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Mit Köpfchen und Sitzfleisch: Ein Detektiv in der Aachener Region

Von: Ines Kubat
Letzte Aktualisierung:
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Unerkannt bleiben gehört zu seinem Beruf: Jochen Meismann ist Detektiv. Foto: privat

Region. Versteckt hinter Waren kauert Jochen Meismann mit einem Kollegen in einer Lagerhalle. Ein weiterer Mitarbeiter wartet vor der Tür. Es ist mitten in der Nacht, und Meismann hofft, endlich die Täter zu ertappen, die schon häufiger in die Halle eingedrungen sind. Doch plötzlich nähert sich dem Gebäude nicht nur ein Einbrecher, sondern direkt eine ganze Horde.

Das Herz schlägt Meismann bis zum Hals. Und zum ersten Mal in seinem Leben fragt er sich, ob das Pfefferspray in seiner Tasche diesmal ausreicht. Jochen Meismann ist Detektiv. Eher selten geht es bei seinen Aufträgen so gefährlich zu wie bei der Observation der Lagerhalle, die glimpflich endete. Denn was viele nicht wissen: Realität und Fiktion gehen in kaum einem Beruf so weit auseinander wie bei Detektiven.

„Ich habe noch keine Serie oder keinen Film gesehen, die ansatzweise die Realität meines Alltags widerspiegeln.“ Während bekannte Ermittler aus Film und Fernsehen wie Sherlock Holmes, Miss Marple oder Magnum nur ihren Verstand brauchen, um Fälle zu lösen, müssen echte Detektive vor allem Sitzfleisch haben, zahlreiche Gesetze einhalten und gegen so manche Vorurteile ankämpfen.

Für Meismann, der knapp 80 Mitarbeiter in ganz Deutschland beschäftigt, ist die Region Aachen eines der lukrativsten Pflaster. Er selbst glaubt, dass das an den vielen Firmen liegt. Denn seine Detektei mit Hauptsitz in Dorsten lebt hauptsächlich von Aufträgen aus der Wirtschaft – in seinem Alltag geht es um Arbeitszeit-, Versicherungsbetrug und um Spesenmanipulation. Laut ZAD, Zentralstelle für die Ausbildung im Detektivgewerbe, ist das bei den meisten der knapp 1300 Detekteien in Deutschland genauso. Nur ein kleiner Teil der Aufträge sind privater Natur.

Detektiv zu sein – das klingt für viele erst mal hochspannend. Auch Meismann schwärmt von dem Beruf, der jeden Tag neue Herausforderungen biete: „Man muss schlauer als der Täter sein und ihm immer einen Schritt voraus .“ Aber gleichzeitig bedeute der Beruf auch, dass man lange Zeit im Auto warten müsse, ohne dass das Geringste passiere, gibt der 53-Jährige zu. Wenn man Pech habe, dauerte das schon mal 30 Stunden. Deshalb erwartet er von seinen Mitarbeitern vor allem eins: Geduld.

Die ist besonders bei Observationen nötig. Häufig werden die Ermittler von Firmen engagiert, die Mitarbeiter verdächtigen, gar nicht wirklich krank zu sein oder falsche Angaben zu ihren Arbeitszeiten und Spesen zu machen. Dann werden aus Mitarbeitern Zielpersonen, und die Detektive heften sich an ihre Fersen. Meismann berichtet von einem der neuesten Fälle aus Aachen: „Schon früh am Morgen postierten wir ein Detektivteam vor der Wohnung eines Handwerkers, weil sein Arbeitgeber vermutete, dass er trotz Krankenschein schwarz auf einer anderen Baustelle arbeitet.“

Im Einsatz gilt für die Ermittler dann ein Gebot: Sie müssen unerkannt bleiben, damit sich die Zielperson nicht beobachtet fühlt – selbst bei Verfolgungsjagden durch die Stadt oder über die Autobahn. Mit Fotos und einem Bericht dokumentieren die Ermittler ihre Beobachtungen. Wenn dann aus ihrem Fall ein Fall für die Justiz wird, dienen ihre Dokumente als Beweismittel, ihre Beobachtungen als Zeugenaussagen.

Doch anders, als Laien glauben, bewegen sich die Detektive in einem engmaschigen Netz aus Gesetzen: Beispielsweise dürfen sie nur das observieren, was in der Öffentlichkeit passiert. Durch ein Fenster in eine Wohnung hineinzufotografieren, ist beispielsweise verboten. Ebenso dürfen sich Detektive keinen Zutritt zu Wohnungen verschaffen. Das sei genauso strafbar wie bei jeder anderen Person. Denn Sonderrechte gebe es nicht, sagt Meismann.

Er selbst hat in den 80er Jahren den Beruf in der Detektei seines Vaters gelernt. Zwar ist noch heute der Titel „Detektiv“ nicht geschützt, und erfordert keine spezielle Berufsausbildung, die Zentralstelle für die Ausbildung im Detektivgewerbe (ZAD) bietet allerdings einen zehn- oder 22-monatigen Lehrgang an. Jedes Jahr melden sich viele Interessenten für dieses Fernstudium an.

