Mobbing: Das Phänomen bleibt unvermindert aktuell

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
11941066.jpg
Plötzlich gehört man nicht mehr dazu, fühlt sich ausgegrenzt, wird ungerecht kritisiert: Mobbing hat viele Gesichter. Die Berater der Mobbing-Kontaktstelle im Bistum Aachen sind im Einsatz, um Lösungswege aus der Misere zu finden. Foto: stock/avanti
11940619.jpg
Heinz Backes leitet als Geschäftsführer die Mobbing-Kontaktstelle im Bistum Aachen, die vor 15 Jahren gegründet wurde. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Mobbing – das Phänomen bleibt unvermindert aktuell. Heinz Backes, seit 2005 Geschäftsführer der Mobbing-Kontaktstelle im Bistum Aachen, die inzwischen seit 15 Jahren Anlaufstelle für Menschen mit diesen Problemen ist, kennt die unterschiedlichen Formen der subtilen Gewalt gegen Kolleginnen und Kollegen sehr genau.

Selten gibt es die Chance, in einem Betrieb wieder Fuß zu fassen, in dem jemand massiv erfahren musste, was Mobbing konkret bedeuten kann. Wir sprachen darüber mit Heinz Backes.

Wie wurde es möglich, eine Beratungsstelle einzurichten, bei der sich Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft sicher fühlen?

Backes: Es hat sich bewährt, dass die Beratungsstelle auf vier Säulen ruht. Träger sind der Deutsche Gewerkschaftsbund, das Bistum Aachen, die Katholische Arbeitnehmerbewegung und der Bildungsträger Nell-Breuning-Haus in Herzogenrath.

Wie kam das zustande?

Backes: Wir wollten 2001 ein Netzwerk schaffen, in dem die Zugänge zur Arbeitswelt sehr unterschiedlich sind. Der DGB hat zum Beispiel über die Betriebsräte ganz andere Kontakte als etwa das Bistum über den Fachbereich Betriebsseelsorge/Arbeiter-Betriebspastorale.

Funktioniert die Finanzierung gemeinschaftlich?

Backes: Das Bistum Aachen stellt Finanzen zur Verfügung, die KAB Räumlichkeiten für die Beratung und finanziert zum Teil auch Jahrestreffen. Über den DGB erhalten wir häufig Referenten. Seit 2002 gibt es die Einbindung in die Mobbing-Line des Landesinstituts für Arbeitsgestaltung des Landes NRW, das ist sehr hilfreich.

Wie viele Beratungen gab es in 15 Jahren?

Backes: Erfasst sind 3000, aber es waren mehr. Ich denke, es waren rund 5000 Beratungsfälle, wobei die Telefonberatung gar nicht mitgezählt wird, am Telefon überlegt man häufig erst den nächsten Schritt. Da versuchen wir oft herauszufinden, ob es sich überhaupt um Mobbing handelt.

Wie ist Ihre Einstellung zu Mobbing?

Backes: Je früher die Ratsuchenden kommen, desto besser. Wenn sich ein Streit bereits auf der Eskalationsstufe acht oder neun befindet, ist es schwierig, überhaupt noch ohne Blessuren Zeitverlust und Verlust der Arbeitsstelle aus einer Situation herauszukommen.

Was müssen Ihre Beraterinnen und Berater leisten?

Backes: Sie müssen erkennen, wann etwa Psychotherapie eingesetzt werden sollte und wo Lösungsmöglichkeiten bestehen. Wir gehen auch auf Wunsch in die Betriebe, aber da kommt es oft auf den Betriebsrat an, der mit der Betriebsleitung ein Gespräch ermöglichen kann. Zurzeit haben wir 25 Beraterinnen und Berater.

Und Ihre Klienten? Können sie sich auf Diskretion verlassen?

Backes: Wir würden niemals in einem Betrieb anrufen und sagen ,Wir haben hier einen Ihrer Mitarbeiter, der Probleme hat’, das geht gar nicht.

