Mitflugzentrale Wingly: Einfach mal wieder in die Luft gehen

Von: Marc Heckert
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Runde über der Region: Olaf Holz lässt fußballbegeisterte Gäste gerne mal einen Blick in den Tivoli werfen. Foto: Marc Heckert
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Ob es in Richtung Eifel, an die Küste oder über die Aachener Innenstadt (Bild) gehen soll, entscheiden die Mitflieger. Foto: Marc Heckert
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Verfliegen unmöglich, das Kraftwerk Weisweiler vor dem Tagebau Inden ist ein markanter Punkt in der Landschaft. Foto: Marc Heckert
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Wingly-Pilot Olaf Holz startet in Merzbrück, wo sich Motor- und Segelflieger den Platz teilen. Foto: Marc Heckert
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Die Webseite www.wingly.de: Soll es nach Köln, Hamburg oder Berlin gehen? Tausende von Privatpiloten bieten Flüge an. Screenshot: zva

Region. Spätestens wenn das Flugzeug auf die Startbahn rollt, bricht auch beim letzten Passagier vor Aufregung und Vorfreude das große Kribbeln aus. Dann drückt Pilot Olaf Holz den Gashebel durch, die viersitzige Maschine beschleunigt auf der Startbahn des Flugplatzes Merzbrück und hebt ab in den Himmel über Aachen.

Das Besondere an diesem Flug: Pilot und Passagiere haben sich über die Mitflugzentrale Wingly kennengelernt, sich vorab über Flugziel und -dauer geeinigt – und werden die Kosten anschließend teilen.

„Am liebsten fliegen die Leute über Aachen, die Eifel oder den Tagebau“, erzählt Olaf Holz, während er seine schmucke weiß-blaue Socata TB 10 mit der Kennung D-EDDR (Rufzeichen „Delta Romeo“) über dem Autobahnkreuz Aachen in eine sanfte Rechtskurve legt und auf das Zentrum der Kaiserstadt zuhält, wo in der Ferne schon die Türme von Dom und Rathaus aus dem Häusermeer ragen. Der 180 PS starke Motor sorgt dafür, dass die nachmittäglichen Blechschlangen ein paar Hundert Meter weiter unten schnell zurückbleiben.

Airbnb, Uber, Blablacar

Was die Online-Mitflugzentrale Wingly.de in der Luft anbietet, hat sich am Boden schon etabliert: eine Plattform, über die Menschen Besitztümer wie ihre Wohnung, ihr Auto oder Kleider mit anderen teilen. Bekannte Vertreter sind Übernachtungsangebote wie Airbnb und Couchsurfing, der private Taxidienst Uber, Mitfahrzentralen wie Blablacar oder die Klamotten-Tauschbörse Kleiderkreisel. Das Schlagwort lautet „Sharing Economy“ (Teilen-Wirtschaft).

Der 61-jährige Holz ist einer von rund 4000 Piloten aus Deutschland, die sich auf Wingly registriert haben, 1000 weitere in mehreren europäischen Ländern kommen hinzu. Auf der Wingly-Webseite finden sich verlockende Angebote: Rundflug über den Dächern Berlins, Ausflug an den Bodensee, Flug über Köln mit Blick auf Rhein und Phantasialand.

Rund 15.000 Flugmöglichkeiten sind eingetragen, die genauen Routen sind natürlich frei aushandelbar. Und so dreht Olaf Holz, als seine Maschine die Stadtgrenze überquert hat, gerne eine Runde über dem Tivoli und lässt seine Gäste das eckige Grün im gelben Rund einmal von oben betrachten.

Wie sieht die rechtliche Seite aus? Zwar dürfen Inhaber eines Privatpilotenscheines keine kommerzielle Personenbeförderung anbieten; dafür wäre eine Berufs- oder Linienpilotenlizenz nötig, deren Kosten schnell bei weit über 100.000 Euro liegen können. Was aber ein Privatpilot wie Olaf Holz, der seine Ausbildung 2009 bei der örtlichen Flugschule Westflug Aachen absolviert hat, darf: die Mitreisenden zu gleichen Teilen an den Kosten beteiligen.

Seine Socata schlägt mit rund 240 Euro pro Flugstunde zu Buche, Sprit inklusive. Das macht bei drei „Paxen“ – Passagieren im Fliegerjargon – 60 Euro pro Stunde und Nase. Und in einer Stunde kommt die schnittige Reisemaschine weit, in rund anderthalb Stunden ist sie an der deutschen Nordseeküste, einem beliebten Ziel seiner Mitreisenden. „Vom Flugplatz aus ist man ruckzuck am Strand auf Wangerooge “, schwärmt der Pilot.

Komplette WG an Bord

Was sind das für Leute, die Flüge über Wingly buchen? Quer durch die Bank gemischt, sagt Holz: Junge Menschen, Ehepaare, Senioren, Flugerfahrene ebenso wie Neulinge. „Ich hatte gerade eine komplette WG dabei, die waren gerade nach Aachen gezogen und wollten sich ihre neue Heimatstadt mal von oben ansehen.“ Ein Anblick, der auch Alteingesessene überraschen kann: Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass das Einkaufszentrum Aquis Plaza ein begrüntes Dach hat?

Dürfen auch Kinder mitfliegen? Kein Problem, bestätigt der Pilot – „ich frage aber vorher, ob da jemand einen empfindlichen Magen hat“. Wird tatsächlich einem Mitflieger schwummerig, bietet die Privatfliegerei einen spürbaren Vorteil: Der Pilot kann eher mal die Kurve beenden, den Sinkflug einstellen oder in eine ruhigere Luftschicht steigen als der Kollege im Airbus A320 nach Mallorca.

„Delta Romeo, die 26 bitte“

Nachdem alle alles gesehen haben, geht es wieder zurück nach Merzbrück. Sich zu verfliegen wäre kaum möglich, selbst wenn GPS und Funknavigation ausfallen sollten: Die Dampfwolken des Kraftwerks Weisweiler bilden eine bestens sichtbare Orientierungsmarke.

„Delta Romeo, die 26 bitte“, gibt die Luftaufsicht des Flugplatzes die Landebahn vor. Die Socata neigt sich nach links in den Endanflug, Holz nimmt Gas heraus, richtet die Maschine auf die Piste aus. Ein paar letzte Ruderausschläge, dann setzt das Fahrwerk auf, Reifen quietschen, die Maschine rollt aus.

Während die Passagiere, in den gerade genossenen Bildern und Eindrücken schwelgend, aus der Kabine klettern, werden ein paar Unterschiede zur Urlaubsfliegerei mit Airbus & Co spürbar: Klatschen nach der Landung ist eher unüblich – und das Beste: Nach der Landung muss man nicht ewig aufs eigene Gepäck warten.

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