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Mit der Kraft der Masse gegen das Kernkraftwerk Tihange

Von: Christian Rein
Letzte Aktualisierung:
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„Stop Tihange!“: Gleich mehrfach schallte der Ruf am Samstagnachmittag über die weite Fläche des Maastrichter Marktes. Foto: Andreas Steindl
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Internationaler Protest: Mehr als 1000 Demonstranten aus allen Teilen der Euregio zogen am Samstag durch die Innenstadt von Maastricht, um gegen das Atomkraftwerk im belgischen Tihange zu demonstrieren. Sie überreichten auch eine Petition an politische Vertreter, unter anderem an Maastrichts Bürgermeister Onno Hoes (unten rechts). Die Eingabe haben im Internet 10 645 Menschen unterstützt. Foto: Andreas Steindl

Maastricht. Wenn eine große Menge Menschen aus voller Kehle wie mit einer Stimme spricht, dann kann das eine Gänsehaut auslösen. Wer einmal in einem Fußballstadion war, der weiß, wovon die Rede ist. Als am Samstagnachmittag der Ruf „Stop Tihange!“ mehrfach über die weite Fläche des Maastrichter Marktes schallte, da waren auch etliche der Demonstranten sichtlich beeindruckt von ihrer eigenen Kraft, der Kraft der Masse.

Mehr als 1000 Menschen aus dem niederländischen, belgischen und deutschen Teil der Euregio waren in das Herz Südlimburgs gekommen, um gegen Kernenergie im Allgemeinen und das belgische Kernkraftwerk Tihange nahe Lüttich im Besonderen zu protestieren. Aufgerufen dazu hatten die Limburger Grünen (Groen­Links), die bei der Schlusskundgebung auch eine Petition an politische Vertreter überreichten.

Bereits mittags trafen sich zahlreiche Demonstranten auf dem Platz Plein 1992. Die Stadt Maastricht hatte den Startpunkt für die Demonstration extra vom Bahnhof dorthin verlegen lassen, weil sie entgegen ersten Annahmen doch eine größere Teilnehmerzahl erwartete. Niederländisch, Französisch, Deutsch, zur Not auch Englisch – es ging bunt durcheinander. „Tihange dicht, Limburg veilig“ (Tihange geschlossen, Limburg sicher), hieß es auf einem Transparent. „Orte für Akw gibt‘s nirgendwo, auch nicht in der Euregio“, stand auf einem Plakat. In allen Sprachen identisch und allgegenwärtig aber war die Forderung „Stop Tihange!“

So wurde der Plein 1992, der an die Unterzeichnung der Maastrichter Europa-Verträge erinnert, tatsächlich zu einem Ort der internationalen Verbrüderung, denn eine derart grenzüberschreitende Protestveranstaltung in einem der euregionalen Zentren hatte es bis dato so noch nicht gegeben.

Motiviert haben dürfte viele Demonstranten die in wenigen Tagen erwartete Entscheidung der belgischen Regierung darüber, ob Block 2 in Tihange und Block 3 im Schwesterkraftwerk in Doel bei Antwerpen wieder ans Netz dürfen. Beide Blöcke sind derzeit nicht in Betrieb, nachdem jeweils Tausende kleine Risse in den Druckbehältern entdeckt worden waren. Der Betreiber Electrabel hält die Meiler nach einer Überprüfung allerdings wieder für startklar. Es wird erwartet, dass die belgische Atomaufsicht FANC (Federaal Agentschap voor Nucleaire Controle) dem Bericht Vertrauen schenkt und das Anfahren der Reaktoren empfehlen wird.

Zweifel daran schürt hingegen eine von den Grünen im Europäischen Parlament in Auftrag gegebene Studie der unabhängigen Materialexpertin Ilse Tweer, deren Ergebnisse ebenfalls am Wochenende bekannt wurden.

Tweer hat die verfügbaren Informationen zu den Rissen gesichtet und wirft im Ergebnis vor allem kritische Fragen auf. Dabei geht es etwa um die von Electrabel verwendeten Proben für die Überprüfung der Druckbehälter sowie um die Vorgehensweise bei den Tests, die Electrabel nicht offenlegt. Außerdem ist die Dokumentation des Stahllieferanten und des Herstellers lückenhaft. Schließlich muss sich die belgische Atomaufsicht vorhalten lassen, dass sie trotz deutlicher Hinweise den Mängeln nicht bereits zu einem früheren Zeitpunkt nachgegangen ist.

„Es wäre unverantwortlich, die Reaktoren wieder anzufahren, bevor die von Frau Tweer aufgeworfenen Fragen beantwortet sind“, teilt Rebecca Harms, die Vorsitzende der Grünen im Europaparlament, zu den Ergebnissen der Studie mit: „Solange wir nicht zweifelsfrei wissen, wann und wodurch die Defekte im Stahl entstanden sind und ob diese sich im Betrieb unter Umständen vergrößern, müssen die Reaktoren abgeschaltet bleiben. Ein plötzliches Bersten des Druckbehälters könnte sonst in der dicht besiedelten Region um die Reaktoren katastrophale Folgen haben.“

Die Demonstranten zogen derweil durch den Maastrichter Ortsteil Wyck und dann über die Sint Servaasbrug hinüber auf die andere Seite der Maas, direkt vor das historische Rathaus, in dem Bürgermeister Onno Hoes arbeitet.

Für den VVD-Politiker war die Protestveranstaltung durchaus eine Herausforderung. Hoes ist nicht als großer Kritiker von Tihange bekannt, obwohl das Kraftwerk von Maastricht aus keine 50 Kilometer Luftlinie die Maas hinauf entfernt liegt. Doch die Forderungen der Demonstranten betreffen auch ihn: Als Vorsitzender der Sicherheitsregion Südlimburg, einer Vereinigung der Vorsteher der Kommunen und der Sicherheitskräfte in der Region, ist er für den Katastrophenschutz zuständig. Deshalb soll er sich um eine bessere grenzüberschreitende Zusammenarbeit und vor allen Dingen einen Katastrophenschutzplan für das Szenario eines Unfalls in Tihange einsetzen.

Hoes bekam also, wie auch Bert Kersten, Abgeordneter im Limburger Provinzparlament, und Manon Fokke, Parlamentsabgeordneter in Den Haag (beide PvdA), eine Petition überreicht, die 10 645 Menschen im Internet unterstützt haben. Im Gespräch mit den „Nachrichten“ kündigte Hoes anschließend an, dass es noch in diesem Jahr eine grenzüberschreitende Katastrophenschutzübung in der Euregio geben soll. Einen genauen Termin oder Details nannte er allerdings nicht. Es werde wohl Sommer oder Herbst werden, bis die Übung stattfindet.


Damit dürfte zumindest ein Teilziel der Demonstranten erreicht sein. Die waren ohnehin mit ihrem Protest zufrieden. Gert-Jan Krabbendam, Mit-Organisator (GroenLinks), sprach von einem deutlichen Signal an die Verantwortlichen, endlich aktiv zu werden. Jörg Schellenberg vom Aachener Anti-Akw-Bündnis, der auch auf dem Podium redete, wertete die Veranstaltung als Beginn einer grenzüberschreitenden Bewegung. Der Dürener Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer (Grüne) nahm den Protest aber auch als Auftrag, in Belgien Alternativen zur Kernenergie aufzuzeigen: „Die Menschen in Belgien leben schon so lange mit der Atomkraft, dass sie gar keine Idee davon haben, wie es anders gehen könnte.“


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