Mit Pedalkraft über die Alpen

Von: Susanne Schramm
Letzte Aktualisierung:
11978430.jpg
Alpenüberquerung mit dem Fahrrad: ein Erlebnis. Der Aachener Holger Nacken hat es mit Freunden gemacht und ein Buch darüber geschrieben. Hier eine Szene aus dem Etschtal. Foto: Nacken
11978439.jpg
Wind um die Nase: Autor Holger Nacken auf der Straße nach Süden. Foto: Nacken
11978423.jpg
Links die Aussicht, rechts der Fels: eine Engstelle fürs Rad am Fernpass. Foto: Nacken
11978429.jpg
Vielfältige Perspektiven bei der Alpenradtour: ein Tunnelblick in Richtung Schweiz. Foto: Nacken

Aachen. Die Vorzeichen für das, was sich später ereignen sollte, standen nicht gut. Im Alter von zehn Jahren musste der kleine Holger, damals Viertklässler in der katholischen Grundschule Erzbergerallee in Aachen, zur Fahrradprüfung antreten. An diesem Tag fehlte er.

Die Vorzeichen für das, was sich später ereignen sollte, standen nicht gut. Im Alter von zehn Jahren musste der kleine Holger, damals Viertklässler in der katholischen Grundschule Erzbergerallee in Aachen, zur Fahrradprüfung antreten. An diesem Tag fehlte er.

Er lag mit Fieber und schwer erkältet daheim im Frankenberger Viertel im Bett. „Ich war wirklich krank, aber das war wahrscheinlich psychosomatisch.“ Denn Holger hütet ein Geheimnis: „Ich konnte gar nicht Fahrrad fahren.“

35 Jahre später sieht das ganz anders aus. Holger Nacken, in Aachen zur Welt gekommen, seit 1991 in Köln wohnhaft und seitdem mit zwei Seelen in seiner Brust („Ich lebe total gerne in Köln, ich mag die Stadt sehr, aber im Herzen bin ich immer Aachener geblieben.“), fährt regelmäßig mit dem Fahrrad von seiner Wohnung in der Südstadt zur Arbeit nach Ehrenfeld: „Schneller und angenehmer kommt man hier nicht vorwärts.“

Ein geborener Radfan, so sagt der 45-Jährige, sei er dennoch nicht: „Es gibt diese Freaks, die herdenmäßig fahren, das ist überhaupt nicht mein Ding.“ Und auch daran, per Pedalkraft die Alpen zu überwinden, hätte der PR-Berater nie gedacht.

Getan hat er es trotzdem. Und gemeinsam mit zwei Freunden die Strecke von Augsburg ins italienische Trient bewältigt. Über 450 Kilometer und mehr als 6000 Höhenmeter hinweg. Darüber hat der gelernte Wirtschaftsjournalist, der während seines Studiums unter anderem für die Aachener Zeitung arbeitete, jetzt ein Buch geschrieben.

„Alpenradler. Auf der Via Claudia Augusta von Deutschland nach Italien“ ist kein klassischer Reiseführer. Vielmehr wollte Nacken Geschichten vom Unterwegssein erzählen: „Das Tolle an so einer Tour ist, man sieht unheimlich viel in kurzer Zeit. Das fanden wir total spannend.“

Zehn Tage haben die drei für die Strecke gebraucht – hinzu kamen noch An- und Abreise per Zug. Was die dahinsausende „Freak“-Fraktion mit Sicherheit nicht rekordverdächtig findet: „Aber um Rekorde ging’s ja gar nicht. Wir haben auch schon mal nach einem halben Tag Schluss gemacht, wenn das Wetter schlecht war, oder haben da länger Rast gemacht, wo es schön war.“

Die Tour entlang der alten römischen Kaiserstraße, so betont Nacken, eigne sich fast für jedermann, außer für absolut ungeübte Radler Marke „Couch Potato“: „Wer sich die steilen Streckenabschnitte nicht zutraut, kann auf Shuttlebusse umsteigen.“ Die das Trio allerdings, mit stolzer Konsequenz, verschmähte. Zur Not wurde geschoben. Meistens bergab.

Zwischen Entscheidung und Losfahren lagen sechs Monate. Angefangen hat alles mit einem Artikel im „Panorama“, der Mitgliederzeitschrift des Deutschen Alpenvereins, in dem es um den Radweg „Via Claudia Augusta“ entlang der alten Römerstraße von Bayern über die Alpen ging. Nacken war fasziniert: „Wow, Alpenüberquerung! Hannibal in einer Woche schaffen! Große Freiheit auf zwei Rädern!“

Bis dahin ging seine größte Radtour von Köln nach Koblenz. 100 Kilometer, in zwei Tagesabschnitten: „Zu einem Auswärtsspiel von Alemannia Aachen.“ Fan der Alemannen ist er seit seinem zehnten Lebensjahr – und verpasst bis heute keines ihrer Spiele im Tivoli: „Ich habe eine Dauerkarte.“

Nach der fesselnden Lektüre mailte Nacken zwei Freunden, mit denen er schon oft durch Österreich gewandert ist – die fanden die Idee klasse. Bei einem Treffen in Aachen wurde daraus beschlossene Sache.

All das, aber auch Klein-Holgers vorgymnasiale Fahrradprüfungsparanoia, das Fitness-Training für die große Tour unter Zuhilfenahme einer Smartphone-App mit dem gruseligen Namen „Zombie Run“ und die elf Stationen der Reise auf römischen Spuren kann man in Nackens Buch nachlesen.

Die einzelnen Kapitel lesen sich ungemein locker und lebendig. Da gibt es Landschaftsbeschreibungen, bei denen man am liebsten gleich losradeln würde, allerlei Begegnungen mit skurrilen Bergkameraden und wunderbare Kopfkinokurzfilme, bei denen sich Nacken beispielsweise vorstellt, man sei unterwegs ins Schattenreich Mordor („Herr der Räder“). Auch das Kulinarische kommt nicht zu kurz, bis hin zum Rezept für „Tiroler Gröstl“.

Mit viel Sinn für Ironie setzt sich der Autor mit der Spezies Biker auseinander, die von knallharten Crossern bis hin zu jenen reicht, die als „Mamils“ (Middle aged men in Lycra“) nicht nur den Geruchssinn betreffende Probleme verursachen. Bisweilen geraten die drei Freunde an Grenzen, meistern aber selbst die übelste Bergtortur mit Hilfe inbrünstiger Fußballchoräle: „Wen hauen wir blau? Den Ha-Es-Vau!“

Leitmotivisch zieht sich der Vergleich des Reisens per pedes und per Pedalen durch die Lektüre. Gleich ist, dass beides entschleunigt: „Was scheren mich die E-Mails und Outlook-Probleme?“ Rückblickend jedoch bleibt das Wandern erste Wahl: „Hier kann man Dinge langsamer und intensiver erleben. Und sich auch besser miteinander unterhalten. In voller Fahrt ist das nicht drin.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert