Mit zehn auf dem Weg zum Musik-Examen

Von: Madeleine Gullert
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Musik ist sein Leben: Dmitry Ishkanov „liebt es, Klavier zu spielen“. Zurzeit übt er gern Stücke von Grieg.

Köln. Dmitry Ishkanov hat sein Examen in Musik vielleicht schon vor dem Abitur. Der Junge, der vor einigen Tagen zehn Jahre alt geworden ist, ist der jüngste Schüler des Frühförderprogramms für musikalisch hochbegabte Kinder und Jugendliche an der Musikhochschule Köln.

Er hat einen schönen Ton und eine besondere Musikalität, sagt Ute Hasenauer, Leiterin des sogenannten Pre-College. Dmitry sei außerdem mutig, und „er hat gute Nerven“. Die braucht er wohl auch, wenn er am Sonntag das Festkonzert anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Pre-College in der Kölner Philharmonie mit einem Mozart-Stück eröffnet.

Mit zehn im zweiten Semester

2004 legte die Landesregierung in NRW einen Bericht vor, in dem die fehlenden Förderungsmöglichkeiten für Hochbegabte kritisiert wurden. 2005 wurde das Pre-College an der Kölner Musikhochschule gegründet. Das Ziel: Jugendlichen die optimale Förderung geben, ihnen Orientierung geben, bevor sie sich für eine berufliche Laufbahn als Musiker entscheiden. „Außerdem ist es für die Entwicklung besser, wenn ein junger Mensch, der immer der Beste ist, auch mit anderen zusammenkommt, die alle die Besten sind“, sagt Hasenauer. Viele Pre-College-Studenten seien nicht nur musikalisch, sondern insgesamt begabt. Nicht selten überspringen sie Klassen.

Dmitry, der in Russland geboren wurde, mit drei Jahren mit seiner Familie nach Malta zog und erst seit drei Jahren in Deutschland lebt, besucht die fünfte Klasse des Gymnasiums. Alle 19 Studenten im Pre-College gehen noch zur Schule, deshalb finden die Hochschulkurse am Wochenende statt. Alle Prüfungen entsprechen dem Studium erwachsener Studenten und werden anerkannt. Dmitry ist im zweiten Semester und hat die Zwischenprüfung absolviert. Die Kinder lernen nicht nur ihr Instrument, sondern belegen auch Nebenfächer, beispielsweise Rhythmik, Stimmbildung oder Biografienkunde. Dmitry findet das nicht immer leicht, schließlich ist er der Jüngste. Und sein Deutsch ist noch nicht perfekt. Am liebsten mag Dmitry den Klavierunterricht mit Dozentin Nina Tichmann.

Mit acht Jahren absolvierte Dmitry die Aufnahmeprüfung für das College. Er spielte unter anderem Bach und Tschaikowsky. „Die Eignungsprüfungskommission muss ein Potenzial erkennen. Wir nehmen Kinder auf, die sich mit Musik ausdrücken wollen“, sagt Hasenauer. Alle Kinder und Jugendlichen am Pre-College sind hochbegabt. Hasenauer vergleicht es gern mit dem Landeskader im Sport und bedauert, dass sie wenig wahrgenommen werden. Ihr Wunsch: Stipendien für Jugendliche oder auch, dass Politik und Wirtschaft Eltern helfen, die Kosten für Instrumente zu übernehmen.

Und überhaupt, die Eltern hätten es nicht leicht. Dmitrys Mutter findet es zwar „interessant“, was ihr Sohn da macht, ist stolz, aber der Alltag ist ein logistischer Aufwand. Immer gibt es etwas zu erledigen, wenn Dmitry etwa den Studentenausweis verliert, aber einen Proberaum in der Hochschule belegen möchte. Eltern übernehmen die Planung des Alltags zwischen Schule, Freunden, Üben, Studium, Konzerten. „Und dann werden sie häufig noch angefeindet, weil ihnen vorgeworfen wird, die Kinder zu etwas zu zwingen“, sagt Hasenauer. Man könne Kinder sicher zwingen 20 Minuten täglich ein Instrument zu spielen, aber nicht zwei Stunden pro Tag – wie es bei Dmitry und den anderen Pre-College-Studenten der Fall ist.

Klar, nach der Schule müsse er sich manchmal aufraffen, aber er übt gern, „weil Klavierspielen Spaß macht und die Stücke toll sind“. Wenn er nicht übt – zurzeit gern Grieg –, spielt er am Computer oder Schach, geht schwimmen oder fährt Rad.

Mit drei Jahren spielte eine Tagesmutter Klavier, das gefiel ihm und sie brachte ihm die ersten Grundlagen bei. Seitdem hat Dmitry viele Stunden am Klavier verbracht, doch noch immer ist er vor jedem Auftritt aufgeregt. „Dann darf man ihn nicht ansprechen“, erzählt seine Mutter und zieht die Augenbrauen hoch – wie es Mütter machen, wenn sie über die Macken ihrer Kinder sprechen. Er wolle einfach seine Ruhe haben, sagt Dmitry. Sobald er spielt, verfliegt die Angst – das weiß er nach unzähligen Auftritten und Vorspielen bei Wettbewerben.

Bei „Jugend musiziert“ holte er 2014 den ersten Preis, ebenso wie beim Jugendmusikfestival „Flame“ in Paris. Wenn er am Flügel spielt, muss Dmitry bei manchen Stücken aufstehen, weil er zu klein ist, um sitzend an die Pedale am Klavier und alle Tasten zu kommen. Ob ihm das etwas ausmacht? Nein, was für eine blöde Frage. Hauptsache, er kann spielen. Auch die Frage nach seinem Berufswunsch ist schnell beantwortet: natürlich Pianist.

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