Wie breit ist das Spektrum Ihrer Klientel?

Backes: Da gibt es Leute, die sich hauptberuflich im Betriebsrat engagieren bis hin zur Krankenpflege. Ein breites Spektrum.

Hat sich die Mobbing-Problematik verändert? Weshalb ist sie noch immer aktuell?

Backes: Es ist schwieriger geworden für viele Arbeitnehmer. Man spürt die Veränderungen in den Betrieben. Da gibt es Umstrukturierungen, es werden Bereiche geschlossen. Mitarbeiter werden überflüssig, das ist die Realität.

Was geschieht dort?

Backes: Es wird gezielt daran gearbeitet, Menschen aus den Betrieben zu drängen – eben durch heftiges Mobbing. Das ist eine hohe Eskalationsstufe.

Also nützt hier keine Vermittlung mehr?

Backes: Nur selten. Menschen müssen zu dem Entschluss kommen, einen neuen Weg zu suchen. Das ist die einzige Chance einer Lösung.

Haben Sie ein Beispiel?

Backes: Ja, ich hatte einen Mann in der Beratung, der Koch in einem Unternehmen war. 15 oder 20 Jahre lang hat er gut gekocht. Alle waren zufrieden. Plötzlich wird er beschimpft, alles, was er macht, ist schlecht. Er hat bemerkt, dass er überflüssig geworden ist. Dabei erkrankte er an einer Depression. Man konnte ihn nicht entlassen, aber man verweigert das Gespräch. Eine Entscheidung der Geschäftsleitung wäre teuer geworden. Er sitzt in einer Falle, lebt von Hartz IV. Er müsste in kleinen Schritten einen Neuanfang finden.

Was hat der Mann Ihrer Meinung nach falsch gemacht?

Backes: Er hätte sich viel früher melden sollen. Dann hätte man vielleicht in diesem Betrieb noch eine bewegliche Stellschraube gefunden. Wir ermuntern Menschen, sich möglichst früh, bei einem ersten Verdacht zu melden.

Ab wann sind Attacken von Vorgesetzten oder Kollegen tatsächlich Mobbing?

Backes: Wenn Angriffe regelmäßig stattfinden und Betroffene keine Möglichkeit der Gegenwehr haben. Wenn ein Vorgesetzter ab und zu kritisiert oder launisch ist, dann kann man noch nicht von Mobbing sprechen.

Und wann wird es kritisch?

Backes: Bei einer Umstrukturierung verändert sich nicht nur die Arbeit in einem Unternehmen, auch die Gruppen verändern sich. Da kommt eine neue Leitung, und die älteren Mitarbeiter haben Angst, dass sie die Veränderungen nicht aushalten. Leider werden diese Mitarbeiter häufig in so einem Veränderungsprozess nicht mitgenommen. Das führt unweigerlich zu Konflikten.

Ist sexuelle Belästigung bei Ihren Beratungen ein Thema?

Backes: Aus sexueller Belästigung kann Mobbing werden, in unserer Beratung ein eher seltenes Thema, aber wir sind sensibilisiert.

Was sagen Sie zu dem häufig benutzten Satz: ,Das habe ich doch nicht so gemeint‘?

Backes: Wenn ich ihn höre, findet ja offensichtlich bereits ein Gespräch über die Situation statt, und das ist gut. Das passiert nicht oft. In der Regel kommen wir gar nicht ins Gespräch mit der anderen Seite, es sei denn, der Betroffene öffnet uns einen Weg in den Betrieb. Es hat schon Situationen gegeben, da hat der Betriebsrat das Gespräch vorbereitet – und der Betroffene hat sich zurückgezogen. Das war bedauerlich. Geht es um juristische Schritte, verweisen wir auf den Fachanwalt für Arbeitsrecht.

Gibt es Menschen, die unbewusst Angriffe provozieren, also klassische Mobbing-Opfer?

