Modellbau: Kirchen, die dem Braunkohle-Tagebau zum Opfer fallen

Von: Thomas Vogel
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Christoph Meixner baut Modelle von Kirchen, die dem Braunkohle-Tagebau zum Opfer fallen.

Region. Die Ecken des Erkers richtig zu knicken, ist eine knifflige Sache. Der winzige Fetzen Papier sträubt sich. Ein Paar aufgeweckte Augen scheinen in das Material zu stechen, es fixieren zu wollen. Die kleine, aber lichtstarke LED-Lampe vertreibt jeden Schatten, damit Christoph Meixner freie Sicht hat.

Und wenn jetzt das Telefon klingelt? „Das ist mir egal. Dann soll es klingeln“, sagt er, ohne die Augen von dem eurocentgroßen Stückchen zu wenden, das später als Turmuhr die Morschenicher Kirche zieren wird.

Leicht zu erraten: Die echte Morschenicher Kirche wird es nicht sein. Viel zu klein wäre die Uhr, und lange hängen würde sie auch nicht. Morschenich ist ein Ort, dessen Schicksal besiegelt ist. Er fällt dem Braunkohle-Abbau zum Opfer, irgendwann nach 2015. Aber Meixners Kirche wird dem Original zum Verwechseln ähnlich sehen. Der 74-Jährige baut Modelle von historischen Gebäuden – am liebsten von Kirchen, die der Tagebau verschluckt.

Die Dresdner Frauenkirche hat Meixner vor mehr als 20 Jahren das außergewöhnliche Hobby beschert. Der Wiederaufbau war beschlossen, aber noch nicht begonnen. „Da hab ich mir gedacht: Die Frauenkirche hol’ ich mir als Modell. Mal sehen, wer schneller fertig ist.“ Meixner hat das Rennen gewonnen. Von diesem Zeitpunkt an war er vom Modellbauvirus infiziert.

„Ich habe einen Verlag angeschrieben, weil ich unbedingt den Mainzer Dom haben wollte.“ Den konnte der Verlag aber nicht liefern und hatte nach eigener Auskunft auch nicht geplant, ihn aufzulegen. Aber nächstes Jahr komme vielleicht Worms heraus, hieß es als Entschuldigung. „Nein, so lange warte ich nicht, hab ich mir gesagt. Jetzt mach ich es selbst.“

Für das erste Modell sind anderthalb bis zwei Monate ins Land gegangen. „Es ist doch ziemlich aufwendig, und man sitzt auch nicht ständig daran“, erklärt der ehemalige Physiker, als ob er sich für den zeitlichen Aufwand entschuldigen müsse. Schneller, was die Zeit zur Fertigstellung eines Modells betrifft, ist Meixner nicht geworden – weil er jetzt viel mehr zu tun hat. Musste er die ersten Modelle nur noch ausschneiden und zusammenkleben, beginnt ein Projekt nun mit Recherche. Eine Kirche oder auch ein Herrensitz im Maßstab 1:150 aus seiner Hand ist eine 100-prozentige Eigenproduktion.

Der Koslarer ist an seinen Modellen gewachsen. Mittlerweile mag er Kirchen, die es nicht mehr oder nicht mehr lange gibt, weil der Braunkohlebagger kommt. Wie er diese kleine Nische gefunden hat? „Mir lag daran, die alten Kirchen nachzubauen, weil die Leute daran hängen. Verschwindet ein Dorf, ist der schlimmste Moment für viele, wenn die Kirche niedergerissen wird. Wenn ich dann für die Leute wenigstens irgendwo ein Modell hinstelle, können sie hingehen, es anschauen und sich erinnern.“

