„Mitleidsmasche”: Familienvater vor Gericht

Von: Marc Pesch, dapd
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Familienvater Jörg Peter P. gestanden, in Deutschland und Belgien insgesamt 20 Vergewaltigungen und versuchte Vergewaltigungen begangen zu haben. Dazu kommen mehr als 900 Fälle, in denen der Schlosser Frauen durch die sogenannte Mitleidsmasche zu sexuellen Handlungen gebracht haben will. Foto: ddp

Aachen/Düsseldorf. Er war der „nette Nachbar”, der Schützenbruder, der unauffällige Arbeitskollege. Jetzt muss er sich ab dem kommenden Montag, 27. September, als Deutschlands vielleicht schlimmster Serienvergewaltiger vor dem Düsseldorfer Landgericht verantworten.

Jörg Peter P. aus Altenahr in Rheinland-Pfalz will innerhalb der letzten 20 Jahre mehr als 1.000 Sexualdelikte in Deutschland, Holland und Belgien begangen haben. Um das Verfahren gegen den zweifachen Familienvater nicht unnötig in die Länge zu ziehen, hat die Staatsanwaltschaft Düsseldorf Anklage in insgesamt neun Fällen erhoben.

„Es ist aus unserer Sicht ein sehr ungewöhnlicher, wenn nicht gar einmaliger Fall”, sagte Staatsanwalt Johannes Mocken im Vorfeld des Verfahrens. Demnach hat Familienvater Jörg Peter P. gestanden, in Deutschland und Belgien insgesamt 20 Vergewaltigungen und versuchte Vergewaltigungen begangen zu haben. Dazu kommen mehr als 900 Fälle, in denen der Schlosser Frauen durch die sogenannte Mitleidsmasche zu sexuellen Handlungen gebracht haben will.

„Er hat angegeben, sich als Behinderter ohne Arme ausgegeben zu haben”, sagt Chefermittler Reinhard Freuen von der Polizei Krefeld. „Zunächst hat er gefragt, ob die Frauen ihm beim Urinieren helfen könnten. Bei dieser Gelegenheit soll er sie dann dazu gebracht haben, ihn sexuell zu befriedigen.” Jörg Peter P. habe sich in seinen Vernehmungen geradezu mit diesen Taten gebrüstet. „Er wusste ganz genau, dass es sich nicht um Straftaten handelt, schließlich haben die Frauen das freiwillig gemacht”, sagt Freuen.

Anders ist die Rechtslage bei den insgesamt 20 versuchten oder vollendeten Vergewaltigungen, die der Angeklagte begangen haben soll. „Er ist seit 1998 regelmäßig in die Wohnungen oder Büros von Frauen eingedrungen, hat sie mit einem Messer bedroht und sie anschließend vergewaltigt”, sagt Staatsanwalt Johannes Mocken.

Angeklagt haben die Ermittler nun neun Fälle aus Düsseldorf, Krefeld, Köln, Bonn und Aachen. Elf weitere Vergewaltigungen soll der Mann in Belgien begangen haben. Ob er nach seiner Verurteilung in Deutschland dorthin ausgeliefert wird, ist noch offen. Auf insgesamt knapp 600 Seiten hat die Polizei die Aussagen des Mannes zusammengefasst. „Es ist so etwas wie eine Lebensbeichte”, sagt der Leiter der Sonderkommission Reinhard Freuen.

Zum Motiv des 46-Jährigen wollen sich im anstehenden Prozess am Düsseldorfer Landgericht auch Gutachter äußern. Laut Polizei und Staatsanwaltschaft hat der Angeklagte selbst angegeben, er habe eine Lese- und Schreibschwäche, als Legastheniker habe er sich im Leben „zurückversetzt” gefühlt und es auch beruflich als Schlosser nicht weit gebracht. „Deshalb hatte er es sich zum Ziel gesetzt, sich vor allem hoch intelligente Frauen zu unterwerfen”, so Ermittler Reinhard Freuen. Als Opfer soll er deshalb vor allem Studentinnen oder Ärztinnen ausgewählt haben. Unter anderem war er laut Anklage auch bei seinen neun Vergewaltigungen mehrfach in Studentenwohnungen oder Studentenwohnheime eingebrochen.

Sowohl die Familie als auch Freunde und Bekannte von Jörg Peter P. hatten von seinem Doppelleben nichts geahnt. „20 Jahre lang hat er mit niemandem über seine Taten gesprochen”, sagt Staatsanwalt Johannes Mocken. Stattdessen sei er der unauffällige Arbeitskollege, der nette Schützenbruder oder Nachbar gewesen. „Große Teile seiner Freizeit allerdings muss er dafür genutzt haben, Hunderte Kilometer durch die Gegend zu fahren und nach potenziellen Opfern zu suchen.”

Der jetzt Angeklagte war erst nach dem Hinweis eines belgischen Polizisten gefasst worden. Er hatte sich nach einer Ausstrahlung der Vergewaltigungsserie bei „Aktenzeichen XY” an einen Mann aus Deutschland erinnert, der schon einmal in Belgien vorgetäuscht hatte, keine Arme zu haben. Er gab daraufhin den deutschen Ermittlern den entscheidenden Tipp. Mithilfe von DNA-Untersuchungen konnte die Polizei dem Mann schließlich eine ganze Reihe von Vergewaltigungen nachweisen.

Seine Frau hat inzwischen die Scheidung eingereicht und zusammen mit ihren beiden Kindern einen anderen Namen angenommen. Jörg Peter P. drohen bis zu 15 Jahre Haft und anschließende Sicherungsverwahrung. Für den Prozess hat das Landgericht Düsseldorf bis dato drei Verhandlungstage angesetzt. Das Urteil soll am 25. Oktober verkündet werden.
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