„Monopoly“ in der Altstadt von Monschau

Von: Manfred Kutsch
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Monschauer Touristen schlendern an einem der ungezählten Verkaufsschilder in der Stadt im Tal vorbei: Der Preisschnitt der historischen, in der Regel denkmalgeschützten Objekte, zumeist ohne Garten, Hof und Stellplatz, liegt in der Regel bei 150.000 bis 200.000 Euro. Foto: Manfred Kutsch

Monschau. Der Zauber Monschaus mit seinen verwinkelten Gassen, Häusern wie aus Puppenstuben und der über allem thronenden Burg nimmt Besucher schnell gefangen – ob am vergangenen Wochenende beim traditionellen ADAC Moto Classic mit 100 historischen Motorrädern oder ab Freitag, wenn die Klassik-Festspiele 10.000 Gäste dorthin locken.

Erst auf den zweiten Blick stellen die Gäste fest: Die „Perle der Eifel“ verliert an Glanz, die Altstadt wird zunehmend von verwahrlosten Objekten aus dem 17. Jahrhundert zersetzt. Allein über 20 der 300 einst edlen Bürgerhäuser stehen aktuell leer, andere Objekte, oft drei-, viergeschossig, werden nur noch von allein stehenden Senioren bewohnt. Manche der facettenreichen Schieferdächer lösen sich, Fachwerkfassaden bröckeln, Holztüren faulen. Doch die Risse im alten Kern der Stadt im Tal, in der zur Blütezeit der Tuchmacherindustrie 3500 Bewohner lebten (heute noch rund 700), haben vor Ort eine Trotzreaktion zur Folge.

„Wir schnüren einen Maßnahmenkatalog, der Information und Werbeaktivitäten beinhaltet und die Eigentümer mit einbezieht“, sagt Bürgermeisterin Margareta Ritter. Zielrichtung des Konzeptes, vorangetrieben von der Arbeitsgemeinschaft Monschauer Unternehmen: wohnen, wirtschaften, arbeiten in der Altstadt – und zwar in zeitgemäßer Vernetzung mit Tourismus, Kultur und klimagerechter Entwicklung.

Die Situation ist vertrackt. Seit Jahren spielt der Immobilienmarkt in der historischen Kulisse verrückt. Vielfache Ausgangslage: Die alten Eigentümer sterben oder ziehen in altersgerechte Umgebung, die Erben sind nicht interessiert und die Jugend ist auf und davon. Ein 90-seitiges Gutachten der Stadt Monschau resümiert unter anderem die Gründe der Leerstände: „Die Häuser sind für heutige Anforderungen, insbesondere die junger Familien und älterer Menschen, kaum geeignet. Es fehlen Gärten, Stellplätze vor der Haustür und ein attraktives Wohnumfeld.“ Große Probleme und Kosten würden die erforderlichen Umbauten wegen des in der Altstadt üblichen Denkmalschutzes erzeugen. Fatal: Gleichzeitig will die rot-grüne Landesregierung alle Fördermittel für Denkmalschutz einfrieren.

Gute Übernachtungszahlen

Andererseits aber seien „auch manche Preisvorstellungen der Eigentümer völlig unrealistisch“, weiß Ritter. Beispiel: Nahe des Marktes etwa wird derzeit ein – nicht restauriertes – Haus mit 220 Quadratmeter Wohnfläche ohne Hof oder Garten für 270.000 Euro angeboten. Die lange Zeit des Stillstandes bedeute „für die Besitzer sicher auch eine Findungsphase“, sagt die Bürgermeisterin, die in diesen Jahren täglich vom „Monopoly“ ihrer Stadt in Atem gehalten wird.

Insbesondere ein Großbäcker der Region ging in der Altstadt von Monschau mehrfach über „Los“ und kaufte gleich zehn Objekte in Schlossallee-Lagen an der Rur. Bemerkenswert auch: Vor allem Niederländer, aber auch Belgier, erwarben andere Häuser – überwiegend als Ferienwohnungen. Immerhin. „Besser Ferienwohnung als Leerstand“, sagt Ritter.

Das statistische Problem der Bürgermeisterin im Tourismus wird dadurch freilich größer, denn: „Die Auslastung in Betrieben unter zehn Betten wird bislang nicht erfasst.“ Folge: Nur die Zahlen aus 42 von insgesamt 192 Übernachtungsmöglichkeiten werden ausgewertet, darunter auch 15 Hotels. Doch auch die Schrumpfbilanz ist erfreulich: Zwischen Januar und Mai 2013 blieben genau 23.896 Gäste durchschnittlich 1,6 Tage in Monschau, darunter zwei Ungarn, sechs Südkoreaner, fünf Brasilianer, 19 Australier, aber 4750 Holländer. Im Vergleich zum Vorjahr ein Minus von nur 2,2 Prozent, was in Anbetracht des völlig verregneten Frühjahrs positiv gewertet wird.