Die Erinnerung an die alten Bauwerke durch eines seiner Modelle und die Bestätigung, dass der Nachbau gelungen ist – für Christoph Meixner ist es der größte Lohn für seine Mühen. Apropos Lohn – der Ort dieses Namens bei Düren ist bereits abgebaggert worden. Wo einst die Kirche stand, befindet sich nun eine Kapelle. Als Meixner das Bauwerk besuchte, kam er mit einigen ehemaligen Dorfbewohnern ins Gespräch. „Die haben mir gezeigt, wo sie gewohnt haben, wo die Kirche stand und so weiter ... und dieses Heimatgefühl will ich eben irgendwie ein bisschen zurückbringen, indem ich die Kirchen nachbaue.“

Das große Problem bei der Sache: Er braucht besondere Dinge, um loslegen zu können. Trotz Computer ist die Recherche alles andere als einfach. Dafür ist Meixners Thema einfach zu speziell. „Ich schau mich im Internet um, ob ich irgendetwas über die Kirche bekommen kann, schreibe vielleicht die Gemeinde an – zum Beispiel den Bürgermeister per E-Mail.“ Manchmal kommt Meixner erst über viele Umwege an sein Ziel, manchmal überhaupt nicht. Beispiel Borschemicher Kirche: Der 74-Jährige hat das bischöfliche Archiv in Aachen angeschrieben, wurde von dort zum Heimatverein Erkelenz geschickt und weiter zum Pfarrarchiv in Erkelenz.

Forschen nach Plänen

Von dort kam schließlich die Antwort: „Wir haben alles da, was Sie brauchen.“ „Hurra“, sagt Meixner in Erinnerung daran und strahlt, „so eine schöne Antwort hatte ich noch nie bekommen.“ Für eine Kirche in Reykjavik hat die Recherche vor Ort nicht ausgereicht. „Da war es sehr schwierig, einen Grundriss zu bekommen, weil er einfach nie veröffentlicht wurde.“

Bei Wikipedia hat Christoph Meixner aber gelesen, dass die Orgel in dieser Kirche von einer deutschen Firma hergestellt wurde. Also hat er dort angerufen und sein Anliegen geschildert. Die Antwort: „In welcher Form wollen Sie den Grundriss haben?“ Er bekam viele Bilder und einen Datensatz mit Grundriss.

Informationen, die es Christoph Meixner möglich machen, mit dem Zeichnen zu beginnen. „Solange die Fotos möglichst unverzerrt sind“, schränkt er ein. Damals zeichnete er noch auf dem Reißbrett, mit Zirkel und Lineal. Aber der 74-Jährige ist mit der Zeit gegangen. Mittlerweile sitzt er am Computer vor einem CAD-Programm, mit dessen Hilfe professionelle Konstruktionszeichnungen erstellt werden. Sobald Meixner alle Zeichnungen eingescannt hat, skaliert er sie auf eine einheitliche Größe. Sonst passt nachher im Modell nichts zusammen.

Zu diesem Zeitpunkt ist es immer noch nur ein Bild und kein Bausatz. Deswegen erstellt er eine Abwicklung. „Wenn ich ein Stück Papier um ein Haus herumlegen und es anschließend wieder aufwickeln würde, dann hätte ich das, was ich zusammenkleben muss, um das Haus im Modell zu erhalten – die Abwicklung.“ Farbe braucht Meixner übrigens nicht, außer im Drucker. Die Fassaden bemalt er nicht, sondern fotografiert und druckt sie. Zuerst entsteht ein Bogen Papier, in Ziegeloptik etwa, auf den dann die Abwicklung gedruckt wird.

Sein Blick schweift über das Feinmechaniker-Werkzeug, die verschiedenen Scheren und Pinzetten. Mit zittriger Hand ist hier nichts zu holen – keine Frage. Leise erklärt der Rentner, auf was es beim Zusammenbau ankommt: „Vor allem Geduld und Ruhe.“ Die hat er in seinem Arbeitszimmer unter dem Dach.

Der Vormittag gehört seiner Frau, Haus, Hof und dem Hund, erklärt er. Am Nachmittag nimmt er sich Zeit für sich selbst. Im Hintergrund läuft leise Musik, Klassik oder Folklore. Und dann beginnt seine Freizeit – in einer Welt, die 150 Mal kleiner ist, als in Wirklichkeit.

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