Alemannia Ticker

Mit mehr als einem Dutzend Stiche getötet

Von: Angela Delonge
Letzte Aktualisierung:
Facebook Prozess
Der Angeklagte Karl-Heinz H. (links) und seine Frau am Dienstag im Gerichtssaal. Sie sollen einen Facebook-Kontakt ihrer zwölf Jahre alten Tochter erstochen haben - im Glauben, der erwachsene Mann sei ein Pädophiler. Foto: Ralf Roeger
Facebook Prozess
Nadine H. und ihr Mann sollen den Facebook-Kontakt in einen Hinterhalt gelockt und umgebracht haben. Foto: Ralf Roeger
Facebook Prozess
Sven L. (rechts) ist angeklagt, zusammen mit dem Ehepaar das Opfer erstochen zu haben. Foto: Ralf Roeger

Aachen/Eschweiler. Der erste Verhandlungstag über den rätselhaften Fall von Selbstjustiz in Eschweiler, der seit dem Dienstag am Landgericht Aachen verhandelt wird, begann für den Vorsitzenden Richter Arno Bormann gleich mit einem Ärgernis: Michael H., angeklagt wegen Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung, ließ das Gericht und die zahlreiche erschienenen Zuschauer eine geschlagene Stunde warten.

Er habe verschlafen, brachte der 42-Jährige schließlich als Entschuldigung vor. Was Richter Bormann zu der Bemerkung veranlasste: „Wenn ich so eine Anklage vor der Brust hätte wie Sie, würde ich die ganze Nacht nicht schlafen.“

Der Tatbeteiligte Michael H. sei mit dem Mord an Christian L. einverstanden gewesen, indem er auf die Kinder der Eheleute H. aufpasste, während diese das Opfer „verletzten, folterten, töteten“, sagte Staatsanwalt Boris Petersdorf am Dienstag. Nadine und Karl-Heinz H. haben sich als Hauptangeklagte vor Gericht zu verantworten, ebenso wie Sven L. Den Dreien wird gemeinschaftlicher Mord und schwere räuberische Erpressung mit Todesfolge vorgeworfen.

Nadine und Karl-Heinz H. sollen im August des vergangenen Jahres Christian L. auf hinterlistige Art und Weise und aus niederen Beweggründen in einem Hinterhalt gelockt und erstochen haben. Sven L. habe bei der Planung dieser Tat geholfen, er – nach eigenen Aussagen Waffensammler – habe die Tatwaffen besorgt. Als „Trophäe“ hätten die Eheleute H. ihm das Handy des Opfers versprochen, sagte der Staatsanwalt.

Christian L., der in einer Werkstatt für Körperbehinderte in Eschweiler arbeitete, hatte über Facebook versucht, Frauen aus seiner Stadt kennenzulernen. Dabei geriet er auch an eine Zwölfjährige, die allerdings von ihren Eltern, Nadine und Karl-Heinz H., in dem sozialen Netzwerk als 22-Jährige angemeldet worden war.

Nach ein, zwei Anfragen nach dem Motto „Wie geht es dir?“ oder „Guten Abend“ sei der Kontakt jedoch versandet, sagte der Staatsanwalt. Obwohl es dafür keine Anhaltspunkte gegeben habe, hätten die Eltern vermutet, der Mann wolle die Zwölfjährige missbrauchen und zudem überprüfen wollen, ob Christian L. Fotos von der Tochter auf seinem Handy habe. Ein entsprechendes Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt, das ins Leere lief, habe ihnen nicht gereicht.

Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt: Nadine und Karl-Heinz H. wollten den ihrer Meinung nach pädophilen Christian L. bestrafen und lockten ihn mit Hilfe einer Bekannten, der 38-jährigen Marlene M., in die Falle. Sven L. stand derweil mit einem Würgedraht bereit, um einen eventuellen Fluchtversuch des Opfers zu vereiteln.

Die freizügig gekleidete Nadine H. schlug Christian L., der von Sex mit der Frau ausgegangen war, mit einem Schlagring. Dann verlangten die Eheleute die Herausgabe des Handys von Christian L., auf dem jedoch keine Fotos der Tochter zu sehen waren. Mit „absolutem Vernichtungswillen“ habe Karl-Heinz H. dann auf Christian L. eingestochen, sagte der Staatsanwalt.

Das Opfer trug mehr als ein Dutzend Stichverletzungen davon und blieb stark verletzt, aber noch lebend, am Boden liegen. Die Eheleute nahmen sein Handy mit und übergaben es an Sven L. Zum Hergang, den Motiven und Hintergründen der Tat wollte sich am Dienstag keiner der Angeklagten äußern. Die Staatsanwaltschaft hofft, diese im Laufe des Prozesses – angesetzt sind 15 Verhandlungstage – zu ergründen.

Bis auf Karl-Heinz H. machten jedoch alle Angeklagten mehr oder weniger ausführliche Angaben zu ihren persönlichen Lebensumständen. Nadine H. sagte zum Beispiel aus, dass sie regelmäßig Alkohol und Drogen konsumiert habe und auch zum Tatzeitpunkt unter erheblicher Drogeneinwirkung gestanden habe: zwei bis drei Gramm Amphetamine (Aufputschmittel) und je eine halbe Flasche Rum und Holunderschnaps sollen es nach ihren Angaben gewesen sein. Die Verhandlung wird am 19. Februar fortgesetzt.

Leserkommentare

Leserkommentare (8)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.