Mobbing: Ausgegrenzt, verunsichert, gedemütigt

Von: Ines Kubat
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Mobbing-Opfer können schwere psychische Schäden erleiden, die Jahre nachwirken. Foto: Imago/Westend61

Region. Mobbing-Opfer können schwere psychische Schäden erleiden, die Jahre nachwirken. Tom Klein erzählt seine Leidensgeschichte, die in der 5. Klasse angefangen hat und im Berufsleben schlimmer wurde. Heute, mit 33, hat er noch immer Angst vor Fremden.

Als Tom Klein das Café betritt, in dem das Interview stattfinden soll, tritt er von einem Fuß auf den anderen. Ihm ist klar, dass er längst weiß, wer seine Gesprächspartnerin ist, denn er blickt immer wieder verstohlen hinüber. Ihm ist aber auch klar, dass er sie nicht ansprechen kann.

„Das hätte ich mich nicht getraut“, erklärt er später. Denn Toms Leben ist von großer Unsicherheit und Selbstzweifeln geprägt. Fremde Leute anzusprechen, das ist für ihn fast unmöglich. Tom, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist seit vielen Jahren Opfer von Mobbing.

In der 5. Klasse fing es an: „Die Mitschüler haben mich so oft nachgeäfft, dass ich irgendwann nicht mehr vorlesen wollte.“ Doch die Kinder zogen ihn nicht nur auf, sie wollten auch nichts mit ihm zu tun haben. Und so hat der heute 33-Jährige schon früh erfahren, dass seine Andersartigkeit ihn bei manchen zum Außenseiter machte: Denn Tom stottert seit seiner Kindheit. Außerdem habe „ich eine 40-prozentige Behinderung und brauche deshalb für manche Sachen einfach länger als andere“, sagt er.

Langfristige Schikane, wie Tom sie erlebt hat, sei ein typisches Zeichen für Mobbing, erklärt Heinz Backes, Betriebspastoral und Ansprechpartner für die Kontaktstelle Mobbing im Bistum Aachen: „Mobbing ist kein kurzfristiger Konflikt, sondern ein dauerhafter Prozess, der sich über Monate ziehen kann.“

Fast jeder dritte Jugendliche sei im Laufe seiner Schullaufbahn einmal von Mobbing betroffen, manchmal mit gravierenden psychischen Folgen. Zu diesem Schluss kommt die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in einer Veröffentlichung Anfang 2015.

In der Mobbing-Kontaktstelle beraten Backes und seine Kollegen Arbeitnehmer, die von Schikane betroffen sind. In besonders schwierigen Fällen vermitteln sie auch einen Therapieplatz: „Es ist ganz wichtig, diese Situation aufzuarbeiten, sonst bleibt die Unsicherheit. Und es besteht die Gefahr, dass man in seinem Leben immer wieder in Mobbing-Situationen gerät“, sagt Backes.

So wie es auch bei Tom war. Der 33-Jährige hat eine Reihe von Schulen und Jobs hinter sich und an den meisten Stellen schlechte Erfahrungen gemacht. Während er an der Berufsschule weitestgehend in Frieden gelassen wurde, war es in der Ausbildung umso schlimmer, erklärt der gelernte Verkäufer. „Ich habe gehört, wie ein Kollege zu jemand anderem gesagt hat: ‚Mit Tom will ich nicht arbeiten.‘“ Ein einschneidendes Erlebnis, das neue Narben hinterlassen hat.

Immer wieder habe er sich in seinem Leben die Frage gestellt, „Warum bin ich überhaupt hier? Wozu mache ich das alles?“ In dunklen Stunden dachte er über Selbstmord nach. „Man fühlt sich nicht mehr gewollt und wertlos.“

Mobbing könne heftige psychische Verletzungen hervorrufen, die manchmal von Dauer sind, bestätigt Backes. „Betroffene sind stark verunsichert und verlieren das Selbstvertrauen.“

Häufig übertragen sie auch traumatische Situationen in den Alltag. Das passiert mitunter auch Tom. Er hat bei jeder fremden Person, die er kennenlernt, Angst, sie könne sich wegen seines Stotterns über ihn lustig machen. Diese Angst ist allgegenwärtig: im Job mit neuen Kollegen, beim Bäcker nebenan oder eben bei einer simplen Begrüßung im Café.

Doch warum suchen sich die Täter gerade eine bestimmte Person aus, um sie zum Mobbing-Opfer zu machen? „Die Betroffenen sind nie schuld daran“, macht Backes klar. „Es gibt allerdings Situationen, in denen Menschen, die nicht in unser System passen, gemobbt werden.“ Doch das Problem mit der Andersartigkeit liege immer an dem, der zum Mobber wird. In Betrieben entstehe Mobbing häufig, wenn große Veränderungen im Gange sind, zum Beispiel Menschen entlassen oder neu eingestellt werden.

Warum wird also jemand zum Täter? „Menschen, die andere mobben, sind häufig von einer eigenen Unsicherheit beherrscht oder auch einfach von der Lust, seinen Frust bei anderen abzuladen“, sagt Backes. Sie suchen sich dann einen Sündenbock. Der Seelsorger stellt klar, dass selbst Menschen, Kollegen oder Mitschüler zum Täter werden können, die sich anderen gegenüber normal und nett verhalten.

Um Mobbing von Anfang an zu verhindern, rät Backes dazu, Grenzen aufzuzeigen, deutlich zu machen, dass man nicht alles mit sich machen lässt. Wenn man allerdings schon mitten drin ist in dem Strudel aus Schikane und Selbstzweifeln, empfiehlt der Experte: auf Distanz gehen und sich der Situation entziehen, sich notfalls krankschreiben lassen.

„Wenn man Teil des Ganzen bleibt, verliert man den Überblick.“ Ganz wichtig sei es außerdem, sich professionelle Hilfe zu suchen und im Zweifel eine Therapie zu machen. „Man muss es schaffen, dass die Mobbingsituation nicht zum Lebensmittelpunkt wird.“ Sport und andere Hobbys könnten dabei helfen.

Auch Tom hat sich Hilfe gesucht. „Ich bin seit einiger Zeit in Therapie.“ Die Psychologin habe ihn ermuntert, sich einen Ausgleich zu suchen. Zum Beispiel besuchte Tom eine Kochgruppe, an der auch Leute mit Einschränkungen teilnehmen „Das macht Spaß, denn dort werde ich respektiert.“

Durch die Therapie fühle er sich gestärkt und habe auch neuen Mut. An seiner Arbeitsstelle wird er von den meisten Seiten akzeptiert – nur mit zwei Kollegen habe er wieder Probleme. Doch diesmal fordert er Hilfe bei seiner Chefin ein – und die stehe hinter ihm, berichtet Tom.

Trotz allem ist der 33-Jährige die Erinnerungen an seine Schulzeit und die schlimme Schikane nie los geworden. Noch immer stellt er sich manchmal vor, seine ehemaligen Mitschüler zu konfrontieren. „Ich würde sie gern fragen, ob sie eigentlich wissen, was sie mir damit angetan haben.“

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