dubrovnik entstanden ist. Sie zeigt Handwerkerinnen, Schäfer, müde Frauen auf einer Fähre, Bauern mit gegerbten Gesichtern, kurz: einfache Menschen in ihrem ganz normalen Alltag. Am Ende trägt jemand ein gemaltes Porträt Titos über der Schulter.

Erich Lessing steuert Kinderszenen aus seiner Heimatstadt Wien bei: spielende Kleine im Belvederegarten, Vater mit Töchterchen auf den Schultern beim Umzug zum 1. Mai, Kinder auf dem Spielplatz vor dem Wiener Rathaus. Berührende Aufnahmen vom kleinen und doch so großen Glück.

Der Züricher Werner Bischof bereiste für Zeitschriftenreportagen ganz Osteuropa, fühlte sich dann aber hingezogen zu traditionellen Volkskulturen, die er vornehmlich in Südamerika und Asien fand – Japan, Korea, Indochina. Sein Ausstellungsbeitrag ist keine abgeschlossene Reportage, die Bilder entstanden auf seinen ausgedehnten Weltreisen. Der einsame Flötenspieler in Peru, Bewohner eines Dorfs bei Machu Picchu, das wie eine Tuschezeichnung wirkende Bild mit zwei beschirmten Mönchen unter Bäumen am Meiji-Tempel in Tokio – man meint die grandiosen Aufnahmen schon einmal gesehen zu haben. Sie verströmen einen fabelhaften Ausdruck von meditativer Harmonie und Ausgeglichenheit und sind stilbildend für ganze Generationen geworden.

Tausende Menschen bevölkern die Steinbrüche von Assuan, schleppen in glühender Hitze zu Hunderten gewaltige Steinblöcke an langen Seilen hinter sich her – all das Szenen wie im alten Ägypten. Der Österreicher Ernst Haas hat sie festgehalten am Filmset und in den Drehpausen für den monumentalen Hollywoodschinken „Land der Pharaonen“. 1954 veröffentlichte er die Fotos in der Zeitschrift „Life“. Das KuK in der Monschauer Austraße zeigt in der Ausstellung in einer Endlosschleife den Film „Land der Pharaonen“.

83 einzigartige Fotos, die Geschichten erzählen: Es sind nicht atemberaubend sensationelle Momente und Motive, die hier festgehalten sind, sondern jene des ganz gemeinen, unscheinbaren, mitunter nicht leicht auszuhaltenden Alltags, aufgenommen von begnadeten Beobachtern. Darin liegt die Faszination und der Zauber von diesem „Gesicht der Zeit“.

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