Monschaus großer Freund Heino, neuerdings Rocker und Sänger von Heavy-Metal-Liedern, weiß um die Befindlichkeiten seiner Lieblingsstadt aus eigener leidvoller Erfahrung in Bad Münstereifel, wo die historische City – wie auch in Mayen oder Zülpich ­– ebenfalls vom Zerfall bedroht ist. Wenn der 74-jährige blonde Volksbarde am Freitag die Klassik-Festspiele eröffnet, wird er kaum auf die Spekulationen rund um ein neues Heino-Café in Monschau eingehen.

„Daran verschwendet er in seiner jetzigen Lebensphase definitiv keinen Gedanken“, bereitet Margareta Ritter allen Spekulationen ein Ende, die Heino selbst in die Welt gesetzt haben soll: „Damit wollte er doch nur pokern, vor allem die Münstereifler ärgern“, sagt ein Freund des Sängers unserer Zeitung. Noch halten die touristischen Magneten wie die drei Radwanderwege, das Rote Haus, der Felsenkeller, die Senfmühle (das Elternhaus des Müllers steht übrigens auch leer) und Events wie Klassik, Kanu-Wettbewerbe oder Weihnachtsmarkt die Marke Monschau zusammen.

Dennoch schlendert Ortsvorsteher Georg Kaulen (56) sorgenvoll durch Altstadtgassen wie die Stadtstraße, auf der in diesen Wochen scharenweise Sommerferien-Touristen flanieren und dabei unter anderem die „tote“ 20-Meter-Front des leer stehenden einstigen Kultrestaurants „Getreidehaus“ passieren, während einen Steinwurf weiter die Eschbach- und Kirchstraße nahezu gänzlich auszusterben scheinen. „Schauen Sie, keine Freiflächen, kein Stellplatz, das ist für junge Familien total uninteressant“, sagt Kaulen, der hier seine Kindheit verbrachte: „Die Ansprüche haben sich eben geändert“, zuckt er mit den Schultern.

Überall hängen und flattern Verkaufs- und Vermietungsschilder, darunter allein sieben der heimischen Immobilienfirma Bonafide. „Es gibt hier kein Krankenhaus, keinen großen Supermarkt, auch Schlecker ist weg“, erklärt Makler Oliver Domes den Wegzug „vieler alter Monschauer“, die zudem in ihren großen Häusern nicht mehr klarkämen. Dafür aber würden Urlauber aus dem Kölner und Benelux-Raum zunehmend Immobilien kaufen und sie zu Ferienwohnungen umfunktionieren, bestätigt Domes. Derzeit kann er gar mit einem Schnäppchen locken: Ein Altstadthaus für 736 Euro pro Quadratmeter – allerdings nicht saniert. Der Experte: „Selbst für sanierte Häuser ist es in der Regel schwer, mehr als 200.000 Euro in der Altstadt zu erzielen.“

Nicht nur den Senioren fehlt Infrastruktur. Für die Jugend gilt dies erst Recht: Kein Kino, keine Disko, ja sogar das Jugendheim steht jetzt leer zum Verkauf. Beim Stichwort Verjüngung ihrer Stadt denkt die Bürgermeisterin an kühne Pläne, „die Monschau natürlich nicht alleine stemmen kann“, so Margareta Ritter: die Ansiedlung weiterbildender Akademien für junge Menschen. Begonnen hat sie bereits mit einer Dependance der Justiz-FH Münstereifel, die ihre angehenden Gerichtsvollzieher und Wachtmeister in Monschau ausbilden lässt. So wünscht sich Ritter, dass auch die aus den Nähten platzende FH Aachen die Eifelstadt als Bildungsstandort entdeckt: „Hier ist genügend Wohnraum vorhanden. Ferner müssen wir aber selber zweifelsfrei auch neue Rahmenbedingungen schaffen.“

Traum von „junger Kunst“

Sie spricht von einem „modernen Monschau“, von „junger Kunst“, von umliegenden Anreizen wie Eifelsteig, Rursee, Roetgen-Therme, sie spricht vom Gutachten, das „innovative Konzepte der Einzelhändler und Gastronomen, neue Zielgruppen mit Kreativen und Individualisten“ sowie eine „neue Imageentwicklung und bessere Vermarktung“ fordert.

Ortsvorsteher Kaulen geht gerade am – ebenfalls leer stehenden – Alten Pastorat der Evangelischen Kirche vorbei. Im fünfgeschossigen Nachbarhaus lebten und arbeiteten ehedem 20 Menschen, im Parterre war eine Arztpraxis. „Heute hält da Oma J. alleine noch die Stellung“, sagt Ortsvorsteher Kaulen – und klingelt bei der 92-Jährigen. Die alte Dame öffnet nicht. Immerhin schlägt ihr Hund an. Gekläffe als einziges Lebenszeichen aus einer Altstadt-Immobilie. „Der ist da, wenigstens das“, sagt Kaulen.

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