Backes: Es kann jeden treffen. Es stimmt nicht, dass es in erster Linie die Schwachen sind oder Menschen, die sich nicht so gut ausdrücken können. Da gibt es etwa den leitenden Angestellten in einer Firma, die die Führungsmannschaft reduzieren will, eine starke Persönlichkeit. Aber irgendwann kann selbst er sich nicht mehr gegen den zunehmenden Druck wehren.

Die Mobbing-Beratung ist ein Ehrenamt, für das man geschult wird. Warum ist das notwendig? Reicht der gesunde Menschenverstand nicht aus?

Backes: Wir müssen wissen, was die Forschung sagt, damit wir nicht so schnell in Fallen tappt, etwas für Mobbing halten, was den Tatbestand gar nicht erfüllt. Es geht da um Fragen der Kommunikation, besonders am Telefon. Wie kann ich jemanden einladen, zu erzählen? Wie höre ich richtig zu? Wie sortiere ich das Gehörte?

Was sollte ein Berater nie tun?

Backes: Einen Rat geben! Die Erwartungshaltung der Menschen, die sich melden ist so: Da gibt mir jetzt jemand einen Tipp, und alles wird gut. Aber so funktioniert das nicht. Als Berater muss man sich durch Nachfragen ein Bild von der Situation machen und bringt den Ratsuchenden dazu, selbst noch einmal über alles nachzudenken. Es gibt häufig Ressourcen, die noch nicht genutzt wurden.

Welche denn?

Backes: Ich frage zum zum Beispiel immer wieder, ob der Betroffene schon den Betriebsrat angesprochen hat. Gar nicht selten haben die Anrufer daran noch nicht gedacht, obwohl es naheliegend ist. Aber häufig lässt sich so bereits ein Lösungsweg einleiten. Es gibt Menschen, die so in einer Situation gefangen sind, dass sie an nichts anderes denken können.

Was tun Sie, wenn Sie sehen, dass ein Fall zu schwierig für Sie wird?

Backes: Wir verweisen auf die Mobbing-Line NRW, die weitere Informationen hat. Da gibt es unter anderem Listen mit Adressen, die vom Institut beständig überprüft werden.

Ist Mobbing ein Rudel-Verhalten?

Backes: Das Wegschauen ist sicher eine häufige Reaktion. Wird jemand gequält, der anderen nicht sympathisch ist, wird das oft zugelassen. Vielleicht liegt das wirklich in der Natur einiger Menschen.

Wo gibt es Mobbing?

Backes: Das Phänomen Mobbing ist nicht auf den Arbeitsplatz beschränkt. Mobbing geschieht in der Schule, in Vereinen bis hin zum Kegelclub.

Hat man eine Chance, in einem Betrieb zu bleiben, in dem man gemobbt wurde?

Backes: Es kommt auf die Eskalationsstufe an. Ist der Betrieb groß genug, kann man eventuell ein anderes Einsatzfeld finden. Sonst kann man nur noch sehen, dass man würdig aus der Situation herauskommt..

Ist Mobbing psychische Gewalt?

Backes: Ja. Spuren werden bleiben. Wer den alten Konflikt nicht bearbeitet, schleppt ihn mit in ein neues Unternehmen.

Wie gehen andere Länder mit Mobbing um?

Backes: Es gibt in einigen europäischen Ländern eine Gesetzgebung, die es leichter macht, Mobbing zu begegnen. In Deutschland ist man leider noch nicht so weit. Nur wenige Unternehmen oder Kommunen haben Dienst- oder Betriebsvereinbarungen, in denen alle Formen des Mobbings erfasst sind und Konsequenzen festgelegt sind.

Kommt es vor, dass man Mitarbeiter nach längerer Krankheit loswerden will?

Backes: Die Wiedereingliederung verläuft oft nicht zufriedenstellend. Was halbherzig geschieht, gelingt häufig nicht.

Leserkommentare

Leserkommentare (2)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.