Bis zur Abschlussprüfung blieben aber nur sehr wenige am Ball, sagt ZAD-Geschäftsführer Andreas Heim: „Wir haben einen sehr hohen Rechtsanteil in der Ausbildung.“ Das schrecke viele ab, weil sich die Erwartungen von der Realität stark unterscheiden. Knapp 25 Absolventen schickt die ZAD jedes Jahr auf den Markt. „Das heißt aber noch lange nicht, dass man ein guter Detektiv ist, wenn man solch ein Zertifikat hat“, sagt der Geschäftsführer.

Was es wirklich bedeute, Detektiv zu sein, das lerne man eigentlich erst in der Praxis. Gute Menschenkenntnis und das richtige Gespür müsse man mitbringen. Sie sind bei der Recherche von Bedeutung: „Man geht ja nicht auf jemanden zu und sagt: ‚Ich bin Privatdetektiv‘.“ Stattdessen versuchen seine Mitarbeiter, unter einem Vorwand an Informationen zu kommen. „Lügen“ nennt Meismann die Strategie nicht, sondern „Geschichten erzählen“.

Genau diese Fähigkeit eines Geschichtenerzählers brauchen die Detektive, wenn sie beispielsweise in Betriebe eingeschleust werden: Als vermeintliche Mitarbeiter sollen sie Missstände aufdecken wie Sabotage, Arbeitszeitbetrug oder Diebstahl. Wenn selbst das keine Erkenntnisse bringt, kann die Detektei eine letzte Möglichkeit anbieten: versteckte Kameras. Das sei in Betrieben aber nur bei einem „begründeten zivilrechtlichen Verdacht“ erlaubt – wenn beispielsweise immer wieder geklaut wird. Aufzeichnungen, um die Arbeitsleistung der Mitarbeiter zu überwachen, seien hingegen immer verboten, erklärt der Geschäftsführer.

Mitunter kommt es aber auch vor, dass seine Mitarbeiter versteckte Kameras in Privatwohnungen installieren, sagt der Detektiv und erinnert sich an einen Fall im Kreis Düren: Eine Seniorin hatte das Gefühl, dass immer wieder jemand in ihre Wohnung eindringt und persönliche Sachen durchwühlt. Tatsächlich zeichneten die Kameras den Täter auf – zum großen Schock der Seniorin: „Es war der Enkel, der seiner Großmutter Bargeld klaute“, erzählt Meismann.

Doch auch in diesen Fällen gibt es strikte Grenzen für die Ermittler: „Wir installieren keine Kameras, wenn Frauen oder Männer ihre Partner verdächtigen, sie zu betrügen.“ Denn das sei eine eindeutige Verletzung der individuellen Persönlichkeitsrechte. Insgesamt jedoch ist Ehebruch ein großes Thema für Detektive – die Angst der Menschen, betrogen zu werden, füllt den Ermittlern die Taschen. Täglich gibt es mehrere Anrufer, die gerne die Treue ihrer Partner überprüfen lassen würden – egal mit welchen Mitteln.

Suche nach Wanzen

Viele wollen, dass wir ihre Partner mit Wanzen abhören, GPS-Sender am Auto installieren oder Kameras aufstellen.“ All das gehe aber rechtlich nicht. Die reine Observation hingegen ist kein Problem. Gerade die Karnevalstage sind deshalb eine kleine Goldgrube für die Privatermittler – auch in Aachen. Manche Auftraggeber gehen allerdings noch einen Schritt weiter und lassen die benutzte Unterwäsche ihres Partners auf Spermaspuren untersuchen – auch diesen Service bietet die Detektei an. Rechtlich gesehen darf sie das.

Nicht nur Misstrauen, sondern auch Verfolgungswahn scheint in der Gesellschaft zuzunehmen. Mittels teurer Technik untersucht die Detektei Autos auf Wanzen und GPS-Sender – und wird häufig fündig. Ein Viertel dieser Aufträge käme von Privatleuten, der überwiegende Teil allerdings von Parteien, Gewerkschaften, Aktiengesellschaften und Konzernen, die sich bespitzelt fühlen. Für diese Aufgaben setzt Meismann Mitarbeiter ein, die sich damit bestens auskennen: Denn zu seinem Team gehören einige Ruheständler, die früher bei der Polizei, dem Bundesnachrichtendienst oder dem militärischen Abwehrdienst gearbeitet haben.

Meismann selbst arbeitet mittlerweile überwiegend im Innendienst, betreut Kunden, plant die Einsätze. Mit seinem Beruf ist er in der Öffentlichkeit nie wirklich offensiv umgegangen. Erstens, weil ihm immer wieder dieselben Fragen gestellt werden, zweitens, weil man manchmal darauf angewiesen ist, nicht bekannt zu sein wie ein bunter Hund. „Bei manchen Mitarbeitern wissen nicht einmal ihre Nachbarn, dass sie Detektiv sind